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25 Jahre Krawalle von Lichtenhagen - Mit Kunst gegen das Vergessen

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Das "Sonnenblumenhaus" in Rostock-Lichtenhagen wurde 1992 weltweit zum Symbol für Rassismus und Fremdenhass. 25 Jahre später soll mit einer Gedenkwoche und Kunstobjekten an die schwersten ausländerfeindlichen Ausschreitungen nach der Wende erinnert werden.

Vor 25 Jahren beteiligten sich hunderte Randalierer und tausende Schaulustige an tagelangen Ausschreitungen gegen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber und das sogenannte Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen.

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Viele haben die Bilder noch vor Augen: An einem Samstagabend vor 25 Jahren versammeln sich rund 2.000 Menschen vor dem "Sonnenblumenhaus" im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen. Molotow-Cocktails fliegen auf den Plattenbau mit dem markanten Sonnenblumen-Mosaik auf der Fassade, in dem die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber untergebracht ist. "Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!" skandieren die Täter. Viele sehen tatenlos zu, andere applaudieren sogar.

Polizei und Behörden verlieren die Kontrolle

Im Laufe des Wochenendes wächst die Menge immer weiter an. Rechtsextreme aus ganz Deutschland kommen hinzu. Die Polizei vor Ort ist machtlos, Beamte werden aus Hilflosigkeit für einige Stunden abgezogen. Der Teil des "Sonnenblumenhauses", in dem vietnamesische Arbeiter untergebracht sind, wird von den Tätern in Brand gesteckt. Während sich die knapp 150 eingeschlossenen Bewohner in Todesangst auf das Dach des Hauses retten, behindern viele Schaulustige die Einsatzkräfte. Es ist der traurige Höhepunkt der ausländerfeindlichen und rassistischen Krawalle, die erst am 26. August endet. Die Bilanz: Etwa 200 Polizisten sind nach den Tagen der unkontrollierten Gewalt verletzt. Getötet wurde niemand, zum Erstaunen vieler. Die Fernsehbilder erschüttern schon damals die Republik, Lichtenhagen wird zum Symbol für Fremdenhass in Ostdeutschland.

Ausländerbeauftragter warnt vor Toten

Die Ausschreitungen im August 1992 hatten eine längere Vorgeschichte. Über Monate hatten sich die Spannungen vor Ort verschärft. In Lichtenhagen war damals ein großer Teil der Bewohner arbeitslos und durch die sozialen Folgen der deutschen Vereinigung verunsichert. Seit Monaten campierten Flüchtlinge auf den Freiflächen zwischen den Hochhäusern. Wegen der Überlastung der Erstaufnahmestelle waren sie offiziell noch nicht aufgenommen worden.

Der damalige Rostocker Ausländerbeauftragte Wolfgang Richter hatte bereits im Sommer 1991 ein Schreiben an den Schweriner Innenminister Lothar Kupfer (CDU) verfasst. Darin stand unter anderem, dass er in diesem Stadtteil für nichts garantieren könne und auch Tötungsdelikte nicht auszuschließen seien, sollte sich an der Situation vor Ort nicht kurzfristig etwas ändern. Dennoch kam es zur Eskalation.

Gewalt gegen Asylbewerber immer noch aktuell

Auch 25 Jahre nach den Anschlägen gehören Hetze gegen Ausländer und brennende Flüchtlingsheime in Deutschland nicht der Vergangenheit an: Als 2015 so viele Asylbewerber wie lange nicht mehr in die Republik strömten, kam es zu zahlreichen Ausschreitungen, etwa in den ostdeutschen Städten Heidenau oder Freital. Der jüngste Bericht des Verfassungsschutzes registrierte eine steigende Zahl rechtsextremer Gewalt.

Unter den 200.000 Einwohnern Rostocks leben heute knapp 3.000 Flüchtlinge. Das entspricht einem Anteil von 1,5 Prozent. Einige wohnen in unmittelbarer Nähe des "Sonnenblumenhauses". Anders als vor 25 Jahren findet man dort heute Offenheit statt Hass. Es gibt viele Hilfsprojekte für Flüchtlinge. Kirchenvertreter und Schüler präparieren zum Beispiel alte Fahrräder und geben sie an die Migranten weiter. Vielen von ihnen wurden auch Ausbildungsplätze mit Hilfe der Anwohner vermittelt.

Rostocker entschuldigen sich

Ein erstes Zeichen der Versöhnung setzten die Rostocker vor fünf Jahren. Zum 20. Jahrestag der Ausschreitungen entschuldigte sich die Bürgerschaft der Stadt in einer Erklärung bei den Opfern. 150 Menschen hätten damals um ihr Leben fürchten müssen, während Rechtsextremisten aus ganz Deutschland, aber auch Tausende Rostocker Beifall klatschten, hieß es darin.

Die in der Verantwortung stehenden Behörden von Bund, Land und Kommune hätten versagt. Die Ereignisse dürften weder verdrängt, noch beschönigt oder vergessen werden. Die Aufarbeitung sei ein immerwährender Auftrag.

Gedenkwoche im Zeichen der Kunst

Einen weiteren Schritt des Gedenkens will Rostock nun vom 22. bis 26. August mit einer Gedenkwoche gehen. In diesen Tagen sollen fünf Stelen aus Marmor in verschiedenen Stadtteilen eingeweiht werden, die die Künstlergruppe "Schaum" zum Thema "Gestern Heute Morgen" gestaltet hat. Die fünf Kunstobjekte tragen die Titel "Politik", "Medien", "Gesellschaft", "Staatsgewalt" und "Selbstjustiz". Aufstellt werden sie vor dem Rathaus, dem Verlagsgebäude der "Ostsee-Zeitung", am ehemaligen Standort des "JugendAlternativZentrums", an der Polizeiinspektion und beim "Sonnenblumenhaus". Damit will die Stadt das Konzept des dezentralen Erinnerns und Mahnens "Lichtenhagen 1992" umsetzen.

Wissenschaftler hatten schon vor Jahren einen dauerhaften Ort des Erinnerns und Gedenkens an die Ereignisse von Lichtenhagen gefordert. Erste Schritte dazu waren im August 2012 unternommen worden. Doch die Friedenseiche, die als Erinnerungszeichen beim "Sonnenblumenhaus" gepflanzt worden war, war noch im selben Monat von unbekannten Tätern abgesägt worden. Auch die Gedenktafel am Rathaus wurde nur wenige Monate später, im Dezember 2012, von Unbekannten abgeschraubt. Die Tafel wurde ersetzt, der Baum jedoch nicht. Die Gefahr, dass er erneut abgesägt wird, erschien der Stadt zu groß.

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