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Smartphones in Schulen - Ungeliebt, aber gebraucht

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Frankreich hat die generelle Verbannung von Handys aus der Schule beschlossen. Eine Option für Deutschland? Besonders ein Argument der Smartphone-Befürworter hat Gewicht.

Eingesammelte Smartphones in einer Schule
Wer im Unterricht mit dem Handy spielt, muss damit rechnen, dass es vom Lehrer einkassiert wird.
Quelle: dpa

Das in Frankreich beschlossene Handyverbot für Schüler bis zur Mittelstufe wird wohl in Deutschland so schnell keine Nachahmer finden: Sowohl Kultusminister, als auch Lehrer- und Schülervertreter reagierten ablehnend auf die französische Lösung zu einem derartigen generellen Smartphone-Verbot.

Gegenüber heute.de sagte etwa Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann: "Nach Auffassung des Kultusministeriums kann Schülerinnen und Schülern nicht generell verboten werden, ein Handy mitzuführen, da die Eltern ein berechtigtes Interesse daran haben können, ihre Kinder vor Schulbeginn oder nach Schulende zu erreichen." Es sei jedoch unausweichlich, gemeinsame Regelungen für den Umgang mit Handys in der Schule zu finden. Deshalb plädiert sie dafür, dass Schulen weiterhin selbst entscheiden, wie sie eine "maßvolle und verantwortliche Nutzung von digitalen Endgeräten auf dem Schulhof und im Klassenzimmer regeln", so Eisenmann.

Blanquer: Frankreich "ins 21. Jahrhundert" befördert

Ähnlich äußerte sich Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres: "Für eine zentrale Vorschrift für alle Berliner Schulen sehe ich derzeit keinen Anlass." Auch Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien verweist auf eigenverantwortliches Handeln der Schulen. In Deutschland gibt es keine einheitliche Regelung zur Handynutzung, weil Bildung Ländersache ist. Der Umgang mit Smartphones ist nach Angaben des Sprechers der Kultusministerkonferenz teils in den Hausordnungen, teils in den Schulgesetzen geregelt.

Das französische Handyverbot an Schulen war vom Parlament am Montag beschlossen worden und setzt ein Wahlversprechen von Präsident Emmanuel Macron um. Es verbietet nicht nur Handys, sondern alle privaten internetfähigen Geräte - von der Smartwatch bis zum Tablet -  in Schulen und auf Pausenhöfen. Ausnahmen gelten, wenn die Geräte im Unterricht benötigt werden sowie für Kinder mit einer Behinderung. Frankreichs Bildungsminister Jean-Michel Blanquer ist sich sicher, dass das Gesetz Frankreich "ins 21. Jahrhundert" befördert. "Es sendet eine Botschaft an die französische Gesellschaft" sowie an andere Länder in der Welt", so Blanquer.

Smartphone als Unterrichtshilfe

Eine Botschaft, die auf Seiten der deutschen Schüler eher schlecht ankommt. "Wir sehen Verbote in diesem Bereich einfach sehr, sehr kritisch", sagt Noah Wehn, Vorsitzender des Landesschülerrats Sachsen, gegenüber heute.de. Smartphones seien ein Alltagsgegenstand und wichtiger Teil des Lebens geworden. Auch seien sie mehr für die Schüler als Ablenkung: "Wenn man Smartphones in der Schule nicht nutzt, ist das einfach verschenktes Potenzial. Das können wir uns nicht leisten", so Wehn. Denn könnten Smartphones für den Unterricht etwa zu Recherchezwecken oder als Wörterbuch bei Fremdsprachen nützlich sein. "Solange deutsche Schulen nicht flächendeckend digital ausgerüstet sind, sind Handys ein Mittel, um Unterricht zukunftsfähig zu machen", sagt Wehn.

Ähnlich äußerte sich der Bundesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann. "Deutsche Schulen haben größtenteils noch steinzeitliche Ausstattungen, aber die Generation von heute muss auf die Arbeitswelt von morgen vorbereitet werden." Solange die Schulen nicht entsprechend ausgestattet seien, um mit staatlich finanzierten Geräten Medienkompetenz zu vermitteln, sei man gezwungen, auf die Medien zurückzugreifen, die die Kinder mitbringen. Laut Bundeselternrat würden Handys den Unterricht zwar stören und gehörten eigentlich nicht in die Schule, aber auch hier sieht man die Lehranstalten als noch nicht gut genug ausgerüstet an, um ganz auf die Technik der Schüler verzichten zu können.

Lehrer mit Problemen bei Technik?

Bund und Länder wollen mit dem "Digitalpakt" diese Digitalisierung von Schulen vorantreiben. Bis September soll dazu ein erster Entwurf vorgelegt werden. Bis Ende des Jahres eine Vereinbarung darüber geschlossen werden. Darauf hatten sich Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) und die Kultusminister der Länder im Juni geeinigt.

Doch Probleme gebe es nicht nur bei der digitalen Ausstattung, meint Schülervertreter Wehn, es hapere auch an Willen und Fähigkeiten der Lehrkräfte. Nach seiner Erfahrung kämen Lehrer oft nicht mit dem Smartboard, einem tafelgroßen Touchscreen, zurecht. Auch würden manche Lehrer die bereitgestellten Laptops nie nutzen.

Beifall für das Gesetz kommt hingegen vom Lehrer und Autor Arne Ulbricht, der sich bisher in verschiedenen Büchern kritisch zur Smartphone-Nutzung im Unterricht geäußert hat. "Ich glaube, wenn es ein generelles Verbot in Deutschland gibt, dann entsteht auch eine gewisse Normalität, dass man Handys nicht nutzt", so Ulbricht im Interview mit heute.de. Das würde dann dazu führen, dass sich besonders leistungsschwache Schüler während des Unterrichts nicht von ihren Handys ablenken lassen würden. Die Handynutzung im Unterricht ist zwar meist ohnehin verboten, wird aber oft dennoch nicht unterlassen. Auch auf dem Pausenhof würden viele mit dem Handy spielen. "Es ist wichtig, dass Schüler lernen, dass die realen Welten die wichtigen Welten sind", so Ulbricht.

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