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Moderne pränatale Diagnostik - Was für ein Mensch darf´s denn sein?

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Zuerst die DNA analysieren, und dann danach den Embryo auswählen. So könnte künftig die Familienplanung aussehen - US-Forscher arbeiten daran.

Ultraschallbild eines ungeborenen Kindes
Ultraschallbild eines ungeborenen Kindes Quelle: imago

Soll es ein dunkelhaariges Mädchen mit leicht erhöhtem Darmkrebsrisiko, aber einem absehbaren musikalischen Talent sein? Oder ein voraussichtlich sportliches Mädchen, das gut in der Schule sein könnte, als Erwachsene aber vielleicht an einer bipolaren Störung leiden wird? Oder doch ein Junge, der künstlerisch begabt sein dürfte, der aber mit einiger Wahrscheinlichkeit Augenprobleme sowie Typ-2-Diabetes bekommen wird?

Grundlage sind Versuche an Mäusen

Experten gehen davon aus, dass derartige Fragen schon in 20 bis 40 Jahren fester Bestandteil der Familienplanung sind. Wenn also heutige Kinder eines Tages über eigenen Nachwuchs nachdenken, werden sie demnach die Möglichkeit haben, aus Dutzenden im Detail analysierten Embryonen ganz bewusst einen auszuwählen, der dann in die Gebärmutter eingepflanzt wird. "Die meisten Babys von Personen mit einer guten Krankenversicherung werden auf diese Art zur Welt kommen", sagt Henry Greely von der Stanford University in Kalifornien. Der auf Bioethik spezialisierte Jurist denkt dabei an eine Methode, die in den öffentlichen Debatten bisher kaum Beachtung gefunden hat: In Versuchen mit Mäusen ist es Wissenschaftlern gelungen, aus gewöhnlichen Zellen "künstliche" Spermien und Eizellen herzustellen.

Ob sich das Verfahren auf den Menschen übertragen lässt, ist noch schwer abzusehen. Aber wenn ja, dann wäre dies nicht nur für unfruchtbare Paare eine große Chance. Was Greely vorschwebt: Bei einer Kinderwunsch-Behandlung bräuchte die Frau ihrer Klinik zunächst nur ein paar Hautzellen zu überlassen. Die daraus erzeugten Eier würden dann im Reagenzglas mit den Spermien des Mannes befruchtet. Wenig später könnten hundert Embryonen vorliegen, jeweils mit vollständigen DNA-Profilen. Das Paar hätte dann die freie Wahl.

Gefahr von Missbrauch ist groß

Das Prinzip wäre allerdings so einfach, dass es auch leicht missbraucht werden könnte. Winzige Hautfetzen mit der DNA eines Menschen können etwa am Rand eines benutzten Kaffeebechers zurückbleiben. Diese könnte jemand nutzen, um Spermien zu erzeugen und beispielsweise einen Prominenten ohne dessen Willen zum "genetischen Vater" machen. Bis die medizinische Forschung so weit ist, wäre also auch bei den rechtlichen Rahmenbedingungen noch vieles zu klären.

Amander Clark von der University of California in Los Angeles ist eine von denen, die an der Erzeugung menschlicher Eizellen und Spermien im Labor arbeiten. Es gehe ihr dabei vor allem um Grundlagenforschung zu Unfruchtbarkeit, sagt die Wissenschaftlerin. Sie räumt aber ein, dass das Prinzip eines Tages auch der Behandlung dienen könne, etwa bei jungen Personen, die durch eine Krebsbehandlung zeugungsunfähig geworden seien.

Zur Dekodierung der DNA von Embryonen forscht unter anderem die Stanford-Medizinerin Louanne Hudgins. Was die Entwicklungen für das Alltagsleben der Menschen bedeuten könnten, hat Greely - recht unromantisch - im Titel eines gerade erschienenen Buches formuliert: "The End of Sex". Richard Scott, Experte für Reproduktionsmedizin aus New Jersey, betont allerdings, dass mit pränataler Diagnostik auch bei detaillierten Analysen keine genauen Vorhersagen möglich seien. Wenn ein Paar in seiner Klinik ein "Super-Baby" auswählen wolle, "sagen wir, dass wir das nicht können." Denn welche Eigenschaften ein Kind entwickelt, hängt nicht nur von der genetischen Veranlagung ab.

Erst die Hardware, dann die Software

Die DNA ist sozusagen die Hardware - erst später kommt dann die Software hinzu. Chemische Modifikationen würden darüber entscheiden, welche Gene zum Tragen kämen, sagt Scott. Auch Greely räumt ein, dass Vorhersagen bezüglich der Intelligenz oder der sportlichen Fähigkeiten eines Kindes schwierig seien - zumal es neben chemischen Faktoren auch noch auf die Erziehung sowie auf Lebenserfahrungen ankomme.

Eine ganz andere Frage ist die, ob und inwieweit Paare an einer "Embryo-Auswahl" überhaupt interessiert wären. Manche Experten sind da skeptisch. Nur eine "sehr kleine Minderheit" hoffe auf das "perfekte Baby", sagt Hudgins. In ihrer Praxis würden viele Frauen sogar auf die schon heute verfügbaren Möglichkeiten verzichten, weil sie der Meinung seien, das Schicksal ihres Kindes liege ohnehin "in Gottes Händen". Auch James Grifo von der New York University, der seit 1988 künstliche Befruchtungen vornimmt, hat seine Zweifel: "Noch nie hat ein Patient zu mir gesagt, 'ich will ein Designer-Baby'." Greely ist dennoch überzeugt, dass im Bereich der pränatalen Diagnostik große Veränderungen bevorstehen - allein schon wegen der zusätzlichen Chancen, schwere Krankheiten auszuschließen.

Was, wenn Versicherer Einblicke verlangen?

Und deswegen sei es wichtig, dass frühzeitig über die Konsequenzen diskutiert werde. Kritiker warnen, dass die vor Geburt ermittelten Daten für die Person später sogar zum Nachteil werden könnten - etwa wenn ein Lebensversicherer oder eine Pflegeeinrichtung Einsicht in die Analysen zum Erkrankungsrisiko verlangen würde. "Es ist definitiv etwas, das wir ernst nehmen und worüber wir uns schon jetzt Gedanken machen sollten", sagt Marcy Darnovsky, die das Center for Genetics and Society in Berkeley leitet. "Es geht hier nicht nur um eine rein technische oder wissenschaftliche Frage."

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