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Besuch in Chile - Franziskus im Land der Mapuche

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Der Papst fordert die Anerkennung der Rechte indigener Völker in Chile - und verurteilt zugleich gewaltsame Proteste. Dem elitären Klerus liest er die Leviten.

Papst Franziskus am 16.01.2018 in Santiago de Chile
Papst Franziskus am 16.01.2018 in Santiago de Chile
Quelle: dpa

Es war die wohl schwierigste Station seines Besuchs in Chile: der Gottesdienst in Temuco im Süden des Landes. Die Stadt liegt in der Araucanía, einer der ärmsten Regionen des Landes. Hier sind die Stammlande der Mapuche, die Ende des 19. Jahrhunderts von der Armee der jungen Republik Chile vertrieben wurden und damit weite Teile ihrer Stammesgebiete verloren. Seit Jahren kämpfen sie für Gerechtigkeit. Dabei schrecken radikale Mapuche-Gruppen auch nicht vor Gewalt zurück. Sie werfen der Kirche vor, zusammen mit Wirtschaft und Politik an der Unterdrückung der Ureinwohner mitverantwortlich zu sein.

Übergriffe auf kirchliche Einrichtungen

In den vergangenen Monaten gab es immer wieder Übergriffe auf kirchliche Einrichtungen. Am Morgen berichteten Medien von der Besetzung eines Kirchengrundstücks im  Erzbistum Concepcion durch Mapuche. Im Vorfeld des Besuchs von Franziskus in Temuco befürchteten 85 Prozent der Chilenen, die Visite werde den Konflikt anheizen, nur 12 Prozent glaubten an einen positiven Einfluss.

In diese angespannte Situation hinein nutzte Franziskus den Gottesdienst am Morgen, um zur Einheit in Chile aufzurufen. Spaltungen und Konfrontationen sollten überwunden werden. Jede Kultur müsse im Land ihren Platz haben. "Wir bedürfen des Reichtums, den jedes Volk einbringen kann, und wir müssen die Denkweise ablegen, dass es höhere und niedere Kulturen gibt." Einheit dürfe nicht mit Einförmigkeit verwechselt werden, erklärte Franziskus, sie sei eine "versöhnte Verschiedenheit".

"Gewalt verwandelt gerechteste Sache in Lüge"

Zugleich verurteilte der Papst Gewalt zur Durchsetzung von Zielen. "Die Gewalt verwandelt die gerechteste Sache zur Lüge", rief er den Gläubigen zu. Seine Kritik an der "Ausarbeitung von 'schönen' Vereinbarungen", die dann nicht konkretisiert würden, dürfte an die politisch Verantwortlichen adressiert gewesen sein. Nach dem Gottesdienst traf sich Franziskus mit einer kleinen Gruppe aus der Region Araucanía zum Mittagessen.

Die Predigt in Temuco fügt sich ein in eine lange Reihe von Ansprachen, in denen sich er Papst für die Rechte indigener Völker einsetzt. Die Erfahrungen in seiner argentinischen Heimat, in der die Indigenen wie in vielen anderen Ländern des Kontinents eine leidvolle Vergangenheit hinter sich haben und sich bis heute als Bürger zweiter Klasse fühlen, haben ihn für das Thema sensibilisiert. Mehrfach hat er sich mit Volksbewegungen getroffen und ihnen seine Unterstützung zugesichert.

"Hirten statt Superhelden"

"Wir wollen, dass man eure Stimme hört. Das ist mein Plan", sagte er beim ersten Welttreffen der Volksbewegungen im Oktober 2014 im Vatikan. Seine Reisen an die "Ränder" der Gesellschaft dienen genau diesem Ziel. Mit seinem Besuch in Temuco lenkt Franziskus den Blick der Weltöffentlichkeit auf das Problem der Mapuche und anderer indigener Völker. Politische Macht hat der Papst nicht, seine Macht sind die Bilder und Worte. Die versucht er zu nutzen.

Das gilt auch mit Blick auf die katholische Kirche im Land. Zum Auftakt gestern hatte er wenig schmeichelhafte Worte für den Klerus, die Ordensleute und Bischöfe parat. Er warnte wiederholt vor Elitedenken und Klerikalismus. Die Menschen bräuchten keine "Superhelden", sondern Hirten, die an ihrer Seite stünden und sie in ihrem Leid und ihren Sorgen begleiteten.

Missbrauchsopfer getroffen

Gleich mehrfach sprach Franziskus den Missbrauchsskandal an, der auch die Kirche in Chile erschüttert und zu einem großen Vertrauensverlust der Chilenen in die Institution geführt hat. Er schloss sich der Vergebungsbitte der chilenischen Bischöfe an und mahnte die eigenen Reihen, "die Realität beim Namen zu nennen", also nichts zu vertuschen, und auf dem Weg der Aufarbeitung weiterzugehen. "Strikt privat" traf Franziskus am Dienstag eine kleine Gruppe von Missbrauchsopfern.

Der Papst sagte im Vorfeld seines Besuchs in Chile, dass er Frieden und Versöhnung bringen möchte. Mit seinen Ansprachen und Gesten versucht er das vor Ort einzulösen. Seine Appelle zur Einheit und der Anerkennung der Rechte aller sind eine Mahnung an die Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft. Versöhnen möchte er aber auch die katholische Kirche mit den Menschen.

Viele Proteste während des Besuchs

Selten gab es eine Papstreise, bei der Proteste so präsent waren, wie hier in Chile. Die einen demonstrieren gegen die Kosten des Papstbesuchs, die angesichts der Armut in großen Teilen der Bevölkerung zu hoch seien, die anderen gegen die Haltung der Kirche im Umgang mit Missbrauchsfällen, schließlich die Proteste der Mapuche. Es sind oft nur kleine Gruppen. Doch es ist ein Zeichen dafür, dass die katholische Kirche längst nicht mehr die unangefochtene Institution ist, die sie einst im Land war.

Der Papst ist überzeugt, dass sie auf dem "katholischen Kontinent" nur dann eine Zukunft hat, wenn sie sich radikal verändert. Nur wenn sie ihr Image einer Kirche der Eliten und Mächtigen ablegt und zu einer echten Kirche an der Seite der Menschen wird, kann sie vielleicht den Niedergang stoppen. In dieser Mission ist Franziskus auf seinem Heimatkontinent unterwegs. Nächste Station ist ab morgen Peru.

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