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WM-Stadion in Samara unfertig - 1.000 Sitze verzweifelt gesucht

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Die Arena von Samara ist das Problem-Stadion der Fußball-WM in Russland: Pfusch, Korruption und explodierende Kosten. Jetzt sind auch noch 1.000 Sitzplätze verschwunden. Spurlos.

Blick auf das WM-Stadion in Samara
Blick auf das WM-Stadion in Samara Quelle: reuters

"Nach fünfzehn Minuten ist der Sitz zusammenkracht", sagt Wladimir und lacht so laut, dass die Leute sich umdrehen. Dann entschuldigt er sich: "Ich weiß, es ist nicht lustig. Aber anders ist das alles nicht mehr zu ertragen." Wladimir ist Student, 21, und einer von Hunderten Fußball-Stewards, die zur FIFA-Weltmeisterschaft die Gäste betreuen sollen. Kosmos-Arena heißt das Stadion in Samara. Es sieht aus wie ein notgelandetes Raumschiff - das von einem pulsierenden Ring aus Bauarbeitern eilig flugtauglich gemacht werden muss. 

Samara: Von Anfang an Sorgenkind der WM-Planer

"Es ist eine Katastrophe", sagt Wladimir und lacht wieder. Er war am 16. Mai in der Kosmos-Arena, als das dritte Testspiel die Einsatzfähigkeit des Stadions dokumentieren sollte - aber in Wahrheit das Gegenteil bewies. "Einige Sitze sind zusammengebrochen. Andere waren nicht benutzbar. Und von manchen der intakten Plätze konnte man das Spielfeld nicht sehen", berichtet Wladimir in perfektem Englisch. Er hat sich als Fußball-Steward gemeldet, weil er am Gelingen der Weltmeisterschaft mitwirken wollte. Nun fürchtet er, Zeuge einer Riesen-Blamage zu werden. 

Samara Stadion in Russland
Das Fan-Center ist noch eine Baustelle. Quelle: Rudolf Kerber

Die Kosmos-Arena in Samara war von Anfang das Sorgenkind der WM-Planer. In der Industriestadt an der Wolga haben die Architekten ein Stadion mit einer gigantischen 60 Meter hohen Glaskuppel entworfen. Es sollte der Vergangenheit Samaras als Zentrum der Luft- und Raumfahrtindustrie Tribut zollen. Nachdem der Eröffnungstermin immer wieder verschoben wurde, hat die FIFA den Bau als letztes der WM-Stadien offiziell abgenommen. Aber inzwischen berichten selbst russische Medien derart offen über gravierende Mängel, dass Zeitungsleser in Samara besorgt aufhorchen. 

Fußball-Steward Wladimir.
Fußball-Steward Wladimir: "Ich weiß, es ist nicht lustig, aber anders ist das alles nicht mehr zu ertragen." Quelle: Heinz Kerber, ZDF

Die Lokalausgabe der Zeitung "Kommersant" zählt eine Mängelliste mit 50 Positionen auf, "von denen viele bis zum Beginn der WM nicht mehr zu beheben sind". Das größte Problem: Die Kosmos-Arena bietet viel weniger Zuschauern Platz als geplant. So habe man beim ersten Testspiel nur 43.000 Zuschauer gezählt, obwohl das Stadion 44.900 Sitze haben sollte. Die Nachrüstung gelingt nur bedingt. Die Journalisten entdeckten zum Beispiel, dass die Sitzreihe Nummer 26 im Sektor C-516 komplett fehlt. Andere Reihen seien so aufgestellt, dass eine "Beinfreiheit nicht vorhanden ist".

Aus U-Bahn wurde temporäre Straßenbahn

Auch der Rest des Stadions wird nicht rechtzeitig fertig. Bis zu 70 Prozent der Innenräume werden während der WM nicht benutzbar sein, protokolliert "Kommersant". Sportler, Journalisten und Offizielle müssen sich darauf einstellen, auf einer Baustelle zu arbeiten. Und das, obwohl die Kosten für das Samara-Raumschiff nach Angaben der Zeitung von 13,6 Milliarden Rubel auf 18,9 Milliarden Rubel gestiegen seien. Ein Verteuerung von umgerechnet 72,5 Millionen Euro. 

Auch eine kleine Szene von Oppositionellen in Samara beobachtet und dokumentiert die Kostenexplosion auf der Baustelle mit wachsendem Unglauben. "Wir fragen uns, wo das ganze Geld hingeflossen ist", sagt Jewgeni Trubtschenkow vom örtlichen Büro der Fortschrittspartei um den regierungskritischen Journalisten Alexei Nawalny: "Eigentlich sollte eine neue U-Bahn-Linie zum Stadion führen, aber auch das ist nicht geschehen." Stattdessen werde nun eine billigere Variante gebaut, eine Straßenbahn, aber die funktioniere ebenfalls nicht richtig. 

Samara Stadion in Russland
Die Bauarbeiten am Stadion laufen auf Hochtouren. Quelle: Rudolf Kerber

Weil die Linie mit heißer Nadel gestrickt worden sei, werde sie viel zu dicht an den Elektrizitätsmasten vorbeiführen. Damit sich die Passagiere nicht verletzen, habe man verboten, die Fenster zu öffnen. Und überhaupt: "Die gesamte Konstruktion ist so wackelig und undurchdacht, dass die Strecke sofort nach der WM wieder abgebaut wird." Trubtschenkow sitzt vor seinem Laptop mit Nawalny-Aufkleber und sieht unglücklich aus. Er könnte noch mehr erzählen: Über den Pfusch am neuen Flughafen, über das WM-Innovationszentrum, das versprochen, aber nie gebaut wurde. Er winkt ab: "Es ist eine Katastrophe."

Fußball-Steward Wladimir will die WM nicht schlechtreden. Eigentlich freut er sich auf die Spiele und die Gäste aus aller Welt. Er würde gern stolz sein auf das größte Sportereignis, das Samara je gesehen hat. "Aber wie hier die Milliarden versenkt werden, das muss einen einfach wütend machen", sagt Wladimir - und lacht. 

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