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Freiburger Missbrauchsprozess - Wenn das eigene Kind zur Ware wird

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Was geht in einer Mutter vor, die ihren Sohn im Internet an Pädophile verkauft? Die Frau und ihr Freund hatten das Kind auch selbst missbraucht. Seit heute stehen sie vor Gericht.

Landgericht Freiburg
Der Eingang zum Landgericht Freiburg. Hier findet der Missbrauchs-Prozess gegen die Mutter des Opfers und ihren Lebensgefährten statt. Quelle: dpa

Es ist ein Verbrechen, bei dem selbst versierten Gerichtsreportern die Worte fehlen: Ein Junge, heute neun Jahre alt, wird von mehreren Männern vergewaltigt. Er wehrt sich, gegen die Kraft der Täter aber ist er machtlos. Niemandem kann er sich anvertrauen, denn die eigene Mutter und deren Lebensgefährte boten ihn selbst im sogenannten Darknet zum Sex an. Die Männer zahlen dafür: Manchmal mehrere Tausend Euro, manchmal auch nur 20 Euro oder einen Hamburger. Sie kommen aus Deutschland, aus der Schweiz, aus Frankreich und Spanien.

Lebensgefährte einschlägig vorbestraft

Die Mutter des Jungen, Berrin T., lernt ihren Freund Christian L. 2014 kennen - und wusste von Beginn an von seinen Neigungen. Gemeinsam missbraucht das Paar ein dreijähriges Mädchen aus der Nachbarschaft, das Kind ist geistig und körperlich nicht altersgerecht entwickelt. Wenig später wenden sie sich dem Sohn von Berrin T. zu. Für den Jungen beginnt ein zwei Jahre dauerndes Martyrium.

Christian L. war erst Anfang 2014 aus dem Gefängnis entlassen worden. Vier Jahre hatte er eingesessen, weil er Jugendliche in 23 Fällen sexuell missbraucht hatte. Nebenklägerin schon damals: Katja Ravat. Die Opferanwältin aus Freiburg vertritt auch in den aktuellen Prozessen die Interessen des Kindes.

Der Junge möchte nicht über das Erlebte sprechen

Etwa alle acht Wochen sieht sie den Jungen, nennen wir ihn Marc. Sie erzählt ihm - davon, dass einige Täter schon verurteilt wurden, andere noch vor Gericht kommen. Und auch davon, dass seiner Mutter eine längere Haftstrafe droht, ihrem Lebensgefährten auch die anschließende Sicherungsverwahrung.

Eigentlich ist Marc ein ganz normaler Junge. Er lebt jetzt bei einer Pflegefamilie und geht in die vierte Klasse. Er sitzt gerne am Computer und liest. Nur wenn das Gespräch auf den Prozess kommt, dann kapselt er sich ab. Über das, was ihm angetan wurde, so berichtet Katja Ravat, möchte er nicht sprechen. Für Professor Michael Günter, Kinder- und Jugendpsychiater am Klinikum Stuttgart, ist das eine völlig verständliche Reaktion: "Es ist sehr üblich, dass Kinder zunächst einmal alles wegschieben und nichts damit zu tun haben möchten. Was aber nicht heißt, dass sie innerlich nicht sehr, sehr damit beschäftigt sind. Aber sie wollen nicht darüber reden, sie wollen auch nicht daran denken".

Chance auf ein intaktes Leben?

Für Anwältin Ravat ist das "problematisch", aber sie sagt auch: "Dem Jungen muss auch die Chance auf ein unbelastetes Leben gegeben werden." Doch wie soll das möglich sein? Regelmäßig sitzen die Anwältin, die Pflegefamilie, Psychologen und der Vormund (diese Rolle hat das Jugendamt abgegeben) zusammen und tauschen sich über die Entwicklung von Marc aus.

Wenn unbeteiligte Dritte dann sagen, dem Neunjährigen könne ein "normales Leben" nicht mehr möglich sein, ärgert das Ravat. "Natürlich wissen wir nicht, ob er mal kriminell wird, Drogen nimmt oder anders auffällig wird. Aber wenn ihm von vorneherein abgesprochen wird, sich angesichts seines erlittenen Leides normal zu entwickeln, hat er auch nicht die Möglichkeit dazu."

Nebenklage wird kein Strafmaß für Mutter beantragen

Weil sie die Interessen des Jungen vertritt, will Ravat als Nebenklägerin kein Strafmaß für die Mutter beantragen. Auch wenn Marc sagt, er vermisse nichts und niemanden - aus seinen Reaktionen meint sie zu spüren, dass Marc (Name geändert) trotz allem Mitleid mit Berrin T. habe.

Der Neunjährige, so sagt Kinderpsychiater Günter, sei hin- und hergerissen zwischen zwei Gefühlswelten: "In gewisser Weise muss man ja sagen, ist sein Erleben auch so, dass sich die Mutter wahrscheinlich einerseits um ihn sorgte, ihn behütete - und anderseits ihn den grausamsten Dingen auslieferte. Und beides ist nebeneinander in seiner Psyche vorhanden und ist im Grunde fast nicht auszuhalten, das nebeneinander zu erleben."

Auch deshalb will die Anwältin des Jungen das Strafmaß für die Mutter in das Ermessen des Gerichts legen.

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