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Bischofstreffen in Lingen - Frauen streben in Kirchen-Ämter

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Es ist ein Signal bei der Frühjahrsvollversammlung der Bischöfe im niedersächsischen Lingen: Die katholische Kirche verordnet sich eine Frauenquote für Leitungspositionen.

Christina Jaax, 45, könnte auch als Managerin in einem großen Unternehmen eine gute Figur machen: Mit energischen Schritten eilt sie die Treppe hinunter, der blaue Hosenanzug sitzt perfekt, die Absätze ihrer modischen Stiefeletten klackern auf dem Marmorboden. Auf Frauen wie sie ist die katholische Kirche in Deutschland stolz. Sie hat es in eine kirchliche Chefetage geschafft: Als Abteilungsleiterin Kirchengemeinden im Bistum Osnabrück ist sie für rund 230 Gemeinden, 235 Kindertagesstätten und 100 Altenhilfeeinrichtungen verantwortlich - und damit für ein Budget von 40 Millionen Euro. Bislang wurde dieser Job immer von einem Mann gemacht. "Das ist eine Männerdomäne", sagt Jaax. Das Bistum Osnabrück sei  - im Gegensatz zu einigen süddeutschen Bistümern - deutlich offener, was Frauen in kirchlichen Chefetagen angehe.

Mittlerweile leiten Frauen drei von zehn großen Abteilungen im Generalvikariat in Osnabrück. Wenn Christina Jaax in die Gemeinden gehe, um zum Beispiel einen Kita-Umbau zu planen, seien die Reaktionen der verschiedenen Pfarrer und Gemeindemitglieder unterschiedlich. "Wir haben natürlich auch die Pfarrer, die sehr konservativ sind und es nicht gewohnt sind, dass eine Frau vorbeikommt", erklärt Jaax. Auch die Kirchenvorstände stutzten bisweilen. Hier gelte es, Vorurteile auszuräumen. Die Reaktionen seien aber insgesamt positiv.

Die katholische Kirche verordnet sich eine Frauenquote

Im Frühjahr 2013 hatten die deutschen katholischen Bischöfe beschlossen, "Frauen noch stärker bei der Wahrnehmung ihrer Verantwortung zu fördern, die allen Christen für das kirchliche Leben aufgetragen ist" - so hieß es in der Selbstverpflichtung damals. Auf weniger Amtskirchendeutsch: Frauen zu fördern, teils über Mentoringprogramme, teils über eine Öffnung der Ordinariate und Generalvikariate für weibliche Führungskräfte. Und es hat sich etwas getan in den vergangenen sechs Jahren.

Im Rahmen der Frühjahrsvollversammlung der Bischöfe im niedersächsischen Lingen nun das Signal: Die katholische Kirche in Deutschland verordnet sich eine Frauenquote. Die Bischöfe wollen den Anteil von Frauen in Leitungspositionen der Bistümer in den kommenden vier Jahren auf mindestens ein Drittel steigern. Das kündigte der Vorsitzende der Unterkommission Frauen der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Bode, in Lingen an. Von 2013 bis heute stieg der Frauenanteil auf der oberen Leitungsebene der Bistümer von rund 13 auf 19 Prozent an. Dieser Zuwachs sei aber noch nicht zufriedenstellend, so Bode.

Auch Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, gestand ein: Früher habe er nichts von Frauenquoten gehalten. Nun sei ihm aber klar: Frauen müssten auch in der Kirche gefördert werden. Er sei mittlerweile überzeugt: Wo Männer und Frauen zusammenarbeiten, "läuft es besser". Diese Erkenntnis mag - nicht zuletzt für Frauen -  befremdlich anmuten im Jahr 2019. Dennoch bat Marx um Geduld, die katholische Kirche befinde sich gerade im Umbruch.

Marx läutet eine Glocke zum Auftakt der Frühjahrskonferenz.
Marx läutet eine Glocke zum Auftakt der Frühjahrskonferenz.
Quelle: Friso Gentsch/dpa

Kirche soll geschlechtergerecht werden

Wir wollen endlich Taten sehen.
Mechthild Heil (CDU), Bundesvorsitzende der KFD

Die Theologie-Professorin Marianne Heimbach-Steins von der Universität Münster sieht die katholische Kirche in einer existenziellen Krise. Die Frage nach mehr Frauen in kirchlichen Leitungspositionen sei "eine Frage, die nicht nur ganz konkrete einzelne Schritte, die Beteiligungen von Frauen in bestimmten Positionen angeht, sondern auch ein Umdenken in hohem Maße verlangt, letztlich auch einen gewissen Verzicht auf klerikale Machtausübung", sagte sie im Gespräch mit heute.de.

Ähnlich sehen es auch die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (KFD) und der Katholische Deutsche Frauenbund. "Wir wollen endlich Taten sehen", sagte Mechthild Heil (CDU), Bundesvorsitzende der KFD. Alles müsse auf den Prüfstand, die Kirche müsse endlich geschlechtergerecht werden.

Etwa 300 Frauen der KFD zogen am Montagabend mit einem Schweigemarsch zur Lingener Kirche St. Bonifatius - just zu der Zeit, als die 66 deutschen Bischöfe dort ihren Eröffnungsgottesdienst feierten. Nach der Messe empfingen sie die Geistlichen mit lauten Rufen "Macht Licht an!", um für eine ehrliche Aufbereitung der Missbrauchsfälle zu demonstrieren. Mit Plakaten, auf denen "Ehe für alle" oder "Frauen in alle Weihe-Ämter" geschrieben stand, forderten die Frauen eine stärkere Beteiligung am kirchlichen Leben. Die Zusage Kardinal Marx‘, noch mehr Frauen in Leitungspositionen in der kirchlichen Verwaltung zu bringen, reiche nicht aus, sagte Heil und forderte, Frauen auch zur Diakoninnen-Weihe zuzulassen. Marx hatte während der Auftaktpressekonferenz in Lingen klargestellt: Der Punkt Diakoninnen-Weihe stünde nicht auf der Tagesordnung des Bischofstreffens.

Der Druck auf die Kirche wächst

Ich habe diese Sehnsucht, auch die Sakramente zu spenden und in der Seelsorge für die Menschen da zu sein.
Jaqueline Straub, katholische Theologin und Autorin

Junge Frauen wie die katholische Theologin, Journalistin und Autorin Jacqueline Straub gehen sogar weiter und fordern, Frauen zu Priesterinnen zu weihen. Die 28-jährige gebürtige Baden-Württembergerin lebt in der Schweiz. Dort sei vieles liberaler, sagt sie. So werde ihr dort erlaubt, im Gottesdienst die Albe, ein Priestergewand, zu tragen, zu predigen und die Kommunion auszuteilen. Sie fühle sich seit ihrer Jugend dazu berufen, Priesterin zu werden, sagt sie gegenüber heute.de.

"Ich habe diese Sehnsucht, auch die Sakramente zu spenden und in der Seelsorge für die Menschen da zu sein", so Straub. Dass sie mit diesen Aussagen provoziert, weiß sie. Sie bekomme regelmäßig Hasspost, "dass ich dumm und naiv sei, dass ich als Frau andere Aufgaben habe - Ordensschwester oder demütige Mutter". Gespräche mit Bischöfen seien eher ernüchternd gewesen. Die gängigen Antworten seien: Der Papst habe entschieden, Frauen werden keine Priesterinnen. Als Erfolgt verbucht Jacqueline Straub allerdings, dass mittlerweile viele Gläubige mehr Mut hätten, offen über das Thema zu sprechen.

Wie auch die 300 Frauen vor St. Bonifatius in Lingen. Von den 66 Bischöfen blieben nach dem Gottesdienst zwei bei den Demonstrantinnen stehen: Der Essener Bischof Schepers sowie der besagte Bischof Bode aus Osnabrück. Sie nahmen 30.000 Postkarten entgegen, auf denen Frauen eine echte Erneuerung der Kirche forderten. Bode dankte den Frauen, dass sie ihren Schmerz lautstark ausdrückten und versprach: Übergreifende Arbeitsgruppen bei der Vollversammlung der Bischöfe würden sich in den nächsten Tagen mit Machtstrukturen, Lebensformen von Priestern und dem Zölibat beschäftigen. Und er hat sein Versprechen gehalten.

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