Sie sind hier:

Völkerrechtsverbrechen - Wie aus Geflüchteten Zeugen werden

Datum:

Wie können Geflüchtete dazu beitragen, Beweise für Völkerrechtsverbrechen zu sichern? Dieser sensiblen Frage widmen sich neue Leitlinien für Sozialarbeiter in Deutschland.

Archiv: Flüchtlinge wärmen ihre Hände über einem Holzfeuer, aufgenommen am 30.10.2017
Quelle: reuters

Schläge mit einer Eisenstange auf Fußsohlen und Kopf, immer wieder Elektroschocks, kopfüber aufgehängt an einer Metallstange, mitansehen müssen, wie ein Angehöriger erschossen wird - all das hat ein junger Äthiopier in seinem Heimatland erlitten. Der Mann, der heute Mitte 30 ist, dokumentierte Unregelmäßigkeiten bei den Parlamentswahlen 2005. Wenige Wochen nach der Wahl wurde er von Sicherheitskräften der Regierung zu Hause festgenommen.

Wichtige Zeugen von Völkerrechtsverbrechen

Mit diesen Gräueltaten im Gedächtnis kam der junge Mann ins Psychosoziale Zentrum für Flüchtlinge der Rummelsberger Diakonie nach Nordbayern. Dort sorgen Psychologen, Therapeuten und Sozialpädagogen für Geflüchtete, die durch Folter, Krieg und sexualisierte Gewalt traumatisiert wurden oder psychisch erkrankt sind. Doch der junge Äthiopier ist nicht nur als Flüchtling nach Deutschland gekommen. Er und die vielen anderen Menschen, die vor Gewalt, Konflikten und Krieg geflohen sind und Schutz in Deutschland suchen, sind zugleich potenzielle Zeugen von Völkerrechtsverbrechen.

Mit dem Erlebten können sie dazu beitragen, wichtige Beweise zu sichern und damit helfen, Völkerrechtsverbrechen aufzudecken und zur Anklage zu bringen. Die Internationale Akademie Nürnberger Prinzipien (IANP) und die Stadt Nürnberg haben zu diesem Zweck gemeinsam Leitlinien entwickelt, die Vorbildcharakter haben. Sie sollen Mitarbeiter in Sozialeinrichtungen unterstützen, wenn diese Informationen von Geflüchteten erhalten, die für laufende oder zukünftige Strafverfolgungen von Bedeutung sein können.

Sozialarbeiter sind keine Ermittler

"Als Sozialarbeiter erleben wir es immer wieder, dass uns geflüchtete Menschen von ihren dramatischen Erlebnissen als Zeugen oder Opfer schwerer Verbrechen in ihren Herkunftsländern berichten", sagt Helmut Herz. Für den Sozialpädagogen und Mitarbeiter des Sozialamts der Stadt Nürnberg, Fachstelle für Flüchtlinge, steht fest: "Es ist wichtig, dass es in solchen Situationen eine Hilfestellung gibt, die beiden Seiten Orientierung, Klarheit und Sicherheit gibt, denn auch als Sozialarbeiter muss man einen schwierigen Spagat meistern."

In erster Linie stehen sie dem Menschen gegenüber, um diesem zu helfen und mit ihm das Erlebte aufzuarbeiten. Auf der anderen Seite müssen die Beobachtungen entsprechend aufbereitet und gesichert werden, um das Wissen für die Ahndung verwenden zu können. Dass die Leitlinien dabei keinesfalls zu einer aktiven Ermittlungstätigkeit auffordern sollen, betont Farah Mahmood, die zuständige Projektleiterin an der IANP: "Unsere Handreichung ist lediglich ein Werkzeug, das hilft, die erhaltenen Informationen zu erkennen, diese zu sichern und entsprechend weiterzuleiten. Die Sozialarbeiter und Betreuer sollen nur als Brücke zwischen dem Geflüchteten und den Strafverfolgungsbehörden fungieren."

Geflüchtete als Zeugen von Völkerrechtsverbrechen

Weitere Fortbildungen sind nötig

Diese übernehmen damit eine wichtige Rolle, denn entsprechende Beweise gehen bislang oft aufgrund der örtlichen Verteilung der Geflüchteten, des Mangels an Kenntnissen über das Rechtssystem und des zeitlichen Abstands zu den Verbrechen, über die berichtet wird, verloren. Als Konsequenz werden somit Straftaten nicht gemeldet, Täter werden nicht zur Rechenschaft gezogen. Zudem kann Deutschland - in Anwendung des Weltrechtsprinzips - auch Völkerrechtsverbrechen strafrechtlich verfolgen, wenn die internationale Strafjustiz nicht die Möglichkeit dazu hat.

Für Helmut Herz können die Leitlinien trotzdem nur ein Zwischenschritt sein: "Wir benötigen darüber hinaus dringend auch entsprechende Fortbildungen. Denn in Zukunft werden wir immer häufiger mit solchen Situationen konfrontiert sein, weil sich mit dem zur Ruhe kommen verdrängte Erinnerungen wieder ins Bewusstsein drängen." Erinnerungen, die bei geflüchteten Menschen wie dem jungen Mann aus Äthiopien nicht nur keine guten sind, sondern oftmals am eigenen Leib erlebte oder beobachtete Völkerrechtsverbrechen.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.