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Vor 25 Jahren - Krawalle in Lichtenhagen: Geteilte Verantwortung

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1992 griffen Rechte, Jugendliche und Anwohner in Rostock-Lichtenhagen das Sonnenblumenhaus an. Rund 150 Menschen, vor allem Vietnamesen, mussten um ihr Leben fürchten. Politik, Polizei und Zivilgesellschaft versagten. Wie geht die Stadt mit der "Schande von Rostock" heute um?

Vor 25 Jahren beteiligten sich hunderte Randalierer und tausende Schaulustige an tagelangen Ausschreitungen gegen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber und das sogenannte Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen.

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Fünf Stelen werden in dieser Woche in Rostock enthüllt: Mannshohe Blöcke aus blendend-weißem Marmor, einige schräg im Boden verankert, andere aufrecht stehend. Jede Stele trägt eine Botschaft und jeder Aufstellungsort ist von Symbolkraft. Nahe der Polizeistation erinnert die Stele "Staatsgewalt" mit Zitaten der Polizeiverordnung an die Aufgaben der Polizei. Die Stele "Medien" vor dem Hauptgebäude der Ostseezeitung weist auf die journalistische Verantwortung hin. Es gibt das Denkmal "Courage" im Rostocker Rosengarten und das Werk "Politik" direkt vor dem Rathaus. Das Rostocker Künstlerkollektiv "Schaum" hatte den städtischen Wettbewerb gewonnen und das Projekt umgesetzt.

Denkmal vor dem Sonnenblumenhaus - muss das sein?

Bernd Mosebach
Bernd Mosebach, Leiter ZDF-Studio Schwerin

In Lichtenhagen, direkt vor dem Sonnenblumenhaus, das im Sommer 1992 tagelang von einem aufgebrachten Mob belagert und schließlich angezündet wurde, wird 25 Jahre später die Stele "Selbstjustiz" eingeweiht. Muss das sein? - das fragt Ralf Mucha, der nicht nur Abgeordneter der SPD im Schweriner Landtag ist, sondern auch Ortsbeiratsvorsitzender im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen. Mucha war intensiv an den Vorbereitungen zum 25. Jahrestag der Ereignisse in seinem Wohnviertel beteiligt. Doch mit der Befürchtung vieler Lichtenhäger, dass ein Denkmal für neue Negativschlagzeilen sorgen könnte, konnte er sich nicht durchsetzen. Mahnen und erinnern? "Ja", sagt Mucha, "auf jeden Fall! Aber nicht so."

Die Sorge ist nicht ganz unberechtigt: Die Stele vor dem Sonnenblumenhaus, ebenfalls in weißem Marmor, wird wohl nicht allzu lange weiß bleiben. Teil des Denkmals ist eine zertrümmerte und wieder zusammengesetzte Gehwegplatte, obenauf liegt lose ein Stein. Auch der dürfte da auch nicht ewig liegen bleiben. Ärger scheint vorprogrammiert.

Die Stadt hat sich verändert

Lichtenhagen hat sich verändert: 14.000 Menschen wohnen hier heute, 1992 waren es noch 18.000. Der Ausländeranteil beträgt 5,7 Prozent, die Arbeitslosenquote liegt knapp unter der der gesamten Stadt. Mit der Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge gebe es keine Probleme, sagt Ortsbeiratsvorsitzender Mucha, der selbst in einer einstigen "Platte" wohnt. Vor dem Sonnenblumenhaus wurde ein Dienstleistungszentrum gebaut mit Einkaufsmöglichkeiten, Imbissen und Arztpraxen. Lichtenhagen heute - ein bunt gemischter Stadtteil, auf halber Strecke zwischen Altstadt und Ostsee, mit Wohnqualität und Problemen wie andernorts auch.

Und auch Rostock hat sich verändert: Es gibt heute zahlreiche Initiativen in der Stadt, die sich für Flüchtlingshilfe oder die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund einsetzen. Etwa der Verein Dien Hong, der sich unmittelbar nach den Ausschreitungen 1992 gegründet hatte und in diesem Jahr ebenfalls 25. Jubiläum feiert. Dien Hong hat zum Beispiel ein landesweites Netz von Sprachmittlern aufgebaut, das als vorbildlich gilt. Das eklatante Versagen von Politik, Polizei und Zivilgesellschaft wäre heute in Rostock nicht mehr möglich, sagt der ehemalige Ausländerbeauftragte der Stadt, Wolfgang Richter, der selbst 1992 im Sonnenblumenhaus um sein Leben fürchten musste.

Zahlreiche Veranstaltungen gegen das Vergessen

Das "Pogrom von Lichtenhagen" ist zum "Pogrom von Rostock" geworden. Die Verantwortlichen der Stadt haben sich mit dem Jubiläum viel Mühe gemacht. Zahlreiche Veranstaltungen erinnern eine Woche lang an die Ereignisse, thematisieren das Leid der Opfer, die Schuld der Täter, die Verantwortung der Behörden. So werden Polizeischüler mit Asylbewerbern ins Gespräch kommen, Jugendliche mit Zeitzeugen, Politiker mit Bürgern. An der Auftaktveranstaltung nahm auch die Ministerpräsidentin teil. Dass der Oberbürgermeister seinen Urlaub nicht verlegt hat und dafür nicht nur von Mucha und Richter deutlich kritisiert wird, ist allerdings bemerkenswert.

Rostock hat eine Gedenkkultur entwickelt, die sich sehen lassen kann. Ob die fünf Denkmäler eine gute Idee sind, wird sich zeigen. Im besten Fall sind sie Stein des Anstoßes, sich zu erinnern, Lehren aus dem Geschehenen zu ziehen, als Teil einer gewachsenen, lebendigen Kultur des offenen Umgangs mit den Ereignissen des Sommers vor 25 Jahren. Sie stehen an den richtigen Orten, dort, wo Schuld zu verorten ist. Damit wird die Verantwortung geteilt und nicht Lichtenhagen alleine überlassen. Die Lichtenhäger und besonders die heutigen Bewohner des Sonnenblumenhauses werden mit der Erinnerung leben müssen. Ebenso wie die gesamte Stadt. Die Krawalle von 1992 sind Teil der Geschichte von Rostock geworden.

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