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Wahlanalyse - Europawahl: Warum die Deutschen so gewählt haben

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Die Deutschen haben gewählt, die Beteiligung bei der Europawahl ist hoch: Warum Union und SPD abgewatscht wurden und warum Europapolitik klar an Bedeutung gewinnt: die Wahlanalyse.

Hochrechnung auf dem Monitor
Europa hat gewählt, das europäische Parlament wird sich verändern - erste Analysen.
Quelle: ZDF

Hinweis: Es handelt sich um eine Analyse, die auf einer telefonischen Vorwahl-Befragung der Forschungsgruppe Wahlen basiert.

Warum wurden Union und SPD abgewatscht?

Verantwortlich für die Unionsverluste und das SPD-Desaster sind relative Defizite bei Parteiansehen, Regierungsarbeit, Sachkompetenz und Spitzenpersonal. Zwar werden die Europa-Kandidaten von Union und SPD, Manfred Weber (Ansehen auf +5/-5-Skala: 1,4) und Katarina Barley (1,1) positiv bewertet, entwickeln bei geringer Bekanntheit aber nur bedingt Zugkraft. Annegret Kramp-Karrenbauer (0,6) und vor allem Andrea Nahles (minus 0,2) bleiben schwach: Nur 22 Prozent der Befragten halten die CDU-Chefin und nur 16 Prozent die SPD-Vorsitzende für hilfreich für das Abschneiden ihrer Partei. 38 Prozent sehen für die Union diese Hilfe in Angela Merkel, die beim Image (1,3; 2014: 2,3) aber weit weniger überzeugt als 2014.

Bewertung der Spitzenpolitiker
Quelle: Forschungsgruppe Wahlen

Welchen Einfluss hatte die Bundespolitik?

Zudem wird die Arbeit der Großen Koalition auf der +5/-5-Skala deutlich schwächer bewertet (0,5; 2014: 1,3) und speziell europapolitisch fühlen sich weniger Wähler von Union oder SPD vertreten als vor fünf Jahren. 42 Prozent der Befragten kritisieren zu wenig Einsatz der Bundesregierung für ein starkes Europa (zu viel: 13 Prozent; gerade richtig: 40 Prozent) - bei einer Europawahl, bei der die Politik in Europa (56 Prozent; 2014: 40 Prozent) für die Wähler erstmals wichtiger war als die Bundespolitik (38 Prozent; 2014: 54 Prozent).   

"Politik in ..."
Quelle: Forschungsgruppe Wahlen

Wieso konnten die Grünen punkten?

Während 66 Prozent meinen, dass traditionell-konservative Positionen in der CDU zuletzt eine "zu große Rolle" spielten, profitieren die Grünen von erheblich gewachsener Akzeptanz in der politischen Mitte: Mit viel Reputation auch in anderen politischen Lagern stehen die Grünen für 52 Prozent für eine "moderne, bürgerliche Politik". Beim Parteiansehen auf der +5/-5-Skala haben die Grünen mit 1,2 (2014: 0,2) die CDU (1,2; 2014: 1,7) eingeholt und die SPD (0,8; 2014: 1,5) sichtbar überholt. Bei den Kompetenzen im Bereich Klimaschutz werden Union und SPD von den Grünen regelrecht deklassiert. 

"Die Grünen stehen für eine moderne, bürgerliche Politik"
Quelle: Forschungsgruppe Wahlen

Wo verlieren Union und SPD und wo punkten die Grünen?

Die CDU/CSU verdankt ihren Wahlsieg noch mehr als zuletzt der älteren Generation: Unter den beteiligungsstarken 60-jährigen Wählern holt sie 39 Prozent, bei den 18- bis 29-Jährigen bricht sie auf gerade noch 13 Prozent ein. Die Grünen werden nicht nur bei den 18- bis 29-Jährigen mit 29 Prozent klar stärkste Kraft, sondern liegen jetzt auch bei allen unter 60-jährigen Wählern knapp vor der CDU/CSU (25 bzw. 22 Prozent). In der Generation 60plus bleiben die Grünen mit 13 Prozent schwach. Die SPD schafft bei den ab 60-Jährigen noch 22 Prozent, von allen unter 60-Jährigen wählen gerade noch zwölf Prozent SPD.

"Wen wählten die unter 30-Jährigen?"
Quelle: Forschungsgruppe Wahlen

Warum gewinnen Europathemen klar an Bedeutung?

Flankiert von vielen, auch europaweit wichtigen Themen wie Flüchtlinge, Klimawandel, (Rechts-)Populismus oder Brexit interessieren sich jetzt 63 Prozent stark für die Wahl und 49 Prozent stark für Europapolitik (2014: 40 bzw. 33 Prozent). Nach einem erheblichen Bedeutungszuwachs zu früheren Jahren halten inzwischen 71 Prozent (2014: 56 Prozent) Entscheidungen des Europaparlaments persönlich für wichtig. Zwar sind nur 39 Prozent (2014: 26 Prozent) zufrieden damit, wie in Europa Politik gemacht wird. Doch mit 55 Prozent (2014: 32 Prozent) sehen so viele wie noch nie direkt vor einer Europawahl in der EU-Mitgliedschaft Vorteile für die deutsche Bevölkerung.  

Wie hat sich (Rechts-)Populismus ausgewirkt?

Konträr zur pro-europäischen Grundstimmung in Deutschland insgesamt sehen die AfD-Anhänger die EU-Mitgliedschaft eher kritisch, beklagen zu viel Einfluss der EU und fordern mehr nationale Eigenständigkeit. Für 63 Prozent der AfD-Wähler (alle Befragten: zehn Prozent) sind "die Rechtspopulisten in Europa die Einzigen, die sich um die wirklichen Interessen der Bürger kümmern". Dagegen sehen unter allen Befragten 80 Prozent im Erfolg europakritischer, populistischer und rechter Parteien ein großes Problem für die Zukunft der EU.    

Was ist bei den übrigen Parteien auffällig?

Beim Parteiansehen können sich Linke auf der +5/-5-Skala (minus 0,4; 2014: minus 0,9) und FDP (0,2; 2014: minus 1,0) verbessern, allerdings ohne zu überzeugen. Das Image der AfD ist seit ihrem ersten großen Erfolg bei der letzten Europawahl mit minus 3,1 (2014: minus 1,5) nochmals klar gesunken; nach Meinung von 79 Prozent ist rechtsextremes Gedankengut in der AfD weit verbreitet. Den stärksten Zuspruch erhält die AfD wie gewohnt bei Männern mittleren Alters, im Osten liegt sie bei allen männlichen Wählern auf CDU-Niveau. Die Freien Wähler schneiden in allen Altersgruppen ähnlich ab, die Tierschutzpartei kommt bei den 18- bis 29-Jährigen auf vier Prozent, "die Partei" holt in dieser Altersgruppe neun Prozent. 

Ist die Europawahl ein Stimmungstest für den Bund?

Obwohl sich mit einer schwachen Union und einer indisponierten SPD Basistrends von anderen Wahlebenen bestätigen, taugt die Europawahl nur bedingt als Stimmungstest für den Bund: Bei nur wenig Parteien- und Personenwettbewerb, ohne Sperrhürde und ohne koalitionstaktische Wahlmotive bleibt die Europawahl ein Unikat. Bei länderübergreifend wichtigen Themen, deutlich mehr Europa-Bewusstsein und mehr Beteiligung hat sich der bislang typische Nebenwahl-Charakter aber klar abgeschwächt.  

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