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Neuer Fleischatlas - Hamburger aus der Petrischale

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Mark Post gehört zu den Wissenschaftlern, die Fleisch im Labor herstellen. Das sei gut für Klima und Tiere - und die Weltbevölkerung werde satt, sagt er im heute.de-Interview.

Archiv: Mark Post hält den weltweit ersten im Labor gezüchteten Beef Burger während einer Auftaktveranstaltung am 05.08.2013 in West London
Archiv: Mark Post hält den weltweit ersten im Labor gezüchteten Beef Burger während einer Auftaktveranstaltung am 05.08.2013 in West London (Großbritannien) Quelle: reuters

heute.de: Immer mehr Menschen verzichten in ihrem Speiseplan auf Fleisch. Dennoch gehen Wissenschaftler davon aus, dass die Nachfrage nach tierischem Eiweiß in den kommenden Jahren steigen wird. Warum?

Mark Post: Weil die Weltbevölkerung rasant wächst. Nach Berechnung der Vereinten Nationen wird bis 2050 die Zahl der Menschen von derzeit rund 7,5 Milliarden auf zehn Milliarden steigen. Die UN-Abteilung für Wirtschaft und Soziales errechnete, dass Indien in etwa sieben Jahren das bevölkerungsreichste Land der Erde sein wird, noch vor China. In beiden Ländern wird aber auch der Lebensstandard schnell steigen. Geht es den Menschen besser, verlangen sie meist auch nach mehr Fleisch.

heute.de: Kann im Labor hergestelltes Fleisch, sogenanntes clean meat oder cultured meat, helfen, die Nachfrage zu befriedigen?

Post: Ja, weil wir dabei weniger Ressourcen verbrauchen als bei der herkömmlichen Fleischproduktion mit lebenden Tieren.

heute.de: Das heißt, Wissenschaftler wie Sie erzeugen Fleisch, ohne dass dafür Tiere leiden oder sterben müssen?

Post: Genau. Vor fünf Jahren haben wir begonnen, Rindfleisch im Labor zu züchten. Inzwischen gibt es bereits sechs Startups, die an dieser Technologie arbeiten.

heute.de: Wie wird das Fleisch in der Petrischale hergestellt?

Post: Wir nehmen ein kleines Stückchen Fleisch aus einer Kuh. Das ist ein harmloser Eingriff. Das Stück besteht aus Hunderten Stammzellen. Im Unterschied zu normalen Gewebezellen können sich Stammzellen immer wieder teilen und entwickeln. So wird beispielweise unser erwachsener Körper funktionstüchtig gehalten. Die Stammzellen, die wir von der Kuh nehmen, bilden Muskeln und können dies auch außerhalb der Kuh. Wenn wir etwa eine Trillion solcher Stammzellen haben, verwandeln wir sie in kleine Muskelfasern. Ein Hamburger besteht aus Zehntausenden Fasern. Glücklicherweise können wir inzwischen auch  Fettzellen herstellen. Diese brauchen wir für den Geschmack. Fett ist Geschmacksträger.

heute.de: 2013 haben Sie den ersten künstlichen Hamburger in London der Öffentlichkeit serviert. Wie hat er Ihnen geschmeckt und wie fanden ihn andere Leute?

Post: Er schmeckte jedenfalls nach Rindfleisch. Insgesamt haben 16 Leute davon gekostet. Auch sie haben ihn als Fleisch identifiziert. Allerdings war er ein wenig trocken, weil er kein Fett hatte. Aber das haben wir ja nun geändert.

heute.de: Dieser Hamburger war extrem teuer, etwa 250.000 Euro. Wer soll sich das leisten können?

Post: Das war noch kein richtiges Produkt, sondern eher ein Konzept. Inzwischen können wir viel mehr von diesem Fleisch herstellen und damit wird es billiger. Ein Kilogramm kostet heute etwa 60 Euro.

heute.de: Bislang verwenden Sie als Nährmedium, in dem das künstliche Fleisch wächst, Kälberserum, das aus Föten geschlachteter schwangerer Kühe stammt. Ist das ethisch?

Post: Das wird bald nicht mehr nötig sein. Wir haben Ersatzstoffe entwickelt und einige funktionieren schon ganz gut.

heute.de: Kann man Muskelgewebe auch aus Pflanzenzellen extrahieren?

Post: Nein, das ist nicht möglich.

heute.de: Werden für die Produktion von Laborfleisch auch Antibiotika oder genveränderte Substanzen gebraucht?

Post: Nein, unsere Zellen wachsen ohne Antibiotika und sind auch genetisch nicht verändert. Um das Kälberserum zu ersetzen, brauchen wir sogenannte rekombinante Proteine, wie sie heute bereits in der Herstellung von Insulin eingesetzt werden. 

heute.de: Was ist ethischer, der Verzehr geschlachteter Rinder und Schweine oder der von Laborfleisch? Oder ist das gar keine Frage der Ethik, sondern der Menge?

Post: Beides stimmt. In einigen Jahren werden wir zurückschauen und es als unethisch bewerten, dass wir, um unseren Fleischkonsum zu decken, Tiere gehalten haben, die viele Ressourcen verbrauchen und auch noch in großen Mengen Treibhausgase ausstoßen. Und vielleicht werden die Verbraucher auch das Töten von Tieren nicht mehr akzeptieren. 

heute.de: Wird die Massenproduktion von Laborfleisch das Ende von Massentierhaltung und Jagd einläuten?

Post: Das kann durchaus so sein. Ich hoffe es, denn damit können wir die Umwelt und unsere Ressourcen schonen, müssen keine Tiere mehr töten und können trotzdem die Ernährung der Menschen sicherstellen.

heute.de: Was ist vor allem der Gewinn für die Umwelt?

Post: Die Reduktion von Treibhausgasen als Verursacher des Klimawandels und weniger Verbrauch wertvoller Ressourcen.

heute.de: Welche Herausforderungen liegen vor den Entwicklern von Laborfleisch?

Post: Eine der großen Herausforderungen ist der Ausbau der Produktion. Dafür brauchen wir Produktionsmittel und Kapital.

Das Interview führte Katharina Sperber

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