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G20-Gipfel in Buenos Aires - Trump: Der Glaube an die Macht der Angst

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Die Wahrheit formen, Angst verbreiten, die Nummer eins sein wollen: Lange Zeit ist US-Präsident Trump damit durchgekommen. Auf dem G20-Gipfel trifft er auf nicht mindere Kaliber.

Donald Trump kommt zum G20-Gipfel in Argentinien
Donald Trump bei der Ankunft zum G20-Gipfel in Argentinien
Quelle: reuters

Es gibt eine kleine Geschichte, die einen tiefen Einblick in Trumps Denkweise und Charakter gewährt: Der US-Präsident war ja in einem früheren Leben ein Fernseh-Star und er moderierte "The Apprentice" - eine Show, in der aufstrebende Unternehmer versuchten, eine Idee an reiche Investoren zu verkaufen. Wer nicht Trumps Gnade fand, den verabschiedete dieser mit dem Satz: "You are fired." Trump überzeugte das Publikum als gnadenloser Scharfrichter, die Show wurde ein Erfolg. Aber das reichte seinem Ego nicht.

Eins mit Sternchen

Trump ist besessen davon, der Allergrößte zu sein. Und so erzählte er fortwährend, dass seine Show die Nummer Eins auf dem US-Fernseh-Markt sei. Sein Produzent ging nun eines Tages zu ihm und sagte. "Donald, wir sind nicht die Nummer Eins. In keiner Kategorie. Das stimmt nicht." Doch "The Donald", wie er damals noch ehrfurchtsvoll von seinen Fans genannt wurde, hörte nicht auf, es weiter zu behaupten. Sein Produzent wurde langsam nervös, hatte Angst vor der Blamage und stellte Trump nochmals zur Rede. Der schaute ihn nur mitleidig an und sagte: "Du verstehst unser Geschäft nicht. Es ist egal, ob das stimmt, was ich sage. Ich behaupte es so lange, bis die Menschen das glauben. Und dann sind wir die Nummer Eins."

Trump arbeitet auch in seiner neuen Rolle als Präsident weiter an der Gestaltung der Wirklichkeit. Vor allem, wenn die wirkliche Realität immer düsterer für ihn wird. Er hat ja gerade ein Zwischenzeugnis vom amerikanischen Volk bekommen: die Parlamentswahlen. Im Senat konnten die Republikaner ihre Mehrheit verteidigen und Sitze zugewinnen. Aber im Abgeordnetenhaus haben sie dramatische Einbußen erfahren und ihre Mehrheit verloren. Das schwächt Trumps Macht enorm. Selbst bei wohlwollender Betrachtung ist das Ergebnis die Note drei - aber nicht für Trump. Er wurde in einem Interview gefragt, wie er die Halbzeit seiner Amtszeit bewertet: "A+", sagte er selbstbewusst. Bestnote, Eins mit Sternchen.

In der Champions League der Realitätenerfinder

Auf dem G20-Gipfel ist der US-Präsident wahrlich nicht der einzige, der fest daran glaubt, die Wahrheit sei formbar und der Wille der Regierten mit Macht zu manipulieren. Der russische Präsident Wladimir Putin, der chinesische Präsident Xi Jinping, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan - sie alle spielen in der Champions League der Realitätenerfinder. Sie kennen Trumps Trick, sie durchschauen sein Spiel und glauben, es besser zu können als er. Und so ergab sich beim letzten Auftritt des US-Präsidenten bei den Vereinten Nationen eine entlarvende Szene. Trump sprach vor der Welt und lobte die Leistungen seiner Regierung, die historisch einmalig seien. Der Saal lachte laut, die Welt wagte es, den US-Präsidenten zu verspotten. Trump hielt für einen kurzen Augenblick verdutzt inne und sagte: "Damit habe ich nicht gerechnet."

Es ist leider nicht zu erwarten, dass der G20-Gipfel in Buenos Aires eine spaßige Veranstaltung wird. Vielmehr stehen die Zeichen auf Sturm. Konflikte, wohin man schaut. Die USA rutschen immer mehr in einen Handelskrieg mit China und Europa und in ein Wettrüsten mit Russland. Der Konflikt in der Ukraine spitzt sich wieder zu, der Syrienkrieg wird zum täglichen Wahnsinn. Und mittendrin ein US-Präsident, der seine alten Verbündeten immer wieder lustvoll vorführt und bedroht. Die alte Nachkriegsordnung, in der Amerika auch einen moralischen Anspruch an seine Außenpolitik stellte, ist spätestens seit Trumps Wegschauen im Falle des ermordeten Journalisten Khashoggi beerdigt. Der saudi-arabische Kronprinz wird weiter hofiert, trifft sich auch noch mit dem russischen Präsidenten Putin. Es geht wie immer um viel Geld, um Öl und Waffen. Selten eine Kombination, die die Welt friedlicher machte. Eine Eins mit Sternchen haben die Mächtigen nicht verdient.

Das Imponiergehabe von Alpha-Tierchen

Inmitten all dieser Krisen und Konflikte steht wie so oft ein Mann: der US-Präsident. Er wird sichtbare Auftritte hinlegen, denn er will, dass die daheimgebliebenen US-Wähler sehen, wie er für seine Amerika-first-Agenda kämpft. Er wird sich vor den Augen der Weltpresse auf die Brust trommeln, damit man vielleicht vergisst, dass seine Zustimmungswerte weiter sinken. Aber das wird wohl nicht reichen, die anderen Weltenlenker fallen darauf nicht rein. Sie benutzen selber die große Bühne zum Schaulaufen. Wer das Imponiergehabe von Alpha-Tierchen studieren will, hat in Buenos Aires genügend Gelegenheit. Dort wird sich ständig selbst der Rücken gekrault.

Aber Trump wird noch etwas anderes versuchen, um zu beeindrucken. Er wird seine Gegenüber bedrohen. Und auch für diesen Charakterzug gibt es einen schönen Trump-Satz. In einem Interview mit dem amerikanischen Starjournalisten Bob Woodward beschrieb er, was für ihn Macht ist. "Echte Macht, ich traue es mich gar nicht zu sagen, ist Angst."

Trumps Absage an Putin: Kein gutes Zeichen

Trump hat auch ein Gespräch mit dem Chinesen Xi - vielleicht das wichtigste Zusammentreffen auf dem Gipfel. Beide Länder befinden sich bereits mitten in einem Handelskrieg. Nun droht Trump, den ganzen Warenaustausch mit Zöllen zu belegen. Noch kurz vor seiner Abreise erklärten seine Mitarbeiter, dass die USA wirtschaftlich so stark seien, dass sie dieses Armdrücken mit den Chinesen gewinnen. Er will den Chinesen Angst machen. Noch scheinen die aber ziemlich unbeeindruckt. Denn sie halten weiter dagegen. Sollte die Eskalation nicht auf dem Gipfel gestoppt werden, ist die ganze Welt betroffen, und selbst die Bürger in Altötting würden spüren, wenn es in Buenos Aires kracht.

Das Treffen mit Putin hat Trump abgesagt. Offiziell will der US-Präsident den russischen Präsidenten wegen dessen Verhalten in der Ukraine-Krise abstrafen. Aber inoffiziell fliegt Trump gerade die Russland-Affäre daheim um die Ohren. Denn frühere Mitarbeiter verstricken sich immer mehr in ihren Lügen, um die Zusammenarbeit und Kontakte mit Russland zu verdecken. Dass es jetzt nicht zum Gipfel auf dem Gipfel kommt, ist kein gutes Zeichen. Denn der Abrüstungsvertrag über Mittelstreckenwaffen steht auf dem Spiel. Der US-Präsident will aus ihm aussteigen. Es fühlt sich an, als wäre der Kalte Krieg mit all seinen hässlichen Auswüchsen zurück auf die Weltbühne gekrochen. Figuren wie Trump und Putin sorgen nicht dafür, dass man sich sicherer fühlt. Vor allem weil auch hier Trump auf Angst setzt und mit massiver Aufrüstung droht. Und auch hier ist der Gegner, Wladimir Putin, ziemlich unbeeindruckt, was gerade auch sein jüngstes Verhalten in der Ukraine deutlich macht.

Vielleicht schließt sich ja hier der Kreis zur Geschichte um "The Apprentice" und Trumps Erzählung, die Nummer Eins zu sein. Der US-Präsident wird auch auf diesem Gipfel Ländern wie China und Russland erzählen, er sei stärker und sie müssten Angst haben. Lange Zeit stimmte das wohl. Die USA dominierten die Welt. Und die Welt glaubte das. Aber langsam zweifeln sie. Vor allem bei einem Präsidenten Trump fällt es selbst den Bündnispartnern schwer, die Führerschaft der USA ohne Murren anzuerkennen. Wir erinnern uns an das Lachen in der UN-Vollversammlung.

Und so könnte der G20-Gipfel lehrreich werden, weil wir in nur zwei Tagen erleben dürfen, wie die Welt sich neu sortiert. Verkauft Trump den Mächtigen noch einmal seinen Trick mit der Nummer Eins? Schafft er es, sie davon zu überzeugen, dass die USA immer noch stärker sind als alle anderen? Funktioniert das Grundprinzip der Angst als Macht?

Nur noch eine kleine Fußnote am Ende: Trumps TV-Show "The Apprentice" wurde nach zwölf Jahren wegen schlechter Quoten abgesetzt. Immerhin zwölf Jahre, aber alles hat seine Zeit. Nicht nur Fernsehsendungen, sondern auch Weltmächte können in die Jahre kommen.

Die Protagonisten des Gipfels:

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