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"Kinder-Revolte gegen etablierte Machthaber"

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"Fridays for Future"-Demos - "Kinder-Revolte gegen etablierte Machthaber"

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Es ist Freitag, wieder demonstrieren Schüler: Der Soziologe Jean Ziegler ist "begeistert von der Urkraft" der Demonstranten und ihrem Aufschrei gegen verfehlte Umweltpolitik.

"Fridays for Future"-Demonstration am 22.03.2019 in Berlin
"Fridays for Future"-Demonstration in Berlin
Quelle: dpa

heute.de: Soweit wir informiert sind, hat Sie bislang noch keines Ihrer Enkelkinder auf eine "Fridays for Future"-Demonstration mitgenommen, aber Sie zeigen sich sehr beeindruckt vom Engagement der Schüler rund um den Erdball. Warum?

Jean Ziegler: Ich bin total begeistert von der Spontanität und der Urkraft der jungen Menschen. Da gehen weltweit Millionen Mädchen und Jungen auf die Straße, um dafür zu kämpfen, dass unser Planet bewohnbar bleibt und nicht völlig zerstört wird. Sie sehen, dass die Regierungen viel zu wenig tun, um den Klimakollaps zu verhindern. Diese Demonstrationen sind eine Kinder-Revolte gegen die etablierten Machthaber, weil die Schüler erkennen, dass die Regierungen das Pariser Klimaabkommen nicht umsetzen. Im Gegenteil: Viele Staaten reduzieren den Ausstoß klimaschädlicher Gase nicht, sie produzieren immer mehr davon und das macht die Erde kaputt. Davon werden nicht nur die Ärmsten der Welt betroffen sein, sondern wir alle!

heute.de: Im Gegensatz zu Kritikern, die den Kindern und Jugendlichen vorwerfen, Schulschwänzer zu sein, sprechen sie von sehr ernsthaften, begründeten Motiven der jungen Demonstranten …

Diese jungen Menschen zeigen, dass sie das große Artensterben, das rücksichtslose Abholzen der Regenwälder oder das Ausbreiten der Wüsten nicht kalt lässt.
Jean Ziegler

Ziegler: … Ja natürlich! Die Schüler prangern fundamentale Missstände an. Viele Wissenschaftler unterstützen die Kinder ja inzwischen sogar öffentlich. Diese jungen Menschen zeigen, dass sie das große Artensterben, das rücksichtslose Abholzen der Regenwälder oder das Ausbreiten der Wüsten nicht kalt lässt. Sie sehen, welch schreckliche Folgen der Klimawandel für Millionen von Menschen hat und sie haben begriffen, dass entweder wir das System des Ressourcenraubs und der Profitmaximierung zerstören oder, dass es unsere Lebensgrundlagen zerstört. Sie rütteln die Politik auf, sich vom Diktat der Konzerne zu befreien.

heute.de: In Ihrem neuen Buch "Was ist so schlimm am Kapitalismus?" fordern Sie Ihre fünf Enkelkinder und deren Generation dazu auf, ein System radikal zu zerstören, das Böden, Flüsse und Meere vergiftet, das Klima beschädigt und die Natur bedroht. Worin sehen Sie denn echte Ansätze für ein menschenwürdigeres System?

Ziegler: Ich kann nur sagen, dass ein neues historisches Subjekt entstanden ist, die planetarische Zivilgesellschaft. Das sind die vielen kleinen und großen sozialen Bewegungen, die sich gegen Umweltzerstörung, Folter und Spekulation einsetzen und für die Rechte von Kleinbauern und die Gleichberechtigung von Frauen. Da kommen Menschen aus allen sozialen Klassen, Denkschulen und Altersgruppen zusammen, die der vielerorts herrschenden Unmenschlichkeit etwas entgegensetzen wollen.

heute.de: Auf der anderen Seite ist die Zahl der Konflikte auf der Welt auf einem Rekordniveau.

Es wächst auch das menschliche Bewusstsein für diese Missstände, verbunden mit der Forderung nach Gerechtigkeit
Jean Ziegler

Ziegler: Ja, fürchterliche Kriege verwüsten den Planeten. Die UNO ist gelähmt: Kein Blauhelm im Jemen, in Syrien und so weiter. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. Zwei Milliarden Menschen haben keinen regelmäßigen Zugang zu sauberem Trinkwasser und Millionen Menschen in der Dritten Welt sterben jährlich an Epidemien, für die es längst medizinische Gegenmittel gibt. Ich sehe das und prangere das aufs Schärfste an. Aber es wächst auch das menschliche Bewusstsein für diese Missstände, verbunden mit der Forderung nach Gerechtigkeit.

heute.de: Sie sehen einerseits die immense Not in der Welt. Andererseits das Bemühen vieler Menschen, etwas an den bestehenden Verhältnissen zu ändern. Was aber bricht sich da Bahn?

Ziegler: Welcher neue Gesellschaftsvertrag entsteht, welche neuen Institutionen, das weiß kein Mensch. Aber der erste große Schritt ist gemacht: Die Kinder, die am heutigen Freitag wohl wieder zu Millionen auf die Straße gehen, die spüren, dass dieser Planet vergiftet wird, und sie wissen, dass sie das Leben auf diesem Planeten erhalten wollen. Sie wissen, dass es nicht sein kann, alles zu opfern, weil Politiker sagen, wir müssten uns der kapitalistischen Profitmaximierung unterwerfen. Das Bewusstsein der Menschen schreitet voran. Der französische Schriftsteller George Bernanos schreibt: "Gott hat keine anderen Hände als die unseren." Entweder wir ändern diese Welt oder niemand tut es.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

Paul Ziemiak

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von Raphael Rauch
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