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Frontal21-Recherchen - Fleischpanscherei: Wie aus Wasser Wurst wird

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Gepanscht, gestreckt, gefärbt: Industrielle Fleisch- und Wurstwaren können mit Protein aus Schlachtabfällen frisiert werden, ohne dass dies Lebensmittelkontrolleuren auffällt.

Frontal21-Recherchen zeigen: Fleisch- und Wurstwaren können mit Protein aus Schlachtabfällen angereichert werden, ohne dass dies Kontrolleuren auffällt.

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Durch den Zusatz bestimmter Proteine kann dem Fleisch oder der Wurst mehr Wasser als üblich zugesetzt werden. Die dann deutlich schwereren Produkte lassen sich teurer verkaufen. Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg kritisiert das als Verbrauchertäuschung: "Schnittfestes Wasser ist billig und kann natürlich schön untergejubelt werden, ohne dass die Verbraucher das mitbekommen."

"Betrug an Genuss und Geldbeutel"

In Deutschland vertreibt die Firma Sonac solche Zusatzstoffe, sogenannte hydrolisierte und funktionelle Proteine. Sonac verweist gegenüber Frontal21 darauf, dass diese Zusätze dem Lebensmittelrecht entsprechen und Fleischproduzenten für eine korrekte Deklarierung der eingesetzten Zutaten verantwortlich seien. Nach Angaben des staatlichen Max-Rubner-Instituts ist bei Proteinen aus Blutplasma derzeit nicht möglich, Täuschungen mit undeklariertem Wasser in Fleischerzeugnissen gerichtsfest aufzuklären. Seit 2014 forsche die Behörde an Nachweismethoden.

Die ehemalige Landwirtschaftsministerin Renate Künast (B‘90/ Die Grünen) fordert die Bundesregierung auf, mehr Geld in die Forschung zu geben, um Betrug in der Fleischindustrie aufzudecken und zu beenden. "Leitungswasser hat definitiv nicht den gleichen Preis wie ein Steak." Insofern sei die eklige Panscherei nicht nur ein Betrug am Genuss, "sondern es ist auch Betrug am Geldbeutel".

"Wir machen quasi aus 'Scheiße Gold'"

Frontal21 hatte für die Recherchen zum Schein eine Fleischfirma gegründet. Die Autoren mieteten ein Büro für ihre Scheinfirma an und luden einen Vertreter der Firma Sonac ein, der das Geschäftsmodell seiner Firma in höchsten Tönen anpries. "Wir sind ein Entsorger, wir holen beim Schlachthof alles ab, was nicht verarbeitet werden kann. Wir verarbeiten 100 Prozent, nichts landet bei uns in der Mülltonne. Wir machen quasi aus 'Scheiße Gold'. Das ist ein Geschäft, mit dem macht man immer Geld", so der Vertreter im verdeckten Dreh.

Mit ihrer Scheinfirma konnten die Frontal21-Autoren an einem Seminar der Firma Sonac teilnehmen. Sonac warb dort für seine Protein-Zusätze aus Schlachtabfällen. Ein Vertreter führte vor, wie mit Hilfe solcher Proteine in Frischfleisch maschinell Wasser einspritzt wird, um so das Verkaufsgewicht zu erhöhen. Zielgruppe der Sonac-Veranstaltung waren Fleisch- und Wurstproduzenten.

Dass es auch anders geht zeigt die Biomanufaktur Havelland in Brandenburg. Hier kommen nur Gewürze in die Wurst, die der Verbraucher aus der Küche kennt. "Wir arbeiten ohne Phosphate, ohne Geschmacksverstärker, ohne Farbzusätze, wir produzieren hier ehrliche Ware", so der Geschäftsführer und Metzgermeister Thomas Schubert. Doch das kostet: Die Tonne Bio-Rostbratwürste ist doppelt so teuer wie im Discounter.

Wo landet das Pulver aus Schlachtabfällen

Frontal21 hat die Discounter angefragt, ob sie mit Proteinen aus Schlachtabfällen gestreckte Fleischprodukte verkaufen. Lidl, Kaufland und Aldi versichern: In ihren Fleischwaren würden keine tierischen Proteine zugesetzt. Auch der Bundesverband der Deutschen Fleischwarenindustrie weiß von nichts und erklärt gegenüber Frontal21: "Uns sind keine Fleischerzeugnisse bekannt, die unter Verwendung von hydrolisierten Proteinen tierischen Ursprungs hergestellt werden."

So bleibt bislang unbekannt, wo die Pulver aus Schlachtabfällen in Wurst und Fleisch landen. Der ehemalige Lebensmittelkontrolleur Franz Josef Voll kritisiert seit Jahren die industrielle Produktion von Wurst und Fleisch. Sein Resümee: "Das ist zum Verzweifeln und der Verbraucher, wir könnten jetzt auch sagen, der Verbraucher müsste aufwachen, aber das Problem ist einfach, dass der Verbraucher genauso chancenlos ist wie der Kontrolleur."

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