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Frankreich gegen Argentinien - Weggabelung an der Wolga

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Schlägt der Talentschuppen den Weltstar? Das Achtelfinalduell zwischen Frankreich und Argentinien wird einen Verlierer produzieren, der um Grundsatzdiskussionen nicht herumkommt.

Lionel Messi lächelt während einer Trainingseinheit der Nationalmannschaft von Argentinien bei der Fußball-WM in Russland.
Frankreich gegen Argentinien: Ist das Achtelfinale der Fußball-WM in Russland die letzte Chance für Lionel Messi? Quelle: ap

Wann immer es im französischen Fußball ums große Ganze geht, wird Hugo Lloris geschickt. Der Keeper trägt nicht nur die Kapitänsbinde der "Les Bleues", er ist auch so etwas wie die personifizierte Reinheit - zumindest auf Pressekonferenzen. Der 31-Jährige spricht mit klarer Stimme. Er hört Fragestellern artig zu - und auch wenn seine Antworten mitunter nicht so erhellend ausfallen, regt sich kein Unmut. Er hat zumindest höflich nach Ausflüchten gesucht. Auch das ist eine Qualität nach genau 100 Länderspielen.

Am Freitag war mal wieder Lloris, der beim englischen Spitzenverein Tottenham Hotspur das Tor hütet, an der Reihe. Frankreich gegen Argentinien (Samstag 16 Uhr MESZ), das ist das namhafteste Duell im Achtelfinale. Oder wie der Monsieur mit dem sorgsam gestutzten Bart sagte: "Zwei große Nationen, ein besonderes Spiel. Wir wollen unsere Geschichte weiterschreiben und im Turnier bleiben."

Die letzte Chance für Messi?

Natürlich kam der Ballfänger der Grande Nation nicht umhin, sich auch zu der Person zu äußern, die alle anderen kraft seiner Klasse überstrahlt. Lionel Messi, der es tatsächlich fertiggebracht hat, in 127 Länderspielen für die Albiceleste 65 Tore zu erzielen, aber nie in einem K.o.-Spiel einer Weltmeisterschaft zu treffen. Lloris wollte daraus keinen Vorteil ableiten: "Er ist ein Top-Top-Level-Spieler, aber Argentinien hat mehr zu bieten als ihn."

Und doch steht  Messi im Mittelpunkt - und in der Kasan-Arena an einer Weggabelung. "La Pulga", der Floh, wie man ihn früher wegen seiner Wachstumsstörung nannte, hat jetzt neben großen Tätowierungen am Arm auch einen mächtigen Bart. Und die Szenen, in denen er förmlich explodiert, muss er noch sorgsamer auswählen. Messi ist jetzt 31. Bei der nächsten WM im Winter 2022 in Katar wäre er 35.

Deutschland steht nicht mehr im Weg

Die Geschichte seines Scheiterns füllt bislang drei WM-Kapitel: 2006 in Deutschland setzte ihn der sture José Pekerman im entscheidenden Viertelfinale gegen den Gastgeber gar nicht ein, 2010 in Südafrika lag der Coach Diego Maradona so grandios daneben, dass das Genie gar nicht glänzen konnte. Es folgte wieder das Aus im Viertelfinale. Auch 2014 in Brasilien ging Messi nur anfangs als Anführer voran. Ab dem Achtelfinale zogen Mitspieler und Landsleute die Lokomotive im Nachbarland bis ins Finale. Dort behielt Deutschland das dritte Mal die Oberhand, und es machte einer den Unterschied, dem bei der Einwechslung ins Ohr geflüstert wurde: "Zeige der Welt, dass du besser als Messi bist."

Nun haben weder der Trainer Joachim Löw und erst recht nicht der Joker Mario Götze mehr die Möglichkeit, den Spielverderber zu mimen. Daher wäre die Gelegenheit günstig, den Fluch der eigenen WM-Vergangenheit genau dort zu vertreiben, wo die deutsche Mannschaft so grandios Schiffbruch erlitt. Aber Messi weiß: "Es wird ein sehr schweres Spiel, ohne Zweifel."

Deschamps auch unter Druck

Denn auch für Frankreich steht viel auf dem Spiel. Für Paul Pogba, 27, den selbst ernannten Anführer, der in einem Moment so aussieht, als könne er vor Kraft nicht laufen, in dem anderen aber merkwürdig matt wirkt. Für Antoine Griezmann, 27, der in der Vorrunde nur ein kümmerliches Elfmetertor zustande gebracht, aber für die K.o.-Phase einen höheren Wirkungsgrad versprochen hat. Und dann ist da noch Kylian Mbappé, 19, der Irrwisch mit den geschmeidigen Bewegungen. Jeder für sich ein Versprechen.

Keinen wollte Nationaltrainer Didier Deschamps am Freitag mit Messi vergleichen, weil der Rucksack viel zu schwer würde. "Messi ist einzigartig." Aus seinem Kader sind 14 Akteure das erste Mal bei einer WM. "Das ist keine Entschuldigung, aber das ist ein Fakt", sagte der 49-Jährige. Die Unerfahrenheit führt der General so penetrant auf, als würde ein Feldwebel jeden Morgen beim Appell auf dem Hof seinen Soldaten ständig ins Ohr rufen, dass sie noch nicht reif fürs Gefecht wären. Deschamps warnt: "Jeder Schuss, jeder Pass, jeder Einwurf kann der letzte sein."

Sampaoli wirkt mitunter wirr

Die latente Selbstüberschätzung gilt als das Problem einer veranlagten Rasselbande. Sollte sich seine befähigte Auswahl wie bei der WM 2014 im Viertelfinale gegen Deutschland oder bei der EM 2016 im Finale gegen Portugal auch jetzt in die Knie zwingen lassen, würde das auch auf den Trainer zurückfallen. Ungeachtet aller Treueschwüre von Verbandsseite. Der pragmatische Spielstil gefällt vielen nicht, und die ersten wünschen sich schon Zinedine Zidane auf den Chefsessel, der als Schattenfigur über Deschamps schwebt.

Auch sein Gegenüber steht unter Beobachtung: Jorge Sampaoli kann sich noch weniger ein Achtelfinal-Aus leisten. Entweder der 58-Jährige ist wirr oder genial, denken viele. Mal gestikuliert er wie wild, dann sortiert er seine Zettel. Dass er selbst sogar etablierten Spielern wie Javier Mascherano, die doch eigentlich jeden Kniff auf solchen Bühnen kennen, etwas erklären will, ist auf jeden Fall ehrenwert. Es muss aber in der einer gigantischen Seerose nachempfundenen Arena an der Kasanka-Mündung in die Wolga auch etwas nützen.

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