Sie sind hier:

Belgien - Flamen wollen es den Katalanen nicht nachmachen

Datum:

In Belgien tritt die Neu-Flämische Allianz (N-VA) seit Jahren für die Unabhängigkeit Flanderns ein. Die Argumente ähneln denen der Katalanen in Spanien. Flandern pumpt über den Staatshaushalt Milliarden in ärmere Teile des Landes. Doch dem Beispiel Kataloniens wird man hier nicht folgen.

Belgien ist ein kompliziertes Konstrukt aus drei Regionen: Flandern im Norden, Wallonien im Süden und der Region Brüssel. In Flandern boom die Wirtschaft, jahrelang schon pumpt man Milliarden in den ärmeren wallonischen Teil des Landes. Das nutzt die …

Beitragslänge:
2 min
Datum:


Wer am 13. Dezember 2006 vor dem Fernsehbildschirm saß, konnte die Trennung des Landes schon erleben. Das französischsprachige Fernsehen Belgiens unterbricht sein Prime-Time Programm für eine Sondersendung. Ernst verkündet der Moderator: "Gleich wird Flandern seine Unabhängigkeit erklären. Belgien wird dann nicht mehr existieren." Die Ereignisse überschlagen sich: Verschiedene Reporter berichten live: Soeben sei die Entscheidung im flämischen Parlament gefallen. Belgien sei damit Geschichte. Die Königliche Familie sei außer Landes geflüchtet. Die Flamen würden feiern. Erst nach 30 Minuten klärt der Moderator auf: "Dies ist eine Fiktion."

In der Zwischenzeit jedoch - und das ist keine Fiktion - ist das Telefonnetz des Senders lahmgelegt, auch bei der Polizei steht das Telefon nicht mehr still. Belgienanhänger versammeln sich vor dem Königspalast, demonstrieren für die Einheit des Landes.

Fiktives Spiel mit realen Ängsten

Viel diskutiert wurde damals darüber, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender ganz bewusst seine Zuschauer in die Irre führte. Carl Devos, Politikwissenschaftler an der Universität Gent, ist sich sicher, heute würde man das nicht mehr so einfach glauben: "Es sah so aus, als würde es wirklich passieren. Es passte gut zu der Angst, die damals im französischsprachigen Teil des Landes herrschte, dass die Flamen ihre Unabhängigkeit erklären würden. Darum sind so viele Menschen darauf reingefallen."

Nach dem Referendum in Katalonien forderte Belgiens Premier, Charles Michel, als erster Regierungschef per Twitter den politischen Dialog ein. Tage später beschwor er im Parlament die Einheit Belgiens: "Wir haben es immer geschafft, Lösungen auf Basis unserer demokratischen Prinzipien zu finden. Das ist eine wichtige Lektion auch für die Zukunft."

Belgien ist ein kompliziertes Konstrukt

Belgien ist ein kompliziertes Konstrukt aus drei Regionen: Brüssel, Flandern im Norden und Wallonien im Süden. Einst lebten die Menschen im Süden des Landes von der Kohle- und Stahlindustrie und schufen Belgiens Reichtum. Doch geblieben sind brachliegende Industrielandschaften und eine Arbeitslosigkeit, die weit über dem belgischen Durchschnitt liegt. In Flandern hingeben boomt die Wirtschaft. Jahrelang schon pumpt Flandern über den Staatshaushalt Milliarden in den ärmeren wallonischen Teil des Landes.

Das nutzt die Neue Flämische Allianz (N-VA) von Bart de Wever. Bei den Wahlen 2010 feierte die N-VA einen erdrutschartigen Sieg. De Wever wurde mit der Regierungsbildung beauftragt, doch keine wallonische Partei wollte mit ihm koalieren. Es dauerte 541 Tage, bis eine Regierung stand, ohne die N-VA. Bei der nächsten Parlamentswahl 2014 wurde sie wieder stärkste Partei und steht heute dem Innenministerium, dem für Finanzen und dem für Verteidigung vor. Die Partei stellt Staatssekretäre, die sich um Asyl- und Immigrationspolitik und die Armutsbekämpfung kümmern.

Unabhängigkeit durch Reformen

Die N-VA vertritt wirtschaftsliberale Positionen, will die Unabhängigkeit Flanderns auf lange Sicht durch Staatsreformen und friedlich erreichen. Wenn sie eine schnelle Unabhängigkeit wollte, würde sie nicht mitregieren und würde versuchen die Flamen zu einem Referendum zu drängen.
Unlängst hatte de Wever zum Familientag geladen und von der Bühne zu seinen Anhängern gesprochen: "Nur wenn wir uns selbstregieren, können wir unsere Arbeit machen. Darum rufe ich jeden auf, der ein selbständiges Flandern will, unsere Reihen zu verstärken".
Nicht überbewerten solle man solche Aussagen, kommentiert der Politikwissenschaftler Carl Devos: "Es ist eine sehr kluge politische Kommunikation. Bart de Wever will das Publikum bedienen, das die flämische Unabhängigkeit will. Für Unabhängigkeit sind in Flandern aber nur rund 10 bis 15 Prozent. Der Größte Teil der Bevölkerung will das nicht. Die Partei wird nicht das Risiko eingehen, ein Referendum zu organisieren, um festzustellen, dass die meisten Menschen es nicht wollen."

Nach der belgischen Verfassung wäre so ein Referendum verboten. Das Beispiel Katalonien zeigt eines der wichtigsten Probleme auf: Auch ein unabhängiges Flandern wäre nicht mehr Teil der EU. Doch die flämische Wirtschaft könnte ohne die EU schlecht existieren. Der Hafen von Antwerpen gilt als einer der wichtigsten Arbeitgeber und lebt vom In- und Export.
Weit entfernt ist Belgien von einem Referendum derzeit. Und dennoch wird die N-VA die flämische Identität zum Topthema der Parlamentswahlen 2019 machen.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.