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Freihandelsabkommen in Nordamerika - NAFTA unter Beschuss - zu Unrecht?

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Das Freihandelsabkommen zwischen Kanada, Mexiko und den USA hat viele reicher und nur wenige ärmer gemacht - auch wenn der US-Präsident es als "unfair" deklariert hat. Nun wird neu verhandelt. Die von Trump beklagten Entwicklungen in den USA haben aber mit NAFTA oft nichts zu tun.

Das Freihandelsabkommen NAFTA hat Mexikos Wirtschaft einen Schub gegeben. Doch während eine wettbewerbsfähige Industrie entsteht, werden Teile der Landwirtschaft von US-Agrarmultis plattgemacht.

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Falsche Ursachenanalyse kann eigentlich nur zu ebenso falschen Schlussfolgerungen führen. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass nach der Neuverhandlung des NAFTA-Abkommens vieles schlechter, kaum etwas aber besser werden wird - falls US-Präsident Donald Trump sich durchsetzt. NAFTA (North American Free Trade Agreement) galt bisher als Vorbild für viele Freihandelsabkommen weltweit, in Asien ebenso wie in Europa: Allein die Europäische Union hat 130 solcher Abkommen geschlossen, und NAFTA stand oftmals Pate.

Reinhard Schlieker
Reinhard Schlieker, ZDF-Wirtschaftsredakteur Quelle: ZDF

Das erklärte Ziel war 1994, möglichst alle Zölle, Handelshemmnisse und Diskriminierungen zwischen den Teilnehmerstaaten abzubauen und einen riesigen nordamerikanischen Wirtschaftsraum zu schaffen. Immerhin leben in seinem Einzugsbereich rund 480 Millionen Menschen, und die drei Volkswirtschaften ergänzen sich auf vielerlei Weise. Die amerikanische Kritik entzündete sich nun daran, dass Mexiko im Handel mit den USA inzwischen einen Überschuss von rund 65 Milliarden Dollar aufweist - darin sieht Präsident Trump die Ursache für Jobabbau von San Diego bis Detroit.

Der Freihandel kurbelt die Wirtschaft an

Der Denkfehler dürfte grundsätzlich schon darin liegen, dass man auf US-amerikanischer Seite Handel für ein Nullsummenspiel hält - was einer gewinnt, müsse der andere wohl verlieren. Ökonomisch aber ist das Unsinn. Wenn Mexiko heute siebenmal so viel in die USA liefert als noch 1994, dann hat es auch damit zu tun, dass beim nördlichen Nachbarn neue Industrien entstanden sind, die technologisch hoch entwickelt sind: Im Silicon Valley hat niemand den Ehrgeiz, günstiger Avocados anzubauen als in Mexiko.

Gleichzeitig haben sich in Mexiko zahlreiche Firmen angesiedelt, die vom Auto bis zum Kühlschrank preiswert produzieren. Damit sanken die Preise für US-amerikanische Konsumenten. Wollte man dieses Jobs "zurückholen" (viele davon waren niemals da in den USA), würden zahlreiche Verbrauchsgüter für die Amerikaner teurer und für die wirtschaftlich schwächeren Bürger dort unbezahlbar. Die Jobs in der Autoindustrie ließen sich nur durch völlige Abschottung halten - das würde jedoch das Ende des Wettbewerbs bedeuten, mit allen bekannten Folgen von Kartellen. Hingegen bedeutet die Exportstärke Mexikos einen Schub für die dortige Wirtschaft, was unter anderem dazu führt, dass Mexikaner genügend Geld verdienen, um auch amerikanische Produkte zu kaufen. Schließlich werden zur Produktion der Güter in Mexiko Zulieferteile aus aller Welt verwendet - auch aus den USA natürlich.

Trumps "faires" Abkommen würde Amerikaner ärmer machen

Vermutlich versteht Trump unter einem "fairen" Abkommen in Wirklichkeit eine Abriegelung des amerikanischen Sektors traditioneller Industrien. Gelänge dies, würden alle ärmer und die Innovationskraft dürfte leiden. Ein todsicherer Weg, amerikanische Produkte im Rest der Welt unbeliebter zu machen - die asiatischen Schwellenländer sollte es freuen. Bislang haben aber nur die Farmer erkannt, dass das ein Schaden für sie wäre: Sie haben nämlich von ihren Exporten nach Süden stark profitiert, dank technologischer Überlegenheit ihrer Landwirtschaft.

Umgekehrt hat der Handel Mexiko in die Lage versetzt, seine Wirtschaft zu modernisieren. Elf Handelsabkommen haben die Mexikaner mit Ländern in aller Welt (auch mit der EU) inzwischen abgeschlossen. Bei Autos beispielsweise produziert man derzeit 1,2 Millionen Exemplare pro Jahr, wovon eine Million exportiert werden - und das keineswegs nur in die USA. Analog hat sich die Zahl der Armen in Mexiko in den letzten zwei Jahrzehnten halbiert.

Millionen amerikanische Jobs hängen von Mexiko ab

Direkt oder indirekt hängen Millionen amerikanische Jobs am Handel mit Mexiko - Zulieferteile aus dem Süden, so ein Washingtoner Think Tank, machen viele Exporte aus den USA in den Rest der Welt erst erschwinglich. Die Beratungsfirma Boston Consulting warnt für den Fall einer Aufkündigung von NAFTA vor dem Verlust von 50.000 US-Jobs allein in der Autoindustrie und einer Verteuerung amerikanischer Autos um bis zu 1.100 Dollar. Schließlich ist der Hauptwettbewerber der USA in Asien zu suchen und nicht in der unmittelbaren Nachbarschaft: China vor allem. Auch der Freihandel mit Kanada, schon lange vor NAFTA bilateral vereinbart, zeigt ein Handelsdefizit der USA - allerdings erheblich geringer als mit Mexiko. Hier gibt es vor allem Streit um die Stahlindustrie, aber auch die Land- und Forstwirtschaft - und dies wird ebenfalls Verhandlungsthema sein.

In Sachen Umwelt- und Arbeitsschutz gäbe es sicher einiges zu modernisieren. Bezeichnenderweise aber schickt Donald Trump einen erklärten Globalisierungsgegner als Unterhändler in die Gespräche. Kein gutes Omen. Negativ, aus Sicht der US-Bürger, gibt es bereits ein Beispiel, wohin Abriegelung führt: Nach dem Ausstieg aus den Verhandlungen zum transpazifischen Abkommen TPP drängen nun andere, die Stelle der USA einzunehmen - vor allem die südamerikanischen Staaten. Amerika ist im Pazifikraum am Ende womöglich isoliert.

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