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Die Aktie für jedermann - Was von Merz' Vorschlag zu halten ist

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Viele erinnern sich an die "Volksaktie" Telekom - die eine Schneise der Verwüstung durch manches Wertpapierdepot zog. Kommt durch den Merz-Vorstoß so etwas wieder, nur besser?

Der Handelsraum der Frankfurter Börse (Archivbild)
Frankfurter Börse
Quelle: dpa

Das Schaulaufen der Kandidaten für den CDU-Vorsitz ist beendet, am Freitag entscheiden 1.001 Delegierte über die Nachfolge von Angela Merkel. Die Zahl wirkt irgendwie märchenhaft, die Themen der Kandidaten sind es (hoffentlich) nicht. Aufreger aber sind dabei, so etwa der Gedanke von Friedrich Merz, die Altersvorsorge zusätzlich auf einen Aktiensparplan für jedermann zu stützen.

Das hieße: Über den regelmäßigen Wertpapierkauf bildete sich bis zum Rentenalter kein staatliches, dafür aber stattliches Depot - das man dann mit monatlichen Entnahmen zur Aufbesserung der Rente nutzen, oder aber auflösen und damit etwa die eigene Wohnung oder das Haus entschulden könnte.

Die Idee ist nicht neu, und man kann ihr Funktionieren zum Beispiel in den angelsächsischen Ländern beobachten, wo große Pensionsfonds mit dem Geld ihrer Kunden am Aktienmarkt agieren, und dort nicht nur Einfluss nehmen auf die Unternehmen, sondern auch die Gelder breit streuen können, um Risiken zu verringern.

Die Deutschen: Aktionäre, ohne es zu ahnen

Das gibt es natürlich auch in Deutschland: Viele Pensionskassen großer Unternehmen legen selbstverständlich nicht nur in Bundesanleihen an, für die es bekanntlich momentan nicht mal einen Zins gibt. Wer eine Lebensversicherung hat, ist automatisch Mitaktionär, hat aber nichts zu sagen bei der Aktienanlage der Versicherung. Längst schon gibt es die Möglichkeit, seine Gelder für die Riesterrente in Fonds anzulegen - leider bleibt bei Riester, den manche als regelrecht verunglückt bezeichnen, nach Abzug der Gebühren oft nicht viel übrig.

Das Merz'sche Vorhaben braucht aber viel Schnitzarbeit, um zum Modell zu werden. Und wenn es besser laufen soll als Riester, müssen von vorneherein die Bürokratie vermieden und die Raffgier der Verwalter gezügelt werden. Schon heute aber gibt es ja die Möglichkeit auch für Geringverdiener, zum Beispiel 25 Euro monatlich in einem Aktiensparplan anzulegen - da allerdings traut mancher sich die Auswahl nicht zu. Kein Wunder in Zeiten, in denen einst wegen ihrer Sicherheit "Witwen- und Waisenpapiere" genannte Aktien großer Konzerne wie Bayer, Deutsche Bank oder RWE ins Trudeln geraten. Das Merz-Modell braucht also professionelle Betreuung, allein schon um die unterschiedlichen Anlagestrategien abhängig vom Alter des Sparers umzusetzen, und das möglichst, ohne riesige Gebühren zu kosten.

Vergebene Chancen, mit der heimischen Wirtschaft zu wachsen

In Zeiten von Internetbanking und virtueller Geldanlage bei Finanzinstituten, die noch nie jemand im Straßenbild gesehen hat, sollten sich für so ein Projekt wohl preiswerte Partner finden lassen. Dennoch: Die Skepsis in Deutschland dürfte zunächst groß sein. Traditionell ist der Staat der Partner für Altersvorsorge. Aktionären steht man ebenso traditionell misstrauisch gegenüber, das wird auch Friedrich Merz zu spüren bekommen, dem man zudem die Nähe zu Kapitalgesellschaften vorhält: Er ist ja immerhin Aufsichtsrat bei Blackrock Deutschland, deren Muttergesellschaft bekanntlich ein Multi-Milliarden-Dollar-Imperium der Geldanlage ist.

Blackrock hat seinen Hauptsitz in den USA. Archivbild
Blackrock hat seinen Hauptsitz in den USA. Archivbild
Quelle: Justin Lane/EPA/dpa

Aber das würde wohl nur vom eigentlichen Problem ablenken: Bis auf Belegschaftsaktionäre beteiligen sich die Deutschen kaum am Produktivvermögen ihres Landes, fördern nicht die heimischen Wachstumschancen, von denen sie als Aktionäre auf lange Sicht profitieren würden. Der Deutsche Aktienindex Dax hat in den vergangenen zehn Jahren jedes Jahr 8,5 Prozent Rendite eingebracht - zu 70 Prozent strichen ausländische Großanleger das Geld ein, die offenbar wissen, was sie tun.

Traditionen sind stark, aber manchmal veraltet

Da gilt es, noch einige Gedankenschranken zu überspringen. Ziemlich spitz formulierte das gerade die "Neue Zürcher Zeitung", die meint, hierzulande herrsche auf dem Finanzgebiet der Geist der fünfziger Jahre: "'Nivellierte Mittelstandsgesellschaft' hieß der Begriff, der damals geprägt wurde. Keiner zu reich, keiner zu arm, das Prinzip neidisch überwacht. Bei Merz' Millionen geht es nicht allein um Sozialneid: Merz als erfolgreicher Mittelständler wäre für Partei und Wähler in Ordnung; die Finanzwirtschaft aber gilt als verpönt."

Nun gut, vieles davon hat sich die Finanzwirtschaft selbst zuzuschreiben. Wenn man dies grundsätzlich ändern will, braucht es mehr als strengere Regulierung. Es braucht Manager, die theoretisch sogar ohne jede Regulierung ehrlich und verlässlich arbeiten würden, wie der berühmte hanseatische Kaufmann oder der Privatbankier alter Schule. Es gibt viel zu tun.

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