ZDFheute

"Politikerverdrossenheit bei vielen Jugendlichen"

Sie sind hier:

"Fridays for Future"-Demos - "Politikerverdrossenheit bei vielen Jugendlichen"

Datum:

"Die Politiker kümmern sich nicht um das, was ich denke" - im heute.de-Interview analysiert Politologin Simone Abendschön das Weltbild der "Fridays for Future"-Jugend.

Die kreativsten Plakate der Fridays for Future-Demonstrationen
Die "Fridays for Future"- Demonstrationen sollen Politiker aufrütteln, mehr für den Klimaschutz zu tun.
Quelle: reuters

heute.de: Kritiker sehen in Schülern, die sich an "Fridays for Future"-Demos beteiligen, in erster Linie "Schulschwänzer". Wie ist Ihr persönlicher Blick auf die jungen Demonstranten?

Simone Abendschön: Die Diskussion ums "Schuleschwänzen" muss man führen, das ganze Phänomen aber auf diesen Punkt zu reduzieren, geht komplett am Thema vorbei. Ich denke, dass die Kinder und Jugendlichen ihre politischen Interessen seit Monaten auf der Straße zum Ausdruck bringen. Sie machen auf den "Fridays for Future"-Kundgebungen auf existenzielle Probleme aufmerksam, für die sie Lösungen fordern.

heute.de: Es gab Politiker, die meinten, die Schüler sollten das Thema bitteschön Profis überlassen. Gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse, wie stark möglicherweise ein Misstrauen der Heranwachsenden gegenüber Politik und Wirtschaft den Protest antreibt?

Abendschön: In Bezug auf die "Fridays for Future"-Bewegung gibt es momentan noch keine belastbaren Studien, aber was uns Jugendstudien seit Jahren zeigen, ist eine Politiker- und Parteienverdrossenheit – was übrigens nicht zu verwechseln ist mit genereller Politik- oder gar Demokratieverdrossenheit. Es herrscht bei vielen Jugendlichen das Grundgefühl: Die Politiker kümmern sich nicht um das, was ich denke und setzen sich nicht genügend für unsere Interessen ein. Da ist also eine große Skepsis vorhanden, die sich jetzt öffentlich Bahn bricht.

heute.de: Nach dem Motto "Die Alten versagen – wir müssen es selbst richten"?

Abendschön: Es hat in den vergangenen Jahren eine Reihe von politischen Entwicklungen gegeben, die bei Jugendlichen das Gefühl verstärkt haben, dass sie ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen müssen, zum Beispiel den Brexit oder auch politische Entscheidungen Donald Trumps. Und insbesondere das Thema Klima- und Umweltschutz ist eines, das die nachfolgenden Generationen stark betrifft. Ob die Proteste auch ein Ausdruck eines Generationenkonflikts sind, lässt sich diskutieren. Tatsächlich stehen viele Eltern ja hinter den Aktionen ihrer Kinder. Andererseits kommt in den Protesten auch eine Enttäuschung über politische Verfehlungen der Elterngeneration zum Ausdruck.  

heute.de: Sie forschen unter anderem über das politische Wissen von Kindern. Wie stark ist dieses Wissen bei Themen wie dem Klimawandel bereits bei Grundschülern ausgeprägt?

Abendschön: Es gibt bereits im Grundschulalter ein politisches Interesse und politisches Wissen bei den meisten Kindern. Die Themen Umweltschutz und Klimawandel gehören dabei mit den Themen Krieg, Flucht und Armut zu den Top-Fünf-Themen.

heute.de: Lässt sich sagen, wo Kinder heutzutage am stärksten politisch geprägt werden – durch das Elternhaus, die Schule, Freunde, Medien oder Politiker?

Abendschön: Letztlich ist es ein Einflussmix und jeder Sozialisationskontext erfüllt unterschiedliche Aufgaben. Prägende Grundlagen werden sicherlich im Elternhaus gelegt; dort verbringen Kinder viel Zeit und machen basale soziale Erfahrungen. In Familien lernen schon Kinder, wie man Konflikte aushandelt und wie Entscheidungen getroffen werden: Geht es verständnisvoll, liebevoll, demokratisch zu oder herrscht eine autoritäre Erziehung? Andere Fragen, die hier wichtig sind: Wird in der Familie eine Zeitung gelesen und über Politik diskutiert? Ist meine Familie arm oder finanziell abgesichert?

heute.de: Welchen Einfluss hat die Schule?

Abendschön: Die Schule vermittelt und vertieft als Institution politisches Wissen. Zudem wirken sich Klassen- und Schulklima sowie Mitbestimmungsmöglichkeiten auf das Demokratieverständnis und Demokratiebewusstsein von Schülern aus. In den vergangenen Jahren haben wir außerdem gesehen, wie stark in den Medien diskutierte Themen auch in Kinder- und Klassenzimmer einziehen und Kinder sich auch für komplexe politische Sachverhalte interessieren, wenn diese kindgerecht aufbereitet sind.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.