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Flüchtlingshelferin auf Chios - "Das Mindeste, was ich tun kann"

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Lea Rau hilft Flüchtlingen. In Griechenland, auf Chios. Einer Insel, auf der gerade wieder vermehrt Flüchtlinge ankommen. Das ist nicht immer leicht, sagt Lea. Aber jede Mühe wert.

Flüchtlingshelferin Lea Rau von der Organisation Offene Arme auf der Insel Chios (Griechenland)
Die Nichtregierungsorganisation Offene Arme ist bei den Flüchtlingsankünften auf Chios dabei.
Quelle: Raphael Mayr

Bens Nachricht kommt an diesem Morgen um 6:10 Uhr. "Landing", liest Lea Rau in ihrem WhatsApp-Chat. "Confirm", antwortet sie - "bestätige".

Srceenshot - Raphael Mayr - Chatverlauf
Um 6:10 Uhr erfährt Lea von Teamleiter Ben (Alpha CESRT) von der bevorstehenden Flüchtlingsankunft. Lea und die anderen Helfer bestätigen direkt, dass sie die Nachricht erhalten haben.
Quelle: Privat

Es geht um ein Flüchtlingsboot, das von der griechischen Küstenwache aufgenommen wurde. Für Lea heißt das: Aufstehen, Rettungsweste, Stirnlampe und Autoschlüssel schnappen - und sofort losfahren. "In diesen Momenten muss es schnell gehen", erzählt sie uns am Tag danach am Telefon.

Leas Ziel ist der Hafen in Chios. Leas Auftrag: die Geflüchteten, die dort ankommen, versorgen. Mit Decken, warmen Klamotten, Wasser und Essen. Aber auch mit einem Lächeln. "Es geht ja auch darum, den Menschen nach der stressigen Überfahrt das Gefühl zu geben, nicht ganz auf sich allein gestellt zu sein", sagt Lea, "die soziale Komponente."

Drei Wochen lang helfen Lea und ihre Freunde

Seit drei Wochen ist die 23-Jährige jetzt auf Chios. Die griechische Insel liegt in der Ägäis. An der Ostküste beträgt die Entfernung zum türkischen Festland teilweise nur sieben Kilometer. In die EU zu gelangen ist dort vergleichsweise einfach. Hunderte Flüchtlinge schaffen es Monat für Monat. In diesem Jahr nimmt ihre Zahl erstmals seit 2015 wieder stärker zu.

Lea will ihnen helfen, deshalb ist sie dort. Für mehrere Wochen unterstützt sie die Nichtregierungsorganisation Offene Arme. "Freiwillig", sagt sie. So wie nach Angaben der NGO 1.300 Menschen vor ihr. So wie auch drei Freunde aus Deutschland, darunter ihr 19-jähriger Bruder, die mit ihr nach Chios gekommen sind.

Der Arbeitsablauf bei Offene Arme ist klar strukturiert: Jeden Tag gibt es ein Team aus sechs Personen und einem Leiter, das für 24 Stunden die Bereitschaft übernimmt. Kommt ein Boot mit Flüchtlingen an, informiert die Küstenwache eine medizinische Nichtregierungsorganisation. Die informieren Ben, den Teamleiter. Der alarmiert das Bereitschaftsteam. Manchmal per Anruf, meistens per WhatsApp.

Karte: Lesbos, Chios, Samos, Leros und Kos
Die Ägäischen Inseln: Lesbos, Chios, Samos, Leros und Kos.
Quelle: ZDF

Am Strand warten 23 Flüchtlinge

An dem Morgen, von dem Lea uns am Telefon berichtet, gibt es eine kleine Planänderung. Am Hafen angekommen, informiert die Küstenwache, dass an einem nahegelegenen Strand bereits ein anderes Boot angekommen sei - und sofort versorgt werden müsse. Lea und Raphael, einer ihrer Freunde aus Deutschland, fahren direkt weiter. Dass die Zusammenarbeit mit der Küstenwache und anderen Akteuren so reibungslos funktioniert, freut sie. "Das ist schon eine Besonderheit", sagt Lea.

Am Strand sind sie die ersten, die nach der Teamleitung eintreffen, erzählt Lea. Die 23 Flüchtlinge seien in einem felsigen Küstenabschnitt gelandet, berichtet sie. Das Schlauchboot habe am Ufer gelegen, die Menschen, viele aus Afghanistan, hätten sich auf den Steinen verteilt. "Unter den Geflüchteten habe ich zwei Babys gesehen", erinnert sich Lea. "Soll ich mich erst einmal um die kümmern?", habe sie die Teamleitung gefragt. Ja, sollte sie.

Flüchtlingshelferin Lea Rau von der Organisation Offene Arme auf der Insel Chios (Griechenland)
Flüchtlingshelferin Lea am Strand, an dem die 23 Flüchtlinge angekommen sind.
Quelle: Raphael Mayr

Die Mutter der Babys habe kein Englisch gesprochen und unter Schock gestanden. "Sie hat gezittert und geweint", erzählt Lea am Telefon. "Aber in so einer Situation kann man auch ohne Sprache kommunizieren", sagt Lea. "Ich habe eines der Kleinkinder genommen, bin zum Auto gelaufen und habe dort erst einmal eine Decke ausgebreitet." Das Baby, klatschnass, habe sich zunächst an sie geklammert. Am Ende habe sie es aber geschafft, das Kind zu wickeln und ihm etwas Trockenes anzuziehen.

"Das Schwierige ist", sagt Lea mit etwas Abstand, "in dieser Situation auch noch Zuversicht auszustrahlen", sich nicht von der Panik und Verzweiflung der Familie anstecken zu lassen, sondern sie ihr im Idealfall sogar zu nehmen. "Du musst das Ganze sowohl logistisch als auch emotional im Griff haben." Sie weiß noch nicht, was Situationen wie diese langfristig mit ihr machen. "Aber das wird mich auf jeden Fall noch eine ganze Weile beschäftigen", glaubt sie.

Warum tut Lea sich das an?

Aber warum ist Lea überhaupt auf Chios? Wer böse sein will, könnte auch fragen: Warum tut sie sich das an?

Gerade hat Lea ein Jahr für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit gearbeitet, ein berufliches Bildungsprojekt mit dem Deutschen Handwerk in Afrika - "um dort anzusetzen, wo Flucht ihre Ursachen hat", sagt sie. Im Herbst fängt sie ihren Master an, Internationale Beziehungen in Berlin. Während ihres Bachelors hat sie sich bereits für Flüchtlinge engagiert, in Münster ein deutsch-syrisches Start-up mit aufgebaut.

Sie weiß, dass sie auch in Deutschland helfen könnte, sagt Lea. "Aber es sterben immer noch so viele Menschen im Mittelmeer", kritisiert sie. "Das und die nicht abreißende öffentliche Diskussion haben mich darin bestärkt, mich auch einsetzen zu wollen, wo sich Menschen jetzt in akuten Notsituationen befinden."

Wer einmal mit geflüchteten Menschen in Kontakt sei, wisse, wie ungerecht die Perspektiven auf dieser Welt verteilt seien. Als Deutsche habe sie einfach sehr viel Glück gehabt. Und Flüchtlingshilfe, sagt Lea, sei da nur "eine sehr humane Reaktion und das Mindeste, was ich tun kann".

"Du hilfst in diesem Moment einem Menschen"

Das ist ihr auch finanziell Einiges wert: Fast alle Mahlzeiten, die Unterkunft, das Auto - Lea und ihre Freunde finanzieren das selbst. "Grob überschlagen kostet mich das hier 500 Euro", rechnet sie vor.

Aber darum geht es Lea nicht. "Du hilfst in diesen Momenten einem Menschen, der Mensch steht wirklich im Fokus", sagt sie. Auch wenn sie am Strand oder im Hafen nur Symptome bekämpfe: Manchmal, so wie an diesem Morgen, gelinge es eben doch, das Leben eines Menschen ein kleines bisschen besser zu machen. Das Andere sei da nebensächlich. Egal, ob es sich dabei um 500 Euro handelt - oder eine Nachricht, die einen auch mal deutlich vor 6:10 Uhr aus dem Schlaf reißt.

Dem Autoren auf Twitter folgen: @waskevinsagt

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