Sie sind hier:

Revolution im Libanon - Hoffnung auf eine neue Regierung

Datum:

"Thawra" - seit fünf Wochen hört man diesen Ruf im ganzen Land. Thawra heißt Revolution. Die Forderung der Demonstrierenden: Eine neue Regierung - eine, die nicht korrupt ist.

Frauen protestieren am 20..11.2019 in Libanon
Die Frauen im Libanon sorgen sich um ihre Rechte und um ihre Zukunft und gehen verstärkt auf die Straße.
Quelle: ZDF/Anne Feist

"Wir haben keine öffentlichen Plätze, alles ist zugebaut, unsere Wirtschaft ist marode, Frauen haben keine Rechte", erzählt die 21-jährige Christina. Sie ist Studentin, doch eine Aussicht auf Arbeit nach dem Studium, hat sie nicht. Bisher hatte sie sich damit abgefunden, irgendwann wie all ihre Freunde, den Libanon zu verlassen, in Europa, Amerika oder den Golf-Staaten zu arbeiten. Doch jetzt hat sie zum ersten Mal Hoffnung, dass sich etwas verändern könnte. Deshalb kommt sie jeden Tag zum Märtyrerplatz in Beirut: "Das hier hat jetzt oberste Priorität. Was habe ich davon, wenn ich in der Uni sitze und studiere - ohne Perspektive?"

Wut über die Wirtschaftskrise

Tatiana ist Innenarchitektin - ohne Auftrag. Sie campt seit dem ersten Tag, seit dem 17. Oktober, auf dem Märtyrerplatz: " Die ersten Tage war es aggressiv, viele ließen einfach ihre Wut raus." Wut über die Wirtschaftskrise und Wut, über die Politiker, die dafür verantwortlich sind. Es ist die Ankündigung einer Steuer von sechs US-Dollar pro Monat auf Kurznachrichtendienste wie WhatsApp, die die Menschen auf die Straßen treibt.

Tatiana
Tatjana kämpft für ihre Rechte.
Quelle: ZDF/Anne Feist

Schon seit Wochen versucht die Regierung mit der Einführung immer neuer Steuern einen Staatsbankrott abzuwehren. Benzin ist knapp, Dollar, die so wichtige Zweitwährung im Libanon, kaum noch vorhanden. Spontan versammeln sich tausende Menschen, um gegen die Regierung und die anhaltende Wirtschaftskrise zu demonstrieren. Und Tag für Tag wird die Stimmung besser, erinnert sich die 24-jährige Tatiana: "Alles wurde friedlicher. Und alle wussten, dass es friedlich sein muss, um etwas zu bewegen". Und noch etwas sei anders als je zuvor. Tatiana: "Wir teilen uns Zelte, obwohl wir alle einen anderen religiösen Background haben. Aber niemand fragt danach, es spielt einfach keine Rolle mehr."

Eine Regierung gespalten entlang der Religionsgemeinschaften

Der Libanon ist gespalten entlang seiner Religionsgemeinschaften. Vor 30 Jahren beendete das Friedensabkommen von Ta'if den Bürgerkrieg. Seitdem ringen Angehörige 18 verschiedener Konfessionen im Parlament um Einfluss - die Regierung ist de facto kaum handlungsfähig. "Unser Ziel war der Sturz der Regierung", erzählt Tatiana. Der Rücktritt von Ministerpräsident Saad Hariri zwölf Tage nach Beginn der Proteste reicht den Demonstranten nicht. Sie fordern eine technokratische Übergangsregierung, neue Politiker. Aber jetzt stagniere es, so Tatiana:  "Die korrupte Klasse will zurückkommen. Wir, die Menschen auf der Strasse aber halten den Druck aufrecht. Wir wollen sie nicht mehr an der Macht haben."

Tatiana spricht von Politikern wie dem Staatspräsident Michel Aoun oder Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah. Beide wollen Teil der neuen Regierung bleiben. In einem Interview gibt der Präsident den Demonstranten zu verstehen: "Wenn Menschen unzufrieden sind mit den anständigen Machthabern, dann sollen sie doch emigrieren." In dieser Nacht stirbt ein Mann im Gerangel mit dem Militär. Trotzdem bleibt es friedlich. Mit Kerzen ehren sie "ihren Märtyrer der Revolution". Dann wieder Massenproteste und Strassenblockaden - landesweit. "Die Politiker wollen uns provozieren, aber wir lassen uns nicht auf der Ruhe bringen", erklärt die 21-jährige Nur: "Brennende Straßenblockaden sind ein klares Signal, aber noch radikaler soll es nicht werden. Wir bleiben friedlich." Denn alle Libanesen, so sagt sie, haben den Krieg satt.

Kurz vor dem wirtschaftlichen Kollaps

Die Geisterstadt (Tags und Nachts)
Im teuersten Stadtteil Beiruts herrscht Leerstand.
Quelle: ZDF/Anne Feist

Tatiana und ihre Freunde wollen am Märtyrerplatz mit ihren Zelten ausharren. Solange bis sich etwas verändert. Es sei ein symbolischer Ort, denn hier beginnt die sogenannte Geisterstadt. Im zentralsten und wohl teursten Stadtteil Beiruts werden Krise und Korruption sichtbar: überall Leerstand. Das Land steht kurz vor dem wirtschaftlichen Kollaps. Der Staat ist stark verschuldet, und allein die Zinsen verschlingen jedes Jahr fast die Hälfte der öffentlichen Einnahmen. Darunter leidet die Infrastruktur - eine verlässliche Versorgung mit Wasser und Strom fehlt gänzlich. "Ich kann nicht die Mikrowelle anstellen, wenn ich mir die Haare föhne. Das ist doch lächerlich", findet Fremdenführerin Mira Minkara. Sie gehöre zur Mittelschicht, aber mittlerweile müssen ihre Eltern sie mitfinanzieren. Deshalb protestiert auch sie - an diesem Tag vor dem Elektrizitätsgebäude.

Anfang der Woche der vorläufige Höhepunkt: Am Montag vergleicht der Sprecher des libanesischen Parlament die Situation im Libanon mit der auf der Titanic -  kurz vor dem Untergang. Am Dienstag wird das Regierungsviertel in Beirut komplett abgeriegelt - überall meterhoher Stacheldraht. Das Parlament will erstmals seit Tagen wieder zusammenkommen. Die Demonstraten aber wollen von diesem Parlament keine Entscheidungen mehr annehmen. Deshalb demonstrieren sie lauter denn je, solange bis die Verhandlungen abgesagt werden. Wieder ein Etappensieg.

Wie es weitergeht? "Wir leben von Tag zu Tag", sagt Innenarchitektin Tatiana. "Und wenn unser Protest bis Weihnachten dauert, dann ist das eben so."

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um Ihnen ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier können Sie mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.