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Frontal21-Recherchen - MH17-Abschuss: Verdacht gegen Russland verdichtet sich

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Jahrelang war unklar, wer für den Abschuss der Passagiermaschine MH17 verantwortlich ist. Die Spur monatelanger ZDF-Recherchen führt zu einem russischen Offizier.

Archiv: Wrackteil von Flug MH17
Wrackteil von Flug MH17 (Archivbild).
Quelle: dpa

Wer hat die Passagiermaschine mit der Flugnummer MH17 abgeschossen? Wer hat das Raketensystem beschafft, mit dem am 17. Juli 2014 das malaysische Flugzeug über dem Staatsgebiet der Ukraine im Bürgerkriegsgebiet Donbass abgeschossen wurde? Wer ist verantwortlich für den Tod von 298 Menschen? Mehr als viereinhalb Jahre warten Angehörige auf Antworten.

Mitarbeiter des russischen Geheimdiensts verwickelt

Recherchen der Investigativplattform Bellingcat und des ZDF-Magazins Frontal21 führen zu einem russischen Offizier. Sein Name lautet Oleg Wladimirowitsch Iwannikow. Seine Identität und seine Rolle beim MH17-Abschuss konnten in monatelanger Recherche mit Hilfe von Ausweisdokumenten, Stimmenproben und Zeugen gelüftet werden. Iwannikow hat demnach das russische Raketensystem BUK von Russland in den Donbass in die Ostukraine beordert.

Nach Aussagen des ukrainischen Geheimdienstes handelt es sich bei Iwannikow um einen hochrangigen Mitarbeiter des russischen Militärgeheimdienstes. Anfragen an das Verteidigungsministerium in Moskau blieben unbeantwortet.

Die Spur zu Iwannikow beginnt mit Tonaufnahmen. Der ukrainische Geheimdienst veröffentlicht nach dem Absturz der Boeing 777 ein abgehörtes Telefonat. Es wurde am 14. Juli 2014 aufgenommen, drei Tage vor der Katastrophe. Zwei Männer unterhalten sich. Sie benutzen Decknamen - Oleg und Oreon. Oleg berichtet, dass er versucht habe, ein Flugzeug abzuschießen. "Es konnte aber entkommen." Der Mann mit dem Decknamen Oreon antwortet, dass Abschüsse demnächst einfacher würden. Es dauere nur noch ein paar Tage. Oreon geht es um das russische Flugabwehr-Raketensystem BUK. "Wir haben schon die BUK. Wir schießen sie ab", kündigt Oreon an. Nach Oreon sucht auch das gemeinsame Ermittlungsteam JIT, dem Australien, Belgien, Malaysia, die Niederlande und die Ukraine angehören. Das JIT veröffentlicht ein weiteres abgehörtes Telefonat. Auffällig daran ist Oreons hohe Stimme.

Karte: Ukraine - Donbass (MH17-Abschuss)
Karte der Ukraine mit dem Abschussgebiet.
Quelle: ZDF

Ausbildung in der Sowjetunion

Moritz Rakaszitzky vom Rechercheverbund Bellingcat hat mit vier Kollegen sieben Monate Oreons Spur verfolgt. Ihr Ausgangspunkt war die ukrainische Telefonnummer, von der aus Oreon am 14. Juli 2014 telefoniert hatte. Die Spur führt nach Russland. "Wir fanden heraus, dass die Telefonnummer, die auf dem Mitschnitt des ukrainischen Geheimdienstes 'Oreon' zugeschrieben wird, Anrufe von russischen Nummern bekam" sagt Rakaszitzky. Bellingcat hat diese Nummern überprüft und mit Telefonapps und der russischen Online-Datenbank phonenumber.to abgeglichen. "Dort war sie registriert unter dem Namen Oleg Wladimirowitsch Iwannikow." Bellingcat besorgt ein Foto, samt Geburtsdatum und Adresse, in Moskau aus einem Einwohnermelderegister. Dann geht die Suche nach Datenspuren im Netz weiter.

Screenshot: Frontal21-Artikel "MH17 – Abschuss: Verdacht gegen Russland verdichtet sich"
Bei ihren Recherchen stößt das Frontal21-Team auf diesen Mann - Oleg Wladimirowitsch Iwannikow.
Quelle: ZDF

"In Russland gibt es Zehntausende geleakte Datenbanken von Wohnungsregistrierungen, Passdaten, die man finden und kostenlos herunterladen kann", berichtet Rakaszitzky. So findet Bellingcat heraus, dass dieser Iwannikow online eine Gasmaske zu Trainingszwecken kaufte. Er ließ sie an das Moskauer Hauptquartier des russischen Militärgeheimdienstes GRU liefern. Bellingcat stößt auf eine Passkopie. Geboren ist Iwannikow in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz). Iwannikows Vater war dort als General der Sowjetarmee stationiert. Der Sohn machte auch eine Karriere beim Militär. Dokumente belegen, dass Iwannikow in den 1980er Jahren an der Akademie der Luftwaffe der Sowjetunion ausgebildet wurde, und zwar in Kiew.

Verdächtiger wurde identifiziert

Die Militärakademie gibt es noch heute. Inzwischen gehört sie zum ukrainischen Verteidigungsministerium. Dort geht die Spurensuche weiter. Frontal21-Autor Joachim Bartz suchte nach ehemaligen Kommilitonen von Oleg Wladimirowitsch Iwannikow und wurde fündig. Wiktor studierte ab 1985 an der Kiewer Militärflugtechnischen Akademie der Sowjetarmee. Als Sekistow ein Foto von Iwannikow vorgelegt wird, erkennt er ihn sofort. "Wir haben in einer Kaserne gewohnt, er auf einem oberen Stockwerk und ich unten. Natürlich redet man oft miteinander, wenn man in einem Haus wohnt. Außerdem verbringt man viel Zeit zusammen, wenn man die gleichen Fächer hat." Von 1991 bis 1994 seien sie zusammen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR stationiert gewesen, im 33. Jagdfliegerregiment in Wittstock, erzählt Sekistow. Dann spielt Bartz die Tonaufnahme des JIT vor. Für Sekistow ist schnell klar: Oreon ist Iwannikow. "Ja, das ist seine Stimme. Ohne jeden Zweifel. Seine Stimme war immer sein Markenzeichen." Über seine hohe Fistelstimme hätten sich frühere Bekannte oft lustig gemacht.       

Auch der ukrainische Geheimdienst ist überzeugt, hinter dem Decknamen Oreon stecke Iwannikow. Im Interview mit Frontal21 erklärt ein ukrainischer Ermittler, Iwannikow alias Oreon sei ein hochrangiger Mitarbeiter des russischen Militärgeheimdienstes GRU. "Im Juni 2014 kam er in das Separatistengebiet. Er leitete Kampfhandlungen der illegalen militärischen Verbände gegen die ukrainische Armee und war für den Transport des Flugabwehr-Raketensystems BUK aus Russland in die Ukraine verantwortlich." Dafür habe der ukrainische Geheimdienst zahlreiche Belege, zum Beispiel abgehörte Telefonate.

Keine Reaktion aus Moskau

Frontal21 hat das russische Verteidigungsministerium um ein Interview gebeten und detailreiche Fragen zur Rolle von Oleg Wladimirowitsch Iwannikow beim Abschuss der MH17 gestellt. Stimmen die Vorwürfe? Arbeitet Iwannikow für den Militärgeheimdienst GRU? Hat Iwannikow die BUK besorgt? Doch das russische Verteidigungsministerium schweigt. 

Screenshot: Frontal21-Artikel "MH17 – Abschuss: Verdacht gegen Russland verdichtet sich"
Kurz nach dem Absturz reklamierten russische Separatisten den Abschuss für sich.
Quelle: ZDF

In Moskau konfrontierte Frontal21-Autor Bartz den ehemalige Separatistenführer Igor Girkin. Girkin war selbsternannter Verteidigungsminister in der Ostukraine zu der Zeit als MH17 abgeschossen wurde. Auf Nachfrage räumt er ein Iwannikow zu kennen, verweigert jedoch jeden Kommentar. "Aufgrund der Würde des Militärangehörigen", könne er nichts Genaueres sagen, behauptet Girkin. Auf die Frage, ob Iwannikow damals die BUK besorgte, kommt keine Antwort. Dabei lieferte Girkin am 17. Juli 2014 selbst einen Hinweis auf den Abschuss von MH17 durch die Separatisten. Kurz nachdem die Passagiermaschine am Boden zerschellt war, postete der damalige Separatistenführer, seine Leute hätten eine ukrainische Militärmaschine abgeschossen.

Die Niederlande und Australien, Staaten, die besonders viele Opfer zu beklagen haben, machen inzwischen Russland offiziell haftbar für den Abschuss von MH17. Die Niederlande erwägen eine Klage vor einem internationalen Gericht. Anhängig ist dort bereits eine Klage der Ukraine gegen Russland. Angehörige von 65 niederländischen Opfern haben Russland bereits vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg verklagt. Russland streitet bis heute jede Verantwortung für das Verbrechen ab.

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