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Frauenwahlrecht - Kampf um ein Menschenrecht

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Erst vor knapp 35 Jahren wurde in Liechtenstein auf Druck von Feministinnen hin das Frauenwahlrecht eingeführt. Doch bis heute hinkt die Gleichstellung in dem Fürstentum hinterher.

Frauenwahlrecht Dornrösschen
Foto der Feministin Helen Marxer mit ihren Mitstreiterinnen

Als Helen Marxer und ihre Mitstreiterinnen im September 1983 nach Straßburg zur Menschenrechts-Sitzung in das EU-Parlament reisten, ahnten die meisten Parlamentarierinnen und Parlamentarier nicht, dass es in Europa ein Mitglied des Europarates gibt, in dem etwa die Hälfte der Bevölkerung nicht wählen darf. Die Frauen kamen aus Liechtenstein um ein Menschenrecht einzufordern: Das allgemeine Wahl- und Stimmrecht für Frauen. Denn bis zum Jahr 1984 waren Frauen in dem kleinen Fürstentum zwischen Österreich und der Schweiz nicht wahlberechtigt.

Fordern statt bitten

Plakat: "Aktion Dornröschen"
Plakat: "Aktion Dornröschen"
Quelle: privat

"Vor 35 Jahren war es noch unvorstellbar, dass Frauen wählen", sagt die Liechtensteinische Feministin Helen Marxer heute. Sie erinnert sich gut an die Zeit, in der sie mit einigen weiteren Frauen die "Aktion Dornröschen" startete. Schon in den Jahren zuvor bemühten sich die Frauen mit Aufklärung, Plakaten und Leserbriefen, gute Stimmung für ein Frauenwahlrecht zu machen. Nach vielen Gesprächsversuchen mit Politikern und zwei negativen Abstimmungen im Parlament in den Jahren 1971 und 1973 entschieden sie sich für einen Strategiewechsel: "Mit der Aktion Dornröschen haben wir nicht mehr um ein Wahlrecht gebeten, sondern es gefordert."

Den Männern gefiel das nicht. Einige beschimpften die Aktivistinnen als Vaterlandsverräterinnen, warfen ihnen Destruktivität vor. "Frauen, die fordern: Das ist ganz schlecht angekommen", sagt Marxer. Man habe gemerkt, dass es unmöglich ist, die Mehrheit der Männer von der Notwendigkeit des Frauenstimmrechts zu überzeugen – also gingen die Frauen der Aktion Dornröschen den parlamentarischen Weg. Bis nach Straßburg.

Der öffentliche Raum war männlich

Im Juli 1984 kam es dann im Land selbst zu einer dritten Abstimmung, bei der sich der europäische Druck als wirksam zeigte. Auch, wenn fast die Hälfte der männlichen Bevölkerung noch immer gegen das Wahlrecht stimmte, wurde die Änderung mit knapper Mehrheit angenommen.

Die Historikerin Veronika Marxer forscht zur Situation der Frauen in Liechtenstein. Die Gründe für die späte Einführung des Frauenwahlrechts sieht sie vor allem in zwei Gegebenheiten: Der geringen Auswirkungen der politischen Umbrüche der Weltkriege auf das Fürstentum sowie die Volksabstimmung als politisches Entscheidungsinstrument.

Bis in die 50er Jahre war Liechtenstein agrarisch geprägt, die überwiegend katholische Bevölkerung konservierte ein traditionelles Frauenbild. "Kinder, Küche, Kirche waren die typisch weiblichen Domänen", so die Historikerin. "Der öffentliche Raum war den Männern vorbehalten."

Frauen noch immer unterrepräsentiert

Dieser gesellschaftliche Konservativismus schlug sich gleichsam in den Abstimmungen wieder – und ist bis heute sichtbar. "Dass sich die Mehrheit der Männer lange gegen die politische Gleichberechtigung der Frauen sträubte, hat mit der Zähigkeit der patriarchal geprägten Gesellschaftsstrukturen zu tun, die in vielerlei Hinsicht bis heute fortleben", sagt Veronika Marxer. Zwar wurden Gleichberechtigung von Mann und Frau nach der Einführung des Frauenwahlrechts in der Verfassung verankert, dennoch ist es mit der Gleichstellung in Liechtenstein noch immer ein Schwieriges.

Kampf um ein Menschenrecht: Helen Marxer und ihre Mitstreiterinnen (September 1983)
Kampf um ein Menschenrecht: Helen Marxer und ihre Mitstreiterinnen (September 1983)
Quelle: privat

Liechtenstein liegt derzeit international auf Platz 149 im Hinblick auf den Anteil der Frauen im Parlament, in Europa sogar auf dem vorletzten. Unter elf Gemeindevorstehern ist gerade einmal eine Frau. Helen Marxer engagiert sich daher weiter für die Gleichstellung. Im Verein "Hoi Quote" setzt sie sich neben der Einführung einer Geschlechterquote unter anderem für den Aufbau eines Frauenarchives ein. Die Notwendigkeit für weiteres Engagement habe man bereits bei den letzten Wahlen gut gesehen, so Helen Marxer. "Es gab viele Zettel, auf denen Frauen systematisch durchgestrichen wurden."

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