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Forscher über Nelson Mandela - "Sehr viel gewaltbereiter als bisher bekannt"

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Mandela gilt als Ikone des 20. Jahrhunderts. Der Politologe Bierling wehrt sich aber gegen einseitige Legendenbildungen, er sagt: Mandela war auch gewaltbereit und patriarchalisch.

Nelson Mandela
Nelson Mandela
Quelle: reuters

heute.de: Sie haben ein Buch über Mandela geschrieben. Ist über ihn nicht schon alles gesagt?

Stephan Bierling: Nein. Die meisten Bücher stützen sich auf Mandelas Autobiographie, die ein Ghostwriter geschrieben hat, oder auf die autorisierte Biographie. Das sind alles Arbeiten, denen Mandela und seine Berater zugestimmt haben. Erst seit dem Tod Mandelas 2013 sind neue Quellen zugänglich, zum Beispiel die Gefängnismemoiren oder die Briefe, die er während seiner Haft geschrieben hat.

heute.de: Welche neuen Seiten an Mandela haben Sie entdeckt?

Bierling: Mandela war als Widerstandskämpfer Anfang der 1960er-Jahre sehr viel gewaltbereiter als bisher bekannt. Er wollte seine Partei ANC in einen Guerilla-Krieg gegen die weiße Apartheid-Regierung führen, die die Schwarzen immer brutaler unterdrückte. Amnesty International hat ihm deswegen später sogar den Status eines politischen Gefangen abgesprochen. Und er hat eng mit der Kommunistischen Partei zusammengearbeitet. Mandela hat das nie zugegeben, aber er war sogar im Zentralkomitee der KP. Und Menschenrechte waren für Mandela kein universales Gut. Er hat Staaten und Personen danach beurteilt, ob sie den ANC im Kampf gegen die Apartheid unterstützten oder nicht. Bis zuletzt hat er Castro und Gaddafi die Treue gehalten.

heute.de: Ist Mandela also kein Heiliger?

Bierling: Ich möchte seine historische Leistung auf keinen Fall schmälern. Er hat Gigantisches geleistet und Südafrika in den frühen 1990er-Jahren vor einem Bürgerkrieg bewahrt. Er hat einen Versöhnungskurs in Gang gesetzt und sein Land auf den Pfad einer liberalen Demokratie geführt. Allerdings glaube ich als Wissenschaftler nicht an Heilige und auch nicht an Wunder. Mandela ist eine komplexere Person, als wir gerade in Deutschland meist denken. Und er ist eine tragische Figur: Sein Erbe wird von seinen politischen Nachfolgern mit Füßen getreten. Südafrika ist korrupt und nationalistisch geworden. Die Spannungen zwischen Schwarzen und Weißen haben wieder zugenommen. Mandelas Erbe ist verschleudert worden.

heute.de: Sie wehren sich gegen Legendenbildungen. Welche Abgründe haben Sie bei Mandela kennen gelernt?

Bierling: Die Gewaltbereitschaft in den jungen Jahren. Und Hochmut, Eitelkeit, Selbstüberschätzung. Aber er bleibt ein faszinierender Mensch, würdevoll, energiegeladen, charismatisch. Mich beeindruckt vor allem, wie er während der 27-jährigen Haft menschlich gereift ist und seinen unverwechselbaren Humor entwickelt hat.

zur Person

heute.de: Wie sehen Sie Mandela als Privatmann?

Bierling: Mit seiner Familie war er nie im Reinen. Er hat sie patriarchal geführt und zu den Kindern wenig emotionale Nähe gehabt. Mandela war drei Mal verheiratet und hat so gewissermaßen drei Familien gegründet. Erst mit seiner letzten Frau, Graca Machel, die er an seinem 80. Geburtstag heiratete, fand er wirkliches Glück. Zwischen allen drei Frauen tobt heute ein Konkurrenzkampf. Sie streiten um sein Vermächtnis.

heute.de: Welche Wirkmacht hat Mandela heute in Südafrika?

Bierling: Er ist nach wie vor omnipräsent. Straßen, Krankenhäuser, Schulen sind nach ihm benannt. Überall sind Plakate und Statuen von ihm zu sehen. Als politische Leitfigur hat seine Wirkmacht seit dem Rückzug als Präsident 1999 vor allem in seiner Partei ANC jedoch nachgelassen. Mittlerweile erinnert die Opposition an Mandelas Vermächtnis, um die Korruption in der Regierungspartei anzuprangern.

heute.de: Hat Mandela nur Südafrika verändert - oder auch den ganzen Kontinent?

Bierling: Afrika litt und leidet unter korrupten Alleinherrschern, Bürgerkriegen, Armut und Krankheiten. Mandela hat dem Kontinent ein Gesicht gegeben, zu dem auch der Westen voller Bewunderung aufgeschaut hat. Er half Afrika, in der internationalen Politik wahrgenommen zu werden. Nach seinem Tod gab es Umfragen, wonach sich überall auf der Erde Menschen Mandela als eine Art Weltpräsident gewünscht hätten. Er hat viele Menschen inspiriert und auch zu besseren Menschen gemacht.

heute.de: Gibt es eine Art Mandela-Formel? Welche Botschaft hat er der Welt hinterlassen?

Bierling: Alle Menschen sind gleich, ungeachtet ihrer Hautfarbe, sozialen Stellung oder Überzeugungen. In einer Demokratie muss sich jedes Individuum mit unveräußerlichen Rechten wiederfinden. Das war für das seit vielen Generationen in Weiß und Schwarz gespaltene Südafrika revolutionär, eine unglaublich fortschrittliche, moderne Idee. Und Mandela stand für Versöhnung. Er hat gesagt: 'Ich kann mir den Luxus des Hasses nicht leisten.' Denken wir an die Assads, Putins und Erdogans dieser Welt, die Gesellschaften spalten und in Kriege führen. Mandela verkörpert das Gegenteil. Südafrika stand 1990 kurz vor dem Bürgerkrieg. Aber er hat als aufgeklärter Staatsmann die Katastrophe abgewendet. Heute, 2018, sehnen wir uns nach so einer Lichtgestalt.

heute.de: Mandelas Appell zur Versöhnung klingt wie die christliche Bergpredigt.

Bierling: Mandela hat eine Missionsschule besucht und mit Bischof Tutu eng zusammengearbeitet. Aber er war kein religiöser Mensch. Er hat an säkulare Werte geglaubt: an Demokratie, Gerechtigkeit und Gleichheit. Seine Leidenschaft für diese Werte machen ihn zu einer titanenhaften, Religionsgrenzen überwindenden Figur.

heute.de: Die Spannungen zwischen Schwarzen und Weißen hat er aber nicht gelöst.

Bierling: Mandela hat alles getan, um mit seiner ganzen Autorität und Kraft eine nicht-rassische Regenbogennation zu schmieden. Aber ihm war klar, dass das eine Aufgabe für mehrere Generationen ist. Mandelas Nachfolger haben jedoch versagt. Sie haben die Wirtschaft nicht in Gang gebracht. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 25 Prozent, das Ausbildungsniveau wurde nicht gehoben, die jungen Menschen haben kaum Perspektiven. Statt sich um Lösungen zu kümmern, bringt die Regierung nun die Enteignung von weißen Farmern ins Spiel. Das ist ein Manöver der ANC-Elite, vom eigenen Versagen abzulenken.

heute.de: Ihr Urteil klingt hart.

Bierling: Taiwan und Südkorea haben sich beeindruckend entwickelt. Warum nicht Südafrika? Nur fünf bis zehn Prozent der Schwarzen haben wirtschaftlich wirklich vom Ende der Apartheid profitiert und gehören zum Mittelstand. Da ist viel schiefgegangen. Und dafür ist auch der ANC verantwortlich zu machen, der nicht im Sinne Mandelas gehandelt hat.

Das Interview führte Raphael Rauch.

Nelson Mandela: Südafrikas Vater der Nation

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