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Freizeit-Monitor 2018 - Die Deutschen, gepflegte Couch-Potatoes

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Fernsehschauen, Radio hören, Telefonieren oder im Internet daddeln: Die Deutschen lassen sich in ihrer Freizeit am liebsten medial berieseln. Das hat aber auch seine Tücken.

ILLUSTRATION - Ein junger Mann schaut am 15.12.2011 in einer Wohnung in Berlin Fernsehen und isst dabei Popcorn.
Mann schaut Fernsehen
Quelle: picture alliance / dpa Themendienst

Nach der Arbeit auf die Couch fallen lassen, Glotze an und entspannen: So in der Art sieht es in fast jedem deutschen Haushalt regelmäßig aus. Das ist das Ergebnis des "Freizeit-Monitors 2018" der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen - einer Initiative des Tabakkonzerns British American Tobacco.

Demnach schauen aktuell 95 Prozent aller Deutschen regelmäßig fern. Die "Glotze" ist damit seit 1986 unangefochten der liebste Freizeitspaß der Deutschen. Doch die TV-Dominanz fängt an zu bröckeln.

Das Fernsehen ist tot - es lebe das Fernsehen

Seit Jahren wird dem klassischen Fernsehen ein jähes Ende prognostiziert, weil sich nicht nur junge Menschen ihr Programm gern zunehmend selbst zusammenstellen, nach Lust und Laune, "on demand". Trotzdem zeigt es sich aktuell noch quicklebendig und erreicht die Deutschen mit seinen Inhalten. Laut "Freizeit-Monitor 2018" schauen zwei von drei Deutschen täglich fern und 95 Prozent der Menschen in Deutschland tun dies zumindest einmal pro Woche.

Und wer erstmal vor der Glotze sitzt, kommt so schnell nicht mehr davon los: Aktuellen Zahlen der Medienforschung zufolge schauen die Deutschen nämlich im Durchschnitt mehr als 3,5 Stunden. Pro Tag! Und selbst die 14- bis 29-Jährigen schauen immerhin noch zwei Stunden täglich das klassische, lineare TV. Die Deutschen - also ein Volk von Couch-Potatoes? "Das sind wir eigentlich seit Beginn des Siegeszugs der Medien", sagt der Wissenschaftliche Leiter der Stiftung für Zukunftsfragen, Professor Ulrich Reinhardt, im Gespräch mit heute.de.

Er sieht im hohen Fernsehkonsum auch ein Vehikel für viele Menschen, Stress abzubauen und zu entspannen. "Viele genießen gerade am Abend die Berieselung zu Hause auf dem Sofa als einen Kontrast zur Hektik des Alltags", so Reinhardt.

Junge Erwachsene surfen am liebsten

Auch wenn es in Deutschland allgemein einen sehr hohen Fernsehkonsum gibt, so ist TV nicht in jeder Lebensphase die häufigste Freizeitaktivität. Es sind vor allem ältere Menschen, die regelmäßig sehr viel Fernsehen schauen. Dagegen hören Familien mit Kindern in ihrer Freizeit am liebsten Radio. Insgesamt geben 90 Prozent der Deutschen an, in ihrer Freizeit regelmäßig Radio zu hören.

Paare ohne Kinder verbringen die gemeinsame Freizeit am liebsten mit dem Partner, ohne TV. Und bei jungen Erwachsenen und Singles kommt das Fernsehen sogar nur auf Platz fünf der Freizeitaktivitäten, weit hinter ihrem liebsten Hobby, dem Internetsurfen. Insgesamt geben 78 Prozent der Deutschen an, sich in ihrer Freizeit regelmäßig mit Internetinhalten zu beschäftigen. Das wird nur getoppt durch "zu Hause telefonieren" (84 Prozent), "Musik hören" (85 Prozent) und die Spitzenreiter TV und Radio.

Die Medien beherrschen unsere Freizeit

Insgesamt betrachtet dominieren moderne Medien die Deutschen in ihrer Freizeit. Laut Freizeit-Monitor sind bei Familien und Jungsenioren bereits sieben der zehn häufigsten Freizeitaktivitäten medial geprägt. Bei Jugendlichen und kinderlosen Paaren sind es acht und bei jungen Erwachsenen sogar neun von zehn. Die Kommunikation mit Freunden via Instagram, Snapchat, Facebook oder Twitter ersetzt zunehmend das persönliche Treffen.

Ulrich Reinhardt sieht darin auch einige Tücken für das gesellschaftliche Zusammenleben: "Die Gefahr ist groß, dass durch die neuen Medien das Soziale mehr und mehr auf der Strecke bleibt." Eine Form des Miteinanders gebe es immer häufiger nur noch im virtuellen Raum. "Die Leute sprechen über Skype oder WhatsApp darüber, dass man sich mal wieder auf einen Kaffee treffen müsste, aber dabei bleibt es dann oft", sagt Reinhardt und meint: "Wir müssen aufpassen, dass die Geselligkeit nicht unter die Räder kommt."

Freizeit wird mehr und mehr zu Pflichtzeit

Zwar ist ihre Freizeit den meisten Menschen in Deutschland noch immer heilig, aber laut Freizeit-Monitor stellen sich viele im Jahr 2018 bang die Frage, ob ihre Freizeit wirklich noch freie Zeit ist. Eine Zeit ohne größere Pflichten, in der sich der Mensch von den Mühen der alltäglichen Arbeit erholen darf.

Die aktuellen Studienergebnisse verweisen vielmehr auf eine "große Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit in der Freizeitgestaltung". Während an Frauen noch immer mehr Hausarbeit und das Erledigen der Einkäufe hängen bleibt als an ihren männlichen Partnern, telefonieren die Herren der Schöpfung häufiger mit ihrer Firma und arbeiten auch in der Freizeit für den Job. "Dahinter steckt auch die Angst, etwas zu verpassen, eine Nachricht vom Chef oder sonst etwas am Arbeitsplatz", sagt Ulrich Reinhardt.

Nicht mehr bei einer Sache sein

Die Zeiten des ausgiebigen, gedankenversunkenen Spielens mit der Modelleisenbahn im Keller oder des konzentrierten und ausgelassenen Kaffeeplauschs sind für viele Deutsche längst passé. Vielmehr beobachten die Forscher der Stiftung für Zukunftsfragen eine "Verdichtung von Aktivitäten in der Freizeit" und eine "zunehmende Parallelausübung".

Statt wie früher "eine Sache zu einer Zeit" heißt es heute "mehr tun in gleicher Zeit". Während beispielsweise ein Film geschaut wird, wird auch telefoniert, im Internet gesurft, gegessen oder gebügelt.

Zudem verkürzt sich der Studie zufolge die Dauer, die für eine Aktivität aufgewendet wird. "Viele Bürger neigen dazu, von einer Aktivität in die nächste zu springen", sagt Ulrich Reinhardt. Sie wollten schließlich viel erleben, überall dabei sein. Kritisch sieht der Wissenschaftler in diesem Zusammenhang die zunehmende Angst vor Langeweile in der Bevölkerung: "Vor lauter Sorge sich zu langweilen, wird versucht, jede freie Minute mit irgendetwas zu füllen. Lieber lassen sich die Menschen ablenken oder berieseln, statt einen Moment freie Zeit zu haben, ohne eine Beschäftigung. Dabei könnte diese Mußezeit die Grundlage für Erholung, Kreativität und neue Ideen sein."

"Sich in Ruhe pflegen"

In der Freizeit mehr intensive Zweisamkeit mit dem Partner oder auch spontan Zeit mit Freunden verbringen, das wünschen sich die Deutschen. "Je komplexer, verplanter und transparenter das eigene Leben wird, desto mehr steigt das Bedürfnis nach den einfachen Dingen", sagt Reinhardt. "So wie in der Kindheit möchte man die Freiheit haben, der eigenen Intuition folgen zu können - ganz gleich ob dies nun die Lust auf ein Treffen, eine Unternehmung oder einfach chillen ist."

Denn auch nach echtem Entspannen und Erholen sehnen sich die Deutschen. Die einen denken da an Massagen, die anderen an einen Sauna-Besuch. Für viele ist es aber auch schon getan mit einem genüsslichen Bad in der heimischen Badewanne mit anschließender Maniküre, Pediküre. Immerhin geben in der Studie fast zwei Drittel der befragten mehr als 2.000 Menschen ab 14 Jahren an, dass "sich in Ruhe pflegen" eine ihrer liebsten Freizeitaktivitäten ist. Sport dagegen rangiert bei vielen Deutschen zwar nicht unter ferner liefen, aber diese Freizeitaktivität liegt doch weit hinter anderen wie etwa "Zeit mit dem Partner verbringen", "über wichtige Dinge sprechen" oder "Kaffeetrinken/Kuchen essen" und "Faulenzen, Nichtstun".   

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