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Fleischeslust und ihre Folgen - "Vorgeschichte des Schnitzels wird verdrängt"

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Er bedroht den Regenwald und unser Klima: Der steigende Fleischkonsum hat Folgen. Der Soziologe Armin Pfahl-Traughber fordert deshalb: Fleischesser sollen sich rechtfertigen.

Fleischwaren in einer Theke einer Metzgerei
Auch wenn ein Umdenken eingesetzt hat: Die Deutschen essen immer noch gerne Fleisch.
Quelle: dpa

heute.de: Die Lust auf Fleisch ist groß. Die steigende Nachfrage führt dazu, dass der Regenwald gerodet wird, um Tiere darauf zu halten und Futter anzupflanzen. Für Freitag ruft die Klimaschutzbewegung Fridays for Future zum weltweiten Klimastreik auf. Welche Auswirkungen hätte eine fleischlose Ernährung für unsere Zukunft?

Armin Pfahl-Traughber: Was die Auswirkungen einer fleischlosen Ernährung angeht, da handelt es sich um eine komplexe Thematik. Nur ein paar Stichworte: Es würden neue Flächen für den Lebensmittelanbau entstehen. Es würde zu einer Reduzierung der Treibhausgase und des Wasserverbrauchs kommen. Es würde zu einer Besserung der menschlichen Gesundheit führen. Es würde eine Minimierung des Leidens von Tieren möglich werden. So nötig ein damit einhergehender Wandel letztendlich ist, so lange wird sicherlich der Weg dorthin sein.

heute.de: Discounter werben mit fleischlosen Burgerpatties, Fastfood-Ketten haben ihre Liebe zum veganen Burger entdeckt. Hat nicht doch bereits ein gesellschaftliches Umdenken stattgefunden?

Pfahl-Traughber: Auch eine traditionelle deutsche "Fleischfirma" hat ihre Produktion zumindest teilweise auf vegetarische Waren umgestellt. Neulich schaltete dieser Hersteller Anzeigen in großen Zeitungen, worin auf die Folgen des Fleischkonsums für das Klima hingewiesen wurde. Dazu kommt man ja nicht aus ethischen, sondern aus ökonomischen Gründen. Firmen reagieren damit auf gesellschaftlichen Wandel. Daran lässt sich die Macht der Verbraucher ablesen. Es hat ein Umdenken begonnen, ja, das lässt sich in vielen Bereichen feststellen. Gleichwohl geht es noch mit viel zu wenigen Taten einher. Das ist eine kritische Anmerkung, die sich zwar auch, aber nicht nur auf die Politik bezieht. Auch viele Bürger wissen um die Zustände in der Massentierhaltung, kaufen aber dann doch das Billigfleisch eben aus der Massentierhaltung.

heute.de: Wie lässt sich diese Widersprüchlichkeit erklären?

Pfahl-Traughber: Es ist erst mal sehr interessant, überhaupt diese Widersprüchlichkeit menschlichen Verhaltens festzustellen. Viele Menschen finden ein kleines Schaf süß. Und dann wird im Restaurant doch Lammfleisch bestellt. Dazu musste aber vorher das kleine süße Schaf geschlachtet werden. Wie man sich das erklärt, das ist schwierig zu beantworten. Es hat zunächst einmal etwas damit zu tun, dass das, was ich die "Vorgeschichte des Schnitzels" nenne, also das Leiden und Sterben von Tieren, schlicht verdrängt wird. Man nimmt eben nur das Nahrungsmittel, nicht aber das Tier wahr.

Niemand sieht gern die schrecklichen Filme oder Fotos, die manchmal aus Einrichtungen der Massentierhaltung veröffentlicht werden. Die dokumentieren aber meist die alltägliche Realität. Und dann rückt man auch bestimmte Tiere alltagssprachlich in ein schlechtes Licht. "Du Schwein" gilt als Schimpfwort. Doch Schweine sind hochsensible, intelligente und soziale - insbesondere aber leidensfähige Wesen. In vielem vergleichbar mit Hunden, die wir aber nicht essen.

Sternekoch Nelson Müller widmet sich vier der beliebtesten Lebensmittel der Deutschen: Honig, Rindfleisch, Tomaten und Schokolade. Dabei lüftet er in der neuen Doku-Reihe so manches Geheimnis.

Beitragslänge:
43 min
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heute.de: Für die einen gehört Fleisch aus Gewohnheit auf den Teller, andere wollen auf den Geschmack nicht verzichten. Was entgegnen Sie diesen Argumenten?

Pfahl-Traughber: Die Älteren werden sich noch daran erinnern, dass es bei der Einführung des Gurtes im Auto gewissen Unmut gab. Auch haben wir mittlerweile gelernt, dass Mülltrennung sinnvoll ist. Man kann auch über Gewohnheiten nachdenken und sie dann aufgeben. Es ist eine Frage des Bewusstseins. Wir sind ja nicht bloß instinktgeleitete Lebewesen, sondern als Menschen lern- und damit auch veränderungsfähig. Warum sollten wir bei der Auswahl der Ernährung nicht dazu in der Lage sein? Was die Frage des Geschmacks angeht: Mittlerweile gibt es eine Fülle von Ersatzprodukten, die manchmal veganes Schnitzel oder vegetarisches Steak genannt werden. Bei diesem Essen musste eben kein Tier zuvor sterben.

heute.de: Sie plädieren für einen Paradigmenwechsel: Der Fleischkonsum, nicht der Fleischverzicht muss begründet werden. Warum?

Pfahl-Traughber: Das ist ein wenig als provokatorische Zuspitzung gemeint. Lange musste man sich dafür rechtfertigen, warum man Vegetarier oder Veganer ist. Wenn aber Fleischkonsum aus ethischen und gesundheitlichen, ökologischen und wirtschaftlichen Gründen problematisch ist, dann sollte doch die Perspektive geändert werden. Man darf doch auch fragen: Warum rauchst Du? Das schädigt ja auch die Gesundheit, nicht nur des Rauchers.

Das Interview führte Michael Kniess.

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