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Flächenverbrauch - Wenn der Boden dicht gemacht wird

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Jeden Tag nimmt die Fläche für Häuser und Straßen um 66 Hektar zu - mit teils schlimmen Folgen für die Umwelt. Deshalb soll der Flächenverbrauch bis 2030 drastisch gesenkt werden.

Bauarbeiter auf einer Baustelle
Bauarbeiter auf einer Baustelle Quelle: dpa

66 Hektar Fläche werden pro Tag verbaut. Das sind etwa 94 Fußballfelder. Und noch eine Zahl: Von 1992 bis 2015 ist die Siedlungs- und Verkehrsfläche von rund 40.000 auf 50.000 Quadratkilometer gewachsen. Zwar zählen dazu auch unbebaute Grünflächen, fast die Hälfte davon wird aber versiegelt. Das heißt, sie verschwindet unter Stein, Asphalt, Beton und Stahl. Das Motiv: Mit Straßen wird der Verkehr entlastet, Wohnraum wird gebraucht und Gewerbegebiete bringen Jobs und Steuergelder.

Gefahr von Überschwemmungen

Die Versiegelung allerdings schafft auch Probleme: "Der Boden erfüllt unverzichtbare Funktionen für unsere Ökosysteme", sagt Henry Wilke vom Naturschutzbund NABU. "Mit dem Verbrauch neuer Flächen gehen vor allem die Fruchtbarkeit und die Wasserdurchlässigkeit verloren." Die Folgen: Die Grundwasservorräte schwinden, dafür fließt mehr in die Kanalisation oder in Vorfluter, die im Extremfall überlastet sind. Das macht Überschwemmungen wahrscheinlicher.

Und die Natur leidet. Die Landschaft werde zunehmend zerschnitten, warnt Andreas Faensen-Thiebes vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). Tieren fehle der Raum, um ungestört zu leben und sich fortzupflanzen. In den Städten dagegen entstehen immer mehr Hitzeinseln. Denn der verbaute Boden gibt keine kühlende Feuchtigkeit ab. Gleichzeitig nehmen Beton und Stein die Wärme auf.

Recycling von Flächen

Bis 2030 soll deshalb das tägliche Flächenwachstum von 66 auf unter 30 Hektar gesenkt werden, so der Plan der Bundesregierung. Die Maßnahmen: weniger Baufläche, dafür mehr Nachverdichtung, mehr Geschosswohnungsbau und Nutzung bestehender Grundstücke. Brachflächen sollen "recycelt", also wiederverwendet werden. Und: Die Menschen sollen für das Problem sensibilisiert werden. "Wir versuchen da zu überzeugen", sagt Gertrude Penn-Bressel vom Umweltbundesamt. Mit Aktionen, Ideen, einer Info-Website und Hinweisen. Zum Beispiel auf Dörfer, die mit Erfolg den Kauf und Umbau alter Häuser im Ortskern fördern.

Aber reicht das, um das 30-Hektar-Ziel bis 2030 zu erreichen? "Es wäre zu machen, wenn man es auch wollte", sagt Penn-Bressel. Bisher arbeitet aber jede Kommune für sich. Eine strikte Raumordnung, die etwa landesweit dafür sorgt, dass platzsparend und nach Bedarf gebaut wird, gebe es nicht. "Viele Politiker haben Angst vor der eigenen Courage."

Auch NABU-Experte Wilke hat Zweifel. "Natürlich wäre es eine gute Maßnahme, wenn ab sofort keine neuen Einfamilienhausgebiete mehr ausgewiesen und gebaut werden würden", sagt er. "Wäre das populär? Nein. Sinnvoll hingegen schon." Zwar war der Flächenverbrauch zuletzt insgesamt rückläufig (2004 lag er noch bei über 100 Hektar am Tag). Aber: Der Bau boomt gerade. Weil die Zinsen niedrig sind, wird das Geld in Immobilien gesteckt. Im März 2017 ist außerdem das Baurecht geändert worden. Für Städte und Kommunen ist es nun sogar leichter, neue Baugebiete auszuweisen.

Höhere Ansprüche

"Man hat schon das Gefühl, dass der Konsens aufgekündigt worden ist", kritisiert daher auch Faensen-Thiebes vom BUND. Schuld seien aber nicht nur Kommunen und Investoren, sondern auch die Bürger. Deren Wohnansprüche seien nämlich gestiegen. Viele Familien wollen das Haus im Grünen mit ordentlich viel Platz. "Und Kinderbaugeld und Entfernungspauschale setzen dabei die falschen Anreize", sagt Faensen-Thiebes.  

Stattdessen sollte über neue Wohnformen nachgedacht werden, schlägt er vor. Solche, in denen Räume und Flächen gemeinsam genutzt werden. "Damit ließe sich eine ganze Menge bewirken." Henry Wilke fordert zudem intelligente und nachhaltige Konzepte. "Gebäude müssen so gebaut werden, dass ihre Nutzung in fünf, zehn oder 20 Jahren unproblematisch geändert werden kann." Das 30-Hektar-Ziel zu erreichen sei am Ende aber keine technische Frage, sondern vor allem eine des Umdenkens.

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