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Freihandelszone geplant - Bald freie Fahrt für Afrikas Wirtschaft?

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Afrika hofft auf fallende Zölle. Beinahe über den ganzen Kontinent soll sich künftig eine Freihandelszone erstrecken - und damit nicht nur den internen Handel fördern.

Archiv: Mitarbeiter arbeiten im BMW-Werk Rosslyn in Pretoria (Südafrika), aufgenommen am 15.06.2010
Archiv: VW-Produktion in Südafrika
Quelle: dpa

Da sitzen sie wieder und warten: Den Gasbrenner auf der Mittelkonsole und Reis auf dem Teller müssen Gerald Charles und sein Trucker-Kollege noch einige Zeit totschlagen, bis ihre Ladung für die Grenzüberfahrt freigegeben ist. Erst dann kann es weitergehen, von Kenia über den Grenzposten Namanga nach Tansania - hunderte Kilometer durch Schlaglöcher und brüchige Straßen.

Tagelanges Ausharren an der Grenze

Es sind schon wieder einige Tage, die sie hier ausharren müssen, an einer Grenze ohne Toiletten und Wasser, wie Gerald erklärt. Zumindest einen Schlafplatz hat er in seiner Fahrerkabine und seinen Gasbrenner für die täglichen Mahlzeiten. Früher hätten die Trucker noch mit Holzkohle unter den Wagen gekocht, erzählt er.

Während die Fernfahrer also warten müssen, kümmert sich Daniel Wainaina um den Papierkram. Der Mittelsmann kommuniziert zwischen Truckern und Ämtern, leitet Informationen zum Ursprung der Waren weiter und verteilt die Transitdokumente an verschiedenste Behörden. Eigentlich sollten die vor einiger Zeit neu eingeführte One-Stop-Border-Posts den Grenzübertritt beschleunigen. Statt wie zuvor auf beiden Seiten, müssen die Laster jetzt nur noch einmal an der Grenze halten. Doch wie Wainaina erläutert, wurde das System nicht digitalisiert. "Sie haben keinen Weg gefunden, auf dem die eine Behörde die gleichen Dokumente verwendet wie andere. Jetzt müssen wir sie für jede Behörde einzeln beifügen." Die Ämter wiederum bräuchten auch ihre Zeit um Rückmeldung zu geben, und so dauere es eben mindestens drei Tage, bis die Lastwagen passieren könnten, sagt Wainaina.

Freihandelszone AfCFTA soll Barrieren lösen

Hoffnungen, solche Blockaden zu lösen, gibt dieser Tage vor allem ein Projekt: die afrikanische Freihandelszone AfCFTA. Auf dem Rücken bereits bestehender Verbände wie ECOWAS im Westen Afrikas und SADC im Süden, beginnen heute die Verhandlungen über einen nahezu kontinentalen Freihandel. Wenn das umgesetzt wird, werden sie freie Fahrt haben, die Trucker und ihre dicken Brummer. Ohne Schranken können sie dann rollen, von Kairo bis nach Johannesburg, von Nairobi bis nach Dakar.

Nachdem beinahe alle Mitglieder der Afrikanischen Union das Übereinkommen über die gemeinsame Freihandelszone unterschrieben haben, kann es nun in die sogenannte operationelle Phase gehen. Zur Diskussion stehen dabei die Aufhebung von Zolltarifen und anderen Einfuhrbeschränkungen, Kooperationen über Produktstandards, sowie eben auch zwischen den einzelnen Zollbehörden.

Kleine und wirtschaftsschwache Länder könnten profitieren

Und trotz all dem sieht Albert Muchanga, Kommissar für Handel und Industrie der Afrikanischen Union, die größte Herausforderung in der kulturellen Vermittlung des Projektes. "Es gibt einige Leute, die noch immer glauben, dass dieses Projekt zu groß, zu ambitioniert sei, es könne nicht realisiert werden. Aber das Problem ist, dass es notwendig ist. Afrika hat keine andere Wahl", erklärt Muchanga. "Wenn man den globalen Handel betrachtet, dann ist die Nachfrage nach Rohstoffen nicht mehr gesichert."

Deshalb müsse nach internen Möglichkeiten gesucht werden, um die Entwicklung des Kontinents voranzutreiben. Afrika trete auf dem Weltmarkt vor allem als Rohstofflieferant auf, während mehr als 40 Prozent des Inner-Afrikanischen Handels bereits auf Produktionsgütern basiere, die Freihandelszone träfe also auf ein großes Potential. Um dieses auch auszuschöpfen, setzt Muchanga zum Beispiel auf regionale Wertschöpfungsketten. Darunter könne man sich zum Beispiel den Aufbau einer Auto-Produktion in Afrika vorstellen, bei der die in verschiedenen afrikanischen Ländern produzierten Einzelteile in einem anderen afrikanischen Land zusammengesetzt würden. Durch die Lieferung solcher Bausteine sollen auch die kleineren und wirtschaftlich schwächeren Länder ihren Profit aus der Handelszone ziehen können.  

Nigeria als letztes Puzzleteil?

Auch Unternehmen sehen viele Chancen in dem Megaprojekt. So hofft der Online-Versandhandel Jumia auf die Erweiterung des Marktes, wie Geschäftsführer Sacha Poignonnec erläutert: "Das, was alle [unsere] Verkäufer wollen, ist, die Konsumenten in mehreren Ländern zu erreichen. Wir sind heute in Kenia und warum sollten kenianische Verkäufer ihre Produkte nicht auch in Uganda, Ruanda, Tansania oder sogar Nigeria verkaufen können?"

Doch bis dahin gibt es noch viel zu tun. Nach langer Zurückhaltung wird sich heute mit Nigeria voraussichtlich auch das letzte wirtschaftliche Schwergewicht dem Abkommen anschließen. Aus Sicht der Befürworter bleibt also zu hoffen, dass die Verhandlungen zu dem Erfolg führen, den sich Albert Muchanga ausmalt: die Beseitigung von 90 bis 97 Prozent aller Zolltarife, den Investmentinteressen des Privatsektors und der "Überwindung von infrastrukturellen Einschränkungen". Die Arbeit von Gerald Charles und seinen Trucker Kollegen würde das sicherlich erleichtern. Doch wie viele Zugeständnisse sich die Vertragspartner wirklich abringen können, wird sich erst noch zeigen.

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