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Der Streit um den Wohnraum - Wenn Flüchtlingsunterkünfte auf Sozialwohnungen treffen

Datum:

Zu wenige Wohnungen sorgen für Konflikte zwischen Bewohnern von Sozialwohnungen und Geflüchteten. Oft kommen Flüchtlinge da unter, wo schon vorher soziale Brennpunkte waren.

Blick in den Flur der Sozialwohnung
Gegenüber den heruntergekommenen Sozialwohnungen steht in Ludwigshafen seit kurzem die neue Flüchtlingsunterkunft.

"Da werden schon Zäune errichtet, da vorne", zeigt Alexander Dillinger, "die Einwanderer kriegen Spielplätze hingebaut". Hier, im Ludwigshafener Stadtteil Mundenheim steht seit kurzem die neue Flüchtlingsunterkunft - direkt gegenüber von den Sozialwohnungen, in denen Dillinger wohnt. Seit Jahren sind sie baufällig. Das Licht funktioniert nicht im Flur von Dillingers Wohnung, die Wände sind vergilbt. Seit eineinhalb Jahren warte er auf eine neue Sozialwohnung, sagt er. "Da hat sich noch keiner gemeldet - auch wenn ich nachfrage: nichts."

Die neuen Flüchtlingsunterkünfte in Mundenheim sind sogenannte Modulbauten in Schlichtbauweise. Bei Sozialwohnungen wäre diese Bauweise nicht möglich - hier gelten andere Vorschriften. Bis die erfüllt sind, müssen Anwohner wie Alexander Dillinger in den heruntergekommenen Häusern bleiben.

Flüchtlingsunterkünfte meist in Brennpunktgebieten

Konflikte wie in Ludwigshafen gibt es viele in Deutschland. Eine Studie der Universität Erfurt, die dem ZDF vorliegt, zeigt: Flüchtlinge kommen vermehrt in Gebieten unter, die ohnehin schon Brennpunktgebiete waren. Der Sozialwissenschaftsprofessor Marcel Helbig hat die Studie durchgeführt. "Je höher die Hartz IV-Quoten in einem Stadtteil waren, desto stärker ist auch der Ausländeranteil in diesem Zeitraum angestiegen", sagt er.

Das Problem sei schon seit Jahren absehbar gewesen, findet Marcel Fratzscher vom Institut für Wirtschaftsforschung. Die Politik habe falsch reagiert: "Sie hat abgewartet und jetzt schmeißt sie die Hände in die Luft und sagt: Oh, wie können wir das Problem lösen?"

Bürgermeisterin: Flüchtlinge "verschwindend geringes Problem"

In Ludwigshafen versucht Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck, den Konflikt zu lösen: 3.000 neue Wohnungen will sie bauen. Dabei hat die Stadt noch viele andere Baustellen: Eine marode Verkehrsinfrastruktur und sanierungsbedürftige Schulen etwa. "Im Kontext der anderen Probleme, die ich als Ludwigshafener Oberbürgermeisterin habe", sagt Steinruck, "sind die Flüchtlinge seit ich im Amt bin ein verschwindend geringes Problem".

  • Alexander Dillinger

    Anwohner

  • Jutta Steinruck

    Oberbürgermeisterin Ludwigshafen

Viele Bürgermeister in Deutschland sehen das offenbar ähnlich. In einer repräsentativen Studie für das ZDF fragte die Forschungsgruppe Wahlen über 1.500 Bürgermeister nach ihren dringlichsten Problemen - drei durften genannt werden ("In welchen der folgenden Bereiche liegen Ihrer Meinung nach gegenwärtig die drei wichtigsten Probleme in Ihrer Stadt bzw. Gemeinde?). Mit 55 Prozent lag der Wohnungsmarkt bei allen auf Platz eins. Erst als siebtwichtigstes Problem nennen die Bürgermeister den Bereich "Flüchtlinge, Zuwanderung und Integration". In einer weiteren Frage meinten 29 Prozent der Bürgermeister außerdem, dass es auf dem Wohnungsmarkt durch die Flüchtlinge eine starke Verschlechterung gab.

Flüchtlingsfamilie rettet Schule vor Schließung

Bürgermeister Frank Schütz fährt Auto
Bürgermeister Frank Schütz fuhr ins Flüchtlingslager nach Frankfurt an der Oder, um die Schule zu retten.
Quelle: ZDF

Bürgermeister Frank Schütz kämpft vor allem mit sinkenden Bevölkerungszahlen - wie vielerorts in Brandenburg. Seine Gemeinde Golzow hat 820 Einwohner. Hier herrscht keine Wohnungsnot, sondern Leerstand. Besonders Plattenbauten finden kaum Mieter.

In Brandenburg haben sich die Schülerzahlen in den vergangenen Jahren fast halbiert. 2015 drohte auch in Golzow die Schließung der Schule. Bürgermeister Frank Schütz nahm die Sache in die Hand, fuhr ins Flüchtlingslager nach Frankfurt an der Oder. Dort sprach er Familien mit schulpflichtigen Kindern an. "Die haben unsere Schule gerettet", freut sich Frank Schütz. "Sie kamen hierher, weil sie sich retten wollten und haben uns gerettet."

Heute leben in Golzow zwei syrische Familien: Zwölf Flüchtlinge, darunter acht Kinder. Eine davon ist Nour, 13 Jahre alt. "Es war ein komisches Gefühl", erzählt sie. Vor vier Jahren konnte sie noch kein Wort Deutsch. In Golzow gibt es auch keine Übergangs- oder Integrationsklassen, in denen Geflüchteten Deutsch beigebracht wird. Sie und die anderen Flüchtlingskinder mussten also so schnell wie möglich selbst Deutsch lernen.

"Seit der vierten Klasse habe ich mich zuhause gefühlt"

Flüchtlingskind Nour
Vor vier Jahren konnte sie kein Wort Deutsch, heute ist Flüchtlingskind Nour eine der Besten.
Quelle: ZDF

Seit 2015 kamen rund 230.000 Flüchtlingskinder nach Deutschland. Früher oder später werden auch sie die Schule besuchen. In der Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen sahen rund zwei Drittel der Bürgermeister keine großen Probleme für Lehrer und Erzieher. 31 Prozent der Befragten - vor allem aus Städten mit schlechter wirtschaftlicher Lage - sehen hingegen große Probleme.

Die Lehrerausbildung müsse verbessert werden, findet auch Wirtschaftsprofessor Thomas Bauer von der Bochumer Ruhr-Universität, "dass beispielsweise Deutsch als Fremdsprache ein Pflichtfach wird in der Lehrerausbildung".

Mittlerweile ist Nour eine der Besten. Die Lehrerin und ihre Mitschüler haben ihr beim Deutsch lernen geholfen. Ihre Schulkameraden wählten sie sogar zur Klassensprecherin. Ein Mitschüler sagt heute: "Man denkt nicht mehr, dass sie aus Syrien kommt." Und Nour ist heute glücklich: "Seit der vierten Klasse habe ich mich zuhause gefühlt."

Doku | ZDFzeit - Deutschland und die Flüchtlinge

Wachstum wünscht sich jeder Bürgermeister - doch was, wenn auf einmal eine Million Neubürger vor der Tür stehen? Wie gut haben Deutschlands Städte den Zuzug von Flüchtlingen gemeistert?

Videolänge:
43 min
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