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Forscherkongress in Berlin - "Unser Gehirn konstruiert unsere Wahrnehmung"

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Wie steuert unser Verstand das, was wir wahrnehmen? Ist ein Eichenblatt für jeden immer ein Eichenblatt? Über solche Fragen diskutieren ab heute Fachleute in Berlin. Klar ist wohl, dass "vieles von unseren Erfahrungen abhängig ist", sagt Wahrnehmungsforscher Philipp Sterzer im heute.de-Interview.

Etwas sehend erkennen ist doch ganz einfach, oder? Doch die Wahrnehmung mit dem Auge folgt vor allem unseren Vorurteilen. Zauberer Joel weiß das und lenkt unsere Wahrnehmung.

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heute.de: Wie funktioniert das eigentlich, wenn wir auf den Baum da hinten schauen - sind unsere Augen so etwas wie eine Videokamera, deren Signale im Hirn umgewandelt werden?

Philipp Sterzer: Das könnte man meinen, aber sehr wahrscheinlich ist das nicht so. Das würde ja bedeuten, dass die Signale, die unsere Augen liefern, im Gehirn nicht nur umgewandelt, sondern auch wieder irgendwie ausgelesen werden müssten. Da stößt man schnell auf ein logisches Problem. Daher geht man heute eher davon aus, dass das Gehirn unsere Wahrnehmung aktiv konstruiert. Und darin fließt alles das ein, was wir im Laufe unseres Lebens gelernt haben.

heute.de: Heißt bezüglich unseres Baums?

Sterzer: Wenn wir eine Eiche aus der Ferne sehen, nehmen wir ja mehr wahr als die bloße Silhouette. Wir sehen auch die Form der Blätter, obwohl unser Auge aus dieser Entfernung dazu eigentlich gar nicht in der Lage ist. Da wir aber gelernt haben, wie Eichenlaub aussieht, nehmen wir es auch als solches wahr. Wer hingegen sein Leben lang ausschließlich dort gelebt hat, wo Nadelbäume wachsen, wird eine Eiche aus der Ferne anders wahrnehmen, weil er Eichenlaub ja gar nicht kennt.

heute.de: Mit entscheidend für unsere Wahrnehmung ist also immer unsere Lebenserfahrung?

Sterzer: Das kann man so sagen. Dazu gibt es noch ein schönes Beispiel: Fast jeder kennt diese Linien, an deren Ende die Pfeilspitze mal nach innen und mal nach außen gewandt ist - und deren Länge wir deshalb unterschiedlich einschätzen, obwohl die Linie gleich lang ist. Der Fachausdruck dafür ist übrigens die Müller-Lyer-Illusion. Und jetzt kommt das Überraschende: Diese Illusion ist stärker bei Menschen, die in rechteckigen Räumen aufgewachsen sind. Verblüffend, oder?

heute.de: Wir sehen ja nicht nur ... Wie sieht es nun mit unseren anderen Wahrnehmungen aus?

Sterzer: Nach unseren derzeitigen Erkenntnissen ähnlich. Unser Hirn gleicht immer die Sinnesreize mit unseren Erfahrungen ab und zieht daraus seine Schlüsse. Wie schwierig das mitunter sein kann, merkt man beim Schauen von Filmen mit fremdsprachigem Originalton. Selbst wenn wir die Sprache eigentlich ganz gut beherrschen, kann der O-Ton sehr schwierig zu verstehen sein. Für das Sprachverständnis spielen unsere Erwartungen eine große Rolle. Je besser wir in der Sprache werden, desto genauer wissen wir, welche Wörter wir zu erwarten haben - und desto leichter fällt es uns zu folgen.

heute.de: Wenn Sie und viele andere Wahrnehmungsforscher sich jetzt in Berlin zum Kongress treffen, geht es ja auch darum, inwieweit wir unsere Wahrnehmung aktiv beeinflussen können. Können wir?

Sterzer: Wahrnehmung ist ein sehr vielschichtiger Prozess. Der reicht von der reinen Registrierung eines Reizes über die Bewusstwerdung zur Auslösung von emotionalen Reaktionen - und schließlich zur Bewertung vor dem Hintergrund unserer Erfahrungen. Das ist eine Kaskade von Prozessen, die da im Gehirn ablaufen. Man kann sich also nicht einfach so einreden, dass man ein Essen, das man nie gemocht hat, am nächsten Tag schmackhaft findet. Möglich ist es allerdings schon, seine Bewertungen bestimmter Dinge zu ändern. Das ist ja unter anderem eine Aufgabe von Psychologen.

heute.de: Wie kommen Sie den Prozessen, die bei der Wahrnehmung in unserem Hirn ablaufen, auf die Spur?

Sterzer: Eine große Hilfe ist die Magnetresonanztomographie (MRT). Mit der MRT können wir beispielsweise erkennen, welche Teile im Hirn bei welchen Wahrnehmungen stärker mit Sauerstoff versorgt werden - also gerade besonders aktiv sind. So kommen wir der Funktionsweise des Gehirns nach und nach auf die Spur.

heute.de: Mal abgesehen davon, dass es wirklich interessant ist, mehr über unsere Prozesse im Hirn zu erfahren: Was bringt Wahrnehmungsforschung außer Erkenntnis?

Sterzer: Ein wichtiger Forschungsgrund sind natürlich Erkrankungen wie Depressionen oder Schizophrenie, bei denen sich die Wahrnehmung der Menschen ändert. Je mehr wir über die eigentlichen Abläufe der Wahrnehmung wissen, desto eher können wirksame Therapien entwickelt werden. Aber es gibt natürlich noch ein anderes hochinteressantes Feld: die Robotik. Je besser wir unser Gehirn verstehen, desto wahrscheinlicher wird es, dass wir Roboter entwickeln können, die sich menschlichem Verhalten und Wahrnehmung annähern. Das Thema boomt gerade gewaltig.

Das Interview führte Christian Thomann-Busse

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