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Deutschland hinkt hinterher - Fortschrittsangst trifft Biotechnologie

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Biotechnologie ist eine wachsende Branche. Auch im vergangenen Jahr stiegen die Umsätze und die Anzahl der Mitarbeiter deutlich. Allerdings hakt es etwa bei neuen Investitionen.

Utensilien für mikrobiologische Forschung
Utensilien für mikrobiologische Forschung Quelle: dpa

Die bloßen Zahlen könnten besser kaum sein - und andere Branchen würden angesichts einer solchen Bilanz Luftsprünge machen: Der Umsatz in der Branche der Biotechnologie ist im vergangenen Jahr um acht Prozent geklettert; und zwar auf ein neues Rekordhoch von vier Milliarden Euro. Das hat sich auch positiv auf die Beschäftigung ausgewirkt. Denn die Mitarbeiterzahl in den Biotech-Unternehmen in Deutschland ist sogar um satte zwölf Prozent gestiegen.

Investoren misstrauen offenbar der Zunft in Deutschland

Allerdings hat der Branchenreport aus dem Hause der Unternehmensberatung EY auch Schatten zu Tage gefördert. Trotz der guten Zahlen nämlich entspreche das Wachstum nicht dem eigentlichen Potenzial der biotechnologischen Wissenschaft in Deutschland. "Der große Sprung nach vorne bleibt aus", sagte der Studienautor und Leiter des deutschen Life Science Centers von EY, Siegfried Bialojan. "Insbesondere beim Risikokapital gibt es keine Entwicklung nach vorne - im Gegenteil: Die Summe ging wieder leicht zurück."

Risikokapital oder auch Wagniskapital bezeichnet Gelder von Investoren, die bereit sind, mit Ihrer Investition Risiken einzugehen. Vor allem kleine Start-Up-Unternehmen in jungen Branchen und Wirtschaftsbereichen sind auf diese Gelder angewiesen. Denn sie mögen großartige Ideen haben – letztlich hängt deren Umsetzung aber an Finanziers, die das Potenzial erkennen und bereit sind, das Risiko einzugehen. In Deutschland ist diese Bereitschaft gegenüber den Unternehmen in der Biotechnologie-Branche im vergangenen Jahr zurückgegangen: Von 213 Millionen Euro in 2016 auf nur noch gut 200 Millionen Euro in 2017.

Ausgaben für Forschung und Entwicklung gehen zurück

Und für die Zukunft der Biotechnologie verheißt es auch nichts, wenn die Ausgaben für Forschung und Entwicklung zurückgehen. Das ist geschehen, zwar leicht nur (drei Prozent) aber dennoch: Die Stagnation bei den Investitionen in die Forschung und Entwicklung und bei der Anzahl der Unternehmens-Neu-Gründungen macht dem Biotechnologie-Branchenverband Sorgen: "Damit die Biotechnologieindustrie in Deutschland als weiteres Standbein der Industrie etabliert wird, brauchen wir ein gemeinsames Engagement von Politik und Gesellschaft", sagte der Chef des Verbandes BIO Deutschland, Peter Heinrich.

Vor allem im Vergleich mit anderen Ländern wie beispielsweise den USA hinke Deutschland zurück. Doch auch in anderen Ländern Europas kommen die Unternehmen leichter an Kapital: In Frankreich beispielsweise ist das Risikokapital um ein Fünftel gestiegen; in Großbritannien - allerdings von einem sehr niedrigen Stand aus - betrug das Wachstum sogar 85 Prozent.

Fortschrittsgeschichten – Neue Erzählung gesucht

Abgesehen von dieser Zurückhaltung im Deutschland bei der Finanzierung von neuen Unternehmen blicken Verband und Autoren der Studie auf eine deutlich gestiegene Finanzierung der Branche insgesamt zurück: Um satte 37 Prozent sind die Finanzierungen im Biotech-Sektor in die Höhe geschossen - auf einen Rekordbeitrag von 627 Millionen Euro. Das meiste Kapital haben die Unternehmen über die Börse aufgenommen, etwa, indem sie neue Aktien verkauft haben. Allerdings gibt es auch hier einen gehörigen Schluck Wasser im Wein: So gab es im vergangenen Jahr in Deutschland nur ein Unternehmen, das sich als Neuling auf das Börsenparkett gewagt hat. Die Firma heißt InflaRx. Das ist, wie gesagt, keine Krankheit, sondern der Versuch, Krankheiten wirksam zu begegnen: Das Unternehmen aus Jena ist auf Entzündungs- und Autoimmunkrankheiten spezialisiert, sucht also im Pharmabereich nach Medikamenten auf biotechnologischer Basis.

Vielleicht, weil sie größer, internationaler und bekannter ist: Jedenfalls hat InflaRx die New Yorker Börse den Europäischen vorgezogen. Vielleicht liegt es aber auch an der Zurückhaltung in Deutschland. "Hierzulande hat sich leider die Mentalität durgesetzt, dass das Bewahren von bereits Erreichtem im Vordergrund steht", fasste Sigfried Bialojan seine Erkenntnisse aus dem Datenmaterial zusammen. Die Autoren der Studie appellieren dafür, ein neues Narrativ zu finden, in dem Innovation und Fortschritt wieder verstärkt Platz fänden.

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