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Frieden für Syrien - Geheimmission Versöhnung

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Seit Jahren riskieren syrische Stammesführer ihr Leben, um geheime Verhandlungen mit allen Bürgerkriegsparteien zu führen. ZDFheute war bei einem Treffen in Deutschland dabei.

Archiv: Stammesführer in Syrien am 02.03.2016
Stammesführer in Syrien (Archivbild)
Quelle: AP

Ein Anwesen irgendwo in Deutschland: Es ist ein ungewöhnlicher Ort für politische Verhandlungen. An den Wänden hängen Pop-Art und Bilder von Hollywood-Sternchen. Die rund 20 Teilnehmer sitzen in einem abgedunkelten Raum mit Ledersofas und rauchen. Einige der wichtigsten Vertreter der syrischen Zivilgesellschaft haben Platz genommen: frühere Parlamentsabgeordnete, ein ehemaliger syrischer Botschafter, die Scheichs diverser einflussreicher syrischer Stämme.

Seit 2013 treffen sich in dieser Runde wichtige Vertreter der verfeindeten syrischen Volksgruppen, um im Geheimen an einem Ausweg aus dem blutigen Bürgerkrieg zu arbeiten. Im November 2017 unterzeichneten die Mitglieder der Organisation, die sich selbst "Rat der syrischen Charta" nennt, ein Dokument, in dem sie stellvertretend für ihre Volksgruppen Schuld an den Gräueln des Bürgerkrieges auf sich nehmen: "Keine Seite ist unschuldig. Aus diesem Grund muss jede Seite ihre Vergehen gegen das syrische Volk eingestehen", heißt es in dem Papier.

Handys werden abgegeben - alle Gespräche sollen vertraulich bleiben

Ein Großteil der Anwesenden reiste kürzlich aus Syrien nach Deutschland, eine Hand voll lebt in Europa im Exil. Alle haben ihre Handys in einen Korb vor der Tür gelegt. Keinerlei Tonaufnahmen sollen nach draußen dringen - die könnte der syrische Geheimdienst nutzen, um Teilnehmer zu identifizieren. Das, was hier besprochen wird, könnte für die Anwesenden, besonders aber für deren Familien, Gefängnis oder Tod bedeuten. Und doch sind alle Teile der Gesellschaft vertreten: Sunniten, Alawiten, Christen, Kurden und Stammesverbände unterschiedlichster Religion.

Mitglieder des syrischen Charta-Rates bei einem Treffen in Frankfurt
Mitglieder des syrischen Charta-Rates bei einem Treffen in Deutschland. Nur eine Minderheit der Teilnehmer war bereit, sich fotografieren zu lassen.
Quelle: Nils Metzger

Und obgleich sich hier gesellschaftliche Eliten versammeln, acht Jahre Krieg sind an keinem spurlos vorbei gegangen: "Jeder hier hat das Gleiche erleiden müssen. 15 Mitglieder meiner Familie sind bei einem einzigen Autobombenanschlag gestorben", erzählt ein früherer Parlamentsabgeordneter aus der zentralsyrischen Stadt Homs. Auch die Regierung habe mehrere Verwandte von ihm ermordet, obwohl er aus der Minderheit der Alawiten stammt.

Die Familie des syrischen Diktators Baschar al-Assad sind ebenfalls Alawiten. Und nach Jahrzehnten der Assad-Diktatur sitzen viele Alawiten an den Schalthebeln der Macht in Politik und Militär. Oppositionelle Sunniten machen darum die Alawiten insgesamt für den Krieg verantwortlich, halten sie für Ungläubige. Genau diese Ansichten möchte der Rat überwinden.

Ihren Anfang nahm die Charta-Bewegung 2013 als die Freie Syrische Armee kurz davor war, in Damaskus einzufallen. Einige einflussreiche Alawiten fürchteten, den Sturz Baschar al-Assads nicht zu überleben - egal, ob sie seine Regierung unterstützten oder nicht. Also begannen sie sich über Frontlinien hinweg mit Vertretern anderer Volksgruppen zu vernetzen.

Öffentliches Bekenntnis zum Rat ist für viele Teilnehmer zu gefährlich

Auch wenn der Krieg in manchen Teilen des Landes vorerst vorbei ist, deutet die Zentralregierung in Damaskus jede Form zivilgesellschaftlicher Organisation schnell als Verrat. Einer der Anwesenden hatte eigentlich geplant, an diesem Tag zum ersten Mal öffentlich für das Projekt zu sprechen. Bis zur letzten Minute rang er mit Anwesenden und Familienmitgliedern daheim in Syrien. Er selbst hat einflussreiche Beschützer - seine Verwandten nicht. Aus Angst um sie entschied er sich, weiter im Verborgenen zu bleiben.

Mitglieder des syrischen Charta-Rates bei einem Treffen in Frankfurt
Sami Khayami war bis Mai 2012 syrischer Botschafter in London.
Quelle: Nils Metzger

In diesen Monat beginnen in Genf von der UN organisierte Friedensverhandlungen zwischen Opposition und Regierung. "Wir hoffen, dass dort Rückkehrrechte für Vertriebene ausgehandelt werden", betont der Arzt und Regierungsgegner Mustafa al-Kayali. Ein im April 2018 erlassenes Gesetz der syrischen Regierung sieht vor, dass Flüchtlinge aus Oppositionsgebieten enteignet werden, wenn sie nicht vor Ort in Syrien Besitzansprüche geltend machen. Für viele ist die Heimkehr aber ein nicht kalkulierbares Sicherheitsrisiko. Allein aus al-Kayalis Heimatstadt Aleppo sind Hunderttausende geflohen, er selbst verlor einen Bruder.

Mitglieder des syrischen Charta-Rates bei einem Treffen
Der Arzt Mustafa al-Kayali (rechts) sitzt neben Prinz Mulham al-Schibli (mittig) und Scheich Rataan al-Abdul Jader (links), zwei Führer sunnitischer Stämme.
Quelle: ZDF/Nils Metzger

Verhandeln, auch wenn der Krieg weitergeht?

Die emotionalen Anforderungen an die Teilnehmer sind immens. Ein Vertreter zog sich 2018 aus der Initiative zurück, als die syrische Regierung den Vorort Duma östlich von Damaskus angriff. Er habe es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren können, weiterhin am Verhandlungstisch zu sitzen, während die Menschen in seiner Heimatstadt im Giftgas sterben.

Allen Teilnehmern ist bewusst, wie bedeutsam ihre Mission ist. Kaum haben sie den Gesprächsraum verlassen, ihre Handys wieder in Betrieb genommen, stehen sie in Kleingruppen, scherzen, verabschieden sich wortreich. Es sind Verbindungen, die die syrische Zivilgesellschaft heilen könnten. "Wir träumen alle davon, uns irgendwann wieder auf syrischem Boden zu treffen", hofft ein alawitisches Rat-Mitglied. Dann gehen sie auseinander. In einigen Monaten werden sie sich irgendwo in Europa wieder sehen.

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