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Retter im Mittelmeer - "Wir sind an unserer Belastungsgrenze"

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Mehr als 1.400 Menschen sind seit Dienstag im Mittelmeer gerettet worden. Die Helfer kommen an ihre Grenzen - und blicken stürmischen Tagen entgegen. Ein Anruf auf der "Sea Watch".

Archiv: Von einem Schlauchboot im Mittelmeer vor Italien gerettete Migranten sitzen am 27.06.2017 auf einem Rettungsboot
Aus dem Archiv: Von einem Schlauchboot im Mittelmeer vor Italien gerettete Migranten sitzen im Juni 2017 auf einem Rettungsboot. Quelle: dpa

Julian Köberer ist müde, als wir ihn erreichen. Eine halbe Stunde Schlaf hat er sich in der letzten Nacht gegönnt, sagt er. Für mehr war keine Zeit. Köberer leitet die aktuelle Mission der "Sea Watch" - eines von aktuell drei zivilen Rettungsschiffen im Mittelmeer. Als solches hat sie in den letzten Stunden 421 Menschen aufgenommen. 165 hat die Besatzung der "Sea Watch 3" selbst gerettet, sagt Köberer. "Das war etwa um Mitternacht", erzählt er. Am Morgen, zehn Stunden später, kamen 256 weitere Menschen an Bord - alle vom Schiff der spanischen Hilfsorganisation Proactiva Open Arms. "Die haben gestern 571 Leute gerettet", sagt Köberer. "Dabei haben die ein viel kleineres Schiff. Deshalb haben wir sie entlastet."

heute.de: Wie ist die Situation gerade auf der "Sea Watch"?

Köberer: Wir sind bis an unsere Grenzen ausgelastet. Zum einen natürlich räumlich. Zusammen mit unserer Besatzung sind jetzt 443 Menschen an Bord. Da kommen wir beim Gewicht schon an unsere Grenze, wo wir sagen: Wenn wir jetzt noch mehr Menschen aufnehmen müssen, gefährden wir die Stabilität unseres Schiffes. Aber auch für die Crew ist das eine Belastung. Wir sind 22 Mann, darunter vier Ärzte und ein Rettungssanitäter - und wir sind gerade alle fast durchgängig im Einsatz. Wir versorgen unsere Gäste - medizinisch und mit Essen. Zum Glück haben wir eine ganz tolle Crew: Alle halten durch und gehen an ihre Leistungsgrenze. Eine Stunde Schlaf - und dann weiter.

heute.de: Wie geht es jetzt weiter? Sind Sie bereits auf dem Weg zum italienischen Festland?

Köberer: Das bereitet uns momentan die größten Sorgen. Das Problem ist, dass wir ziemlich schlechtes Wetter haben. Windstärke fünf und anderthalb Meter hohe Wellen. Und wenn wir jetzt Richtung Italien aufbrechen, geraten wir in einen noch stärkeren Sturm - mit bis zu acht Windstärken und drei Meter hohen Wellen. Das können wir nicht riskieren, weil die Geretteten draußen auf dem Achterdeck sitzen. Da können wir ihre Sicherheit bei so hohem Wellengang nicht gewährleisten. Deshalb fahren wir im Moment Richtung Westen, zur tunesischen Küste. Dort ist das Wetter noch etwas besser, wir ein bisschen geschützter. Und dann warten wir ab.

Zur Person und Organisation

Hoffen auf Hilfe

Köberers Besatzung hofft dabei auf das Martime Rescue Coordination Center (MRCC) in Rom. Die Italiener koordinieren alle Such- und Rettungsaktionen im südlichen Mittelmeer. Sie kann Küstenwache und Polizei schicken, aber auch Kriegsschiffe, etwa von der EU-Mission Sophia, die vor allem gegen Schleuser gerichtet ist, aber auch Migranten auf dem Mittelmeer rettet. Doch das MRCC kann nur die Schiffe schicken, die zur Verfügung stehen. Momentan ist es zum Beispiel machtlos. Bereits gestern haben italienische Küstenwache und Polizei und die EU-Mission Sophia zusammen mit dem Schiff von Proactiva etwa 1.400 Flüchtlinge in Seenot gerettet. Das MRCC hat in solchen Situationen Probleme, Unterstützung zu organisieren.

heute.de: Wie lange hält die "Sea Watch" ohne Hilfe durch?

Köberer: Wir haben genug Proviant an Bord, das ist erst einmal kein Problem. Dennoch machen wir uns Gedanken. Nach dem Sturm soll das Wetter zwar für 36 Stunden besser werden. Danach soll aber ein noch heftigerer Sturm kommen, mit bis zu fünf Meter hohen Wellen. Das ist ein enormes Risiko. Schaffen wir es in der Zeit nach Italien? Normalerweise brauchen wir für die Strecke schon zwei Tage. Und wenn wir es nach Italien schaffen - was passiert dann, wenn in Libyen wieder Menschen aufbrechen, und wir nicht vor Ort sind? Momentan sind nur drei zivile Schiffe im Einsatz. Zudem sind derzeit viel weniger militärische Schiffe im Einsatz als noch im Sommer. Da ist es dann für jeden, der in See sticht, absolut gefährlich.

heute.de: Ihr Schiff ist jetzt schon an der Belastungsgrenze. Was passiert, wenn heute noch weitere Flüchtlinge in Ihrer Nähe in Seenot geraten?

Köberer: Wir würden natürlich kein Boot alleine lassen. Wir sind jetzt auch zusammen mit der Proactiva Open Arms unterwegs, können uns also gegenseitig helfen. Aber natürlich können wir nicht mehr allzu viele Menschen aufnehmen, müssen uns also Alternativstrategien überlegen. Dazu gehört, Rettungsinseln auszubringen, die stabiler sind als die Boote, in denen die Leute kommen. Wir können versuchen, diese Rettungsinseln vor den Wellen zu schützen. Auch Schwimmwesten können wir ausgeben. Aber dann müssen wir dem MRCC unsere Position durchgeben und hoffen, dass schnell Hilfe kommt. Leute an Bord zu bringen, ginge nur noch im absoluten Notfall. Das ist hart, und das ist ein gewaltiger Konflikt für uns. Sehen wir zu, wie Leute neben uns ertrinken? Oder riskieren wir die Sicherheit unseres Schiffes? Das sind Situationen, in denen wir keine wirklich guten Entscheidungen mehr treffen können.

Die Mittelmeer-Route in Zahlen

heute.de: Menschen fliehen, Menschen sterben. Das geht nun seit Jahren so. Sie retten Leben um Leben, ohne dass es je aufhört, ohne dass ein Ende in Sicht wäre. Was macht das mit Ihnen?

Köberer: Es ist absolut frustrierend. Es ist zwar nicht so, dass sich das einfach unterbinden ließe. Die Menschen fliehen ja aus Gründen. Doch es fehlt mir die offene, ehrliche Diskussion. Mir fehlt der politische Wille, Wege zu finden, das Sterben im Mittelmeer und schon vorher in der Wüste zu beenden. Ich sehe nicht, dass proaktiv Lösungen gesucht werden, die für alle Leute tragbar sind. Klar, es gab immer wieder Phasen, wo auf bestimmten Routen militarisiert wurde. Da konnten die Fluchtkorridore temporär geschlossen werden. Doch die Routen haben sich dann einfach verschoben, sind mitunter sogar gefährlicher geworden.

Deshalb wünsche ich mir, dass wir langfristig ehrliche Debatten führen können. Für viele Menschen mag das hier weit weg sein. Das sind ja Bilder wie bei Bombenanschlägen im Irak oder in Syrien. Wir haben das alle so oft gesehen, dass wir das als Normalität akzeptieren. Aber das ist nicht normal. Ich war auch auf der November-Mission der Sea Watch. Damals sind viele Menschen ertrunken, bevor wir sie retten konnten. Auch die Proactiva Open Arms hatte gestern wieder zwei Tote an Bord. Das ist krass, das prägt einen, das frustriert – gibt aber auch die Kraft, hier immer noch ein weiteres Mal herauszufahren.

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