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Am Puls Deutschlands - Was ist für mich deutsch?

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Pünktlich zur WM sind sie wieder da: Deutschlandfahnen an Häusern, auf Autos und Gesichtern. Aber deutsch, was ist das? Unter #wasfuermichdeutschist haben wir nachgefragt.

Archiv: Eine Deutschlandfahne am 23.02.2012
Deutschlandfahne Quelle: dpa

Was ist typisch deutsch? Gartenzwerge und Bier, Pünktlichkeit und Fußballbegeisterung? Aber gibt es da nicht mehr? Vor dem Start der WM an diesem Donnerstag wollten wir wissen, was die Deutschen denken. Unter dem Hashtag #wasfuermichdeutschist haben wir im März 2018 eine Kampagne gestartet und sofort gemerkt: Wir haben einen Nerv getroffen. Mehr als 30.000 Zuschriften haben uns in der Zwischenzeit per Mail, Facebook und Twitter erreicht. Nachdenkliche und lustige, laute und leise, kontroverse und kritische.

"Deutsch ist ein Gefühl, das 2006 entstanden ist. Als die Welt auf uns geschaut hat und wir ganz begeistert waren von unserem Land", schreibt ein User. "Multikulti finde ich toll, aber ich habe da gemischte Gefühle", ein anderer. #wasfuermichdeutschist: Man merkt sofort, wieviel da drin steckt, wie viel da mitschwingt!

Brot, Bier, Pünktlichkeit

Natürlich waren auch Klischees dabei: Brot, Bier und Pünktlichkeit. Sehr, sehr viele Menschen aber haben intensiv diskutiert - übers Deutschsein, über Demokratie und Grundgesetz, über Patriotismus und "German Angst", über Religion und den Wert von Gemeinschaft. Besonders häufig genannten Themen haben wir aufgegriffen und für unsere Dokumentation "Am Puls Deutschlands" die Kommentatoren Zuhause besucht.

Unser Ziel: Nicht nur abstrakt diskutieren, was deutsch ist, sondern vor Ort erleben, was für die Menschen deutsche Identität ausmacht, was aus ihrer Sicht dazugehört und was nicht. Es wurde eine Reise quer durch das Land, quer durch die verschiedensten Lebenswirklichkeiten, möglichst nah dran am Puls Deutschlands.

Walter Lehr etwa haben wir in dessen Haus am Waldrand getroffen, mit der Deutschland-Fahne im Garten. Der Rentner ist stolz darauf, Deutscher zu sein: "Man kann sich hier nicht beklagen. Alles sauber, ordentlich, wunderbar." Doch ihn stört, dass in Deutschland als christlich geprägtem Land immer mehr Moscheen gebaut würden. Seine größte Angst: "Dass das Multikulti überhandnimmt. In der nächsten, übernächsten Generation gibt es vielleicht kein Müller, kein Meier und Schmidt mehr", sagt er.

"Manchmal tut das weh"

Klar, die Gesellschaft hat sich verändert. Inzwischen hat jeder Fünfte, der hier lebt, einen Migrationshintergrund. Manchem macht das Angst. Die Debatte wird schärfer und schärfer - und hinterlässt Spuren bei denen mit Migrationshintergrund. Meral Şahin etwa. Sie ist in Deutschland aufgewachsen, ihre Eltern kommen aus der Türkei. "Wir verlieren ganz wertvolle Zeit damit, statt uns mit Dingen zu beschäftigen wie: Wie machen wir das Beste daraus? Wie schaffen wir es, unser Leben zu verschönern, an dem Ort, an dem wir sind", fragt die Inhaberin eines Kölner Dekorationsgeschäfts. Was für sie deutsch ist? "Der Deutsche ist genau, ehrlich, direkt. Manchmal zu direkt. Manchmal tut das weh."

Jochen Breyer im Lkw von Peter K.
Peter Köhler erlebt Deutschland aus dem Führerhaus seines Lkw. Die Angst vor Altersarmut und Arbeitslosigkeit ist für ihn deutsch. Und: Dass man nicht mehr an eine unabhängige Berichterstattung glauben könne. Er informiert sich deshalb über das Internet. Quelle: ZDF

Bei Lkw-Fahrer Peter Köhler ist es Angst, die seine Antwort auf #wasfuermichdeutschist prägt: "Sicherheit für Bürger, die es leider nicht mehr gibt", schrieb er uns. Die Branche, in der Köhler arbeitet, ist durch ausländische Konkurrenz stark unter Druck, auch er hat Angst, seinen Arbeitsplatz zu verlieren. Über das deutsche Sozialsystem sagt er: "Ich denke, Hartz IV ist ein Mittel, um die Leute bei der Arbeit zu halten. Jeder hat Angst, krank zu werden, jeder hat Angst, seine Arbeit zu verlieren."

Der Lkw-Fahrer glaubt nicht mehr an eine unabhängige Berichterstattung in Deutschland. Er informiert sich im Internet, erzählt er. Das sei früher anders gewesen. Heute informiere er sich über Medien, die dem russischen Staat nahe stünden. Und doch hat er uns zu sich eingeladen.

"Wie gehen wir miteinander um?"

In Böblingen treffen wir Petra Amann. Ehrenamtlich versucht sie, Flüchtlingen Werte und Normen unserer Gesellschaft zu erklären. Denn: "Das eine, was wichtig ist, um Integration stattfinden zu lassen, ist die Sprache. Aber sehr wohl eben auch: Wie gehen wir miteinander um? Und da sind wir wieder bei den Werten und den Regeln."

"In einem ihrer Workshops treffen wir zwei Flüchtlinge: Wessam Al-Dabbas aus Syrien und Abdullah Secka aus Gambia. Beide sind seit etwa zwei Jahren in Deutschland. Deutsch, das sind für Wessam vor allem die vielen Regeln: "Die Regeln in Deutschland sind nicht so einfach, weil sie so viele Regeln haben."

Aufgefallen ist uns, für wie viele es "typisch deutsch" war, überhaupt über diese Frage zu diskutieren: "Ich wünsche mir, dass wir über so dämliche Fragen endlich nicht mehr diskutieren müssen", lasen wir etwa. "Diese Frage ist so überflüssig wie ein Heimatministerium und befeuert nur wieder die AfD."

Doch warum fällt es so leicht, über das zu sprechen, was uns trennt, aber so schwer, das Verbindende zu benennen? Für Autor Peter Siebenmorgen liegt allem ein verkrampftes Verhältnis zum Deutsch-Sein zugrunde: "Einfach, weil mit diesem Begriff so viel an schlechter Geschichte mitschwingt, dass man sich eigentlich fast nur die Finger verbrennen kann, wenn man sich auf ihn bezieht."

Nicht mehr tabu

Trotzdem ist die Debatte notwendig: Darüber nachzudenken, was deutsch ist, was Deutschsein bedeutet, ist 2018 nicht mehr tabu. "Werte und Ideale statt Schubladen, bitte", lesen wir. Und: "Die Fahne des Patriotismus nur zur Fußball-WM und -EM rauszuholen. Ansonsten ist Patriotismus verpönt." Und noch etwas ist uns klargeworden: Heimat, Deutschsein - all das ist kein Pokal, den man sich in eine Vitrine stellen kann. Man muss schon täglich dafür kämpfen.

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