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Idyll trotz Sicherheitsbedenken - Wandern auf früheren Waffentestgeländen

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Wo die USA einst Atom- und Chemiewaffen testeten, strömen heute Besucher durch Nationalparks. Doch die Umwandlung ist teuer - und Kritiker zweifeln an der Sicherheit.

Zwei Bisons stehen in der Steppe des Rocky Mountain Arsenal National Wildlife Refuge
Zwei Bisons stehen in der Steppe des Rocky Mountain Arsenal National Wildlife Refuge.
Quelle: ap

Bären, Iltisse, seltene Vogelarten, bedrohte Lachse und Korallenriffe: An ehemaligen Waffenkomplexen in den USA gedeiht heute eine erstaunliche Artenvielfalt. Wo früher tödliche Waffen produziert und getestet wurden, bieten inzwischen Naturschutzgebiete der Tier- und Pflanzenwelt friedliche Refugien. Für die Öffentlichkeit und andere Eindringlinge waren die Gelände jahrzehntelang gesperrt.

Doch die Kosten für die Konversion sind immens. Kritiker werfen zudem den Behörden vor, die Standorte nicht gründlich genug von Schadstoffen gereinigt zu haben, um sicher für Menschen zu sein.

Konversionen kosten mehr als 57 Milliarden Dollar

Die Streitkräfte, das US-Energieministerium und private Unternehmen haben mehr als 57 Milliarden Dollar (51 Milliarden Euro) für die Säuberung der sechs am stärksten verschmutzten Stätten ausgegeben, wie aus von der Nachrichtenagentur AP erhobenen Zahlen hervorgeht.

Und die höchsten Rechnungen sind noch nicht bezahlt. Nach Schätzung des Energieministeriums werden noch bis zu 677 Milliarden Dollar benötigt, um die teuerste Konversion abzuschließen. Dabei geht es um den Nuklearkomplex Hanford Site im US-Staat Washington, wo die Regierung Plutonium für Bomben und Raketen herstellte.

Giftige Altlasten

Trotz der komplizierten und teuren Reinigungsarbeiten ist nach Ansicht von Experten viel Verseuchung zurückgeblieben. Dieses Erbe erfordere Beschränkungen beim Zugang von Besuchern und eine Überwachung der Gebiete durch die Regierung - möglicherweise für Jahrhunderte, sagen sie.

"Noch schlimmer wäre es, die Zonen einzuzäunen und jahrzehntelang abzuriegeln", sagt David Havlick, Experte für die Konversion militärischer Anlagen an der Universität Colorado. "Allerdings wäre es noch viel besser, wenn sie sorgfältiger saniert würden."

Mindestens 30 der insgesamt mehr als 560 von der US-Naturschutzbehörde verwalteten Schutzgebiete waren nach AP-Recherchen früher Standorte des Militärs oder der Waffenproduktion. In den meisten Fällen ging es um konventionelle Waffen und nicht um Atom- oder Chemiewaffen. Viele der Komplexe wurden nach dem Ersten oder dem Zweiten Weltkrieg umgewandelt.

Renaissance als idyllische Prärie

Die meisten Skeptiker sind sich einig, dass die Schutzgebiete sinnvoll sind. Allerdings warnen sie davor, dass die Schönheit der Natur die Umweltverschmutzung in unmittelbarer Nähe verdecken könnte.

Kormorane trocknen ihre Flügel nach dem Fischen im See im Rocky Mountain Arsenal National Wildlife Refuge
Kormorane trocknen ihre Flügel nach dem Fischen im See im Rocky Mountain Arsenal National Wildlife Refuge.
Quelle: ap

Die Streitkräfte hätten die Zonen abgesperrt, um die Menschen vor der gefährlichen Arbeit dort zu schützen und nicht um die Umwelt zu schützen, betont Havlick. "Der Grund war nicht, dass das Verteidigungsministerium einer ökologischen Ethik folgen würde", sagt der Autor eines Buchs über umweltverträgliche Konversion militärischer Anlagen.

Der Umwelthistoriker Adam Rome erklärt, dass die Umwandlung eines schwer verseuchten Waffenkomplexes in ein Naturschutzgebiet billiger sei, als das Gelände sicher genug zu machen für Wohnhäuser, Schulen und Firmen. In einigen Fällen hätten Gebiete auch lukrativ genutzt werden können, aber das wäre teurer gewesen, sagt der Forscher von der Universität des Staates New York.

Ein Negativbeispiel ist hier nach Ansicht von Kritikern das Rocky Mountain Arsenal im US-Staat Colorado. Das etwa 15 Kilometer außerhalb von Denver gelegene Gelände war als Produktionsort von Chemiewaffen und Pestiziden einst ein ökologischer Alptraum. In den 1950er Jahren verendeten Tausende Enten, nachdem sie mit dem Abwasserbecken der Anlage in Kontakt gekommen waren.

Nach einer 2,1 Milliarden Dollar teuren Säuberung wurde der Ort als 61 Quadratkilometer großer Nationalpark wiedergeboren, in dem Besucher wandern oder Aussichtsfahrten unternehmen können. Doch Teile davon sind weiter gesperrt, darunter spezielle Deponien, in denen die Armee kontaminierte Erde entsorgte. Der Verzehr von Wild und Fisch aus dem Gebiet ist verboten. Das Grundwasser muss nach Ansicht von Experten noch jahrhundertelang kontrolliert werden.

Gefährliche Blindgänger

Im Südosten von Arizona hat die Armee immer noch Probleme, den Komplex Jefferson Proving Ground zu säubern, der zum Teil in einem Nationalpark umgewandelt wurde. Dort waren Millionen Artilleriegeschosse getestet worden, zum Teil aus gesundheitsschädlichem abgereicherten Uran. Fragmente davon sind ebenso wie 1,5 Millionen Blindgänger quer über das große Gelände verteilt. Das macht die Sanierung gefährlich und teuer: Damit die Fläche anschließend uneingeschränkt nutzbar wäre, wären nach Armeeangaben 3,2 Milliarden Dollar nötig.

Bis dahin gelten nur Teile des Parks als sicher. Besucher müssen sich vorab ein Sicherheitsvideo ansehen - und schriftlich versichern, dass sie im Fall einer Verletzung durch einen Blindgänger nicht klagen werden.

Sieben Milliarden für eine Sanierung

Schild mit der Aufschrift "Rocky Flats, National Wildlife Refuge"
Rocky Flats, National Wildlife Refuge in Broomfield, Colorado
Quelle: ap

Das Rocky Flats National Wildlife Refuge öffnete im September vergangenen Jahres für Wanderer und Radfahrer. Doch Aktivisten zweifeln an der Sicherheit der ehemaligen Atomwaffen-Anlage nordwestlich von Denver.

Eine sieben Milliarden Dollar teure Reinigungsaktion konzentrierte sich auf eine fünf Quadratkilometer große Fläche, auf der früher Teile für Atomsprengköpfe gefertigt wurden. Der Bereich ist heute eingezäunt und für die Öffentlichkeit gesperrt.

Das Schutzgebiet wurde in der Pufferzone rund um den Produktionsbereich eingerichtet. Nach Angaben der Behörden ist es dort sicher. Doch skeptische Aktivisten reichten eine Klage ein und erklärten, die Regierung habe das Gebiet nicht gründlich genug überprüft.

Eine andere Gruppe forderte die Freigabe von Dokumenten zu einem Ermittlungsverfahren gegen den Waffenkomplex vor 27 Jahren. Damit wollen die Aktivisten prüfen, ob die Regierung die Verseuchung vollständig entfernt hat. Beide Fälle sind noch vor einem Bundesgericht anhängig.

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