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Patriotische Camps in den USA - "Ihr seid Soldaten Gottes"

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400.000 Kinder und Jugendliche in den USA besuchen jedes Jahr patriotische Camps und militärische Trainingslager. Sarah Blesener hat sie fotografiert.

Fotoausstellung von Sarah Blesener
Fotoausstellung von Sarah Blesener Quelle: Sarah Blesener/Anastasia Photo

heute.de: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Kinder in patriotischen Clubs und militärischen Trainingslagern zu fotografieren?

Sarah Blesener: Ich habe vor zwei Jahren ein ähnliches Foto-Projekt in Russland gemacht - und als ich die Bilder von russischen Kindern beim Schießtraining in den USA ausgestellt habe, hieß es: 'Typisch, diese verrückten Russen sind so nationalistisch.' Dabei gibt es bei uns ganz ähnliche Programme für Kinder. Nur dass sie hier nicht als nationalistisch bezeichnet werden, sondern als patriotisch.

heute.de: Sie sind sechs Monate lang durch die USA gereist und haben Kinder in Trainingslagern fotografiert. Was haben Sie dort erlebt?

Blesener: Es gibt ganz unterschiedliche Programme. Die 'Young Marines' sind beispielsweise auf die militärische Ausbildung spezialisiert. Dort finden Drills statt und Schießübungen. Es ist eine Art Schnupperkurs für Jugendliche, die sich später vielleicht beim Militär verpflichten wollen. Oder Kinder, die einfach mal ausprobieren wollen, wie es sich anfühlt ein Gewehr nicht nur im Videospiel, sondern im wirklichen Leben abzufeuern. Was mich erstaunt hat war, wie jung die Teilnehmer waren. Ich hatte nicht damit gerechnet, acht- oder neunjährigen Kindern in Militäruniformen zu begegnen.

heute.de: Und was lernen die Kinder in einem patriotischen Camp?

Blesener: Im 'Utah Patriot Camp', einem einwöchigen Sommerlager für Grundschulkinder zum Beispiel, sagte der Coach: 'Denkt daran, ihr seid Soldaten Gottes' und 'Niemand in der Weltgeschichte war je so frei wie ihr.' Und die Kinder starrten ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Das war unglaublich. Diese Mischung aus Patriotismus, Militarismus und Religion fand ich noch viel erschreckender, als das, was in den Militär-Trainingslagern passiert.

heute.de: Das klingt nach politisch-religiöser Indoktrination…

Blesener: Vieles, was den Kindern beigebracht wird, ist aggressiv und nationalistisch. Unser Land ist extrem patriotisch und sehr tief verwurzelt in religiösen Werten und militärischen Traditionen. Angeblich sind Amerikaner besser als alle anderen, sie wähnen sich von Gott auserwählt. Es ist gefährlich, der jungen Generation solche Werte zu vermitteln. Aber das ist meine persönliche Meinung. Viele Amerikaner, die Eltern dieser Kinder, sehen das ganz anders.

zur Person

heute.de: Ihre Fotos sind unmittelbar nach der Präsidentschaftswahl entstanden. Haben Sie den Eindruck, dass seit der Wahl von Donald Trump mehr Teilnehmer in die Camps kommen? Und aus welchen Familien kommen die Kinder?

Blesener: Die Kinder kommen vor allem aus konservativen, republikanischen Familien im Mittleren Westen. Nach der Wahl gab es zwar eine leichte Zunahme der Teilnehmerzahlen, aber keinen dramatischen Anstieg. Überraschend für mich ist, dass die meisten dieser Programme eine lange Tradition haben. Sie sind nicht erst in den letzten ein, zwei Jahren gegründet worden.

Portrait von Liz Nelson in der Fotoausstellung
Portrait von Liz Nelson in der Fotoausstellung Quelle: Sarah Blesener/Anastasia Photo

heute.de: Sie haben einige der Jugendlichen nicht nur im Trainingslager getroffen, sondern auch zu Hause besucht.

Blesener: Ja, bei einem Civil Air Patrol Camp habe ich Liz Nelson getroffen. Liz war so Feuer und Flamme von dem Trainingslager, dass sie beschlossen hat, sich beim Militär zu verpflichten. Sie geht noch zur Schule, sie ist erst 17. Sie darf also noch keinen Alkohol trinken und noch nicht wählen. Aber in den militärischen Dienst eintreten darf sie. Liz’ Mutter steht voll und ganz hinter der Entscheidung ihrer Tochter und hat die Verpflichtungserklärung für sie unterschrieben. Sobald Liz ihren Schulabschluss in der Tasche hat, geht es los. Sie hat sich für acht Jahre verpflichtet. Das ist eine lange Zeit, wenn du gerade mal 17 bist.

Das Interview führte Maya Dähne

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