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Nach Chaostagen von Hamburg - G20: Der lange Weg zurück ins normale Leben

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Immer wieder G20. Kein Einsatz, sagt Tobias Klein, ist danach so oft diskutiert worden. Mit Kollegen und Chefs bis zum Hamburger Polizeipräsidenten. Die Juli-Tage, als die Staatschefs kamen und die Schanze brannte, bleiben präsent. "Es reicht", so der Polizist. Doch es ist nicht vorbei.

Die Bilanz ist verheerend: Während des G20-Gipfels 2017 in Hamburg wurden mehr als 200 Polizisten verletzt. "ZDFzoom" beobachtete die linke Szene vor und während der Gipfelproteste.

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28 min
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Tobias Klein heißt eigentlich anders. Dass ein Polizeibeamter sich öffentlich äußert, passt nicht zu seinem Bild vom neutralen Staatsdiener in Uniform. Beim G20-Gipfel in Hamburg habe er doch nur seinen Job gemacht, sagt der 32-Jährige. Doch es war eben kein normaler Job. Es war der größte Polizeieinsatz, den es im Land je gab. 23.000 Polizisten im Einsatz, davon 6.000 Beamte in geschlossenen Einheiten. So etwas wird Klein bis zur Rente vielleicht nicht mehr erleben. Fragt man ihn heute, sechs Wochen später, nach diesen Tagen, sprudeln die Details. Straßennamen, Uhrzeiten, Gerüche, alles ist fest verankert. "Irgendwann muss man einen Cut machen", sagt Klein. Nur: Er gelingt nicht.

60 Stunden Dienst mit zwei Stunden Schlaf

Tobias Klein ist seit zehn Jahren Polizist, seit fünf bei der Landesbereitschaftspolizei. Als Hamburger, ortskundig und erfahren mit gewalttätigen Demonstranten, muss er mit seiner Hundertschaft beim G20-Gipfel da hin, wo es brennt. Auf gewaltbereite Gegner aus Europa hatte sich die Stadt vorbereitet. Auf die friedlichen Demonstranten auch, 60 Demonstrationen waren angemeldet. Dass das Treffen der Staats- und Regierungschefs Hamburg in einen Ausnahmezustand versetzen würde, war allen vorher klar. Am Ende gab es mehr als 700 verletzte Einsatzkräfte, verwüstete Straßen im Schanzenviertel, geplünderte Geschäfte und brennende Autos in Altona. Und eine andauernde Debatte darüber, warum es so gekommen ist.

Die Hundertschaft von Tobias Klein beginnt den Dienst am Donnerstagmittag, 12 Uhr. Er wird erst 60 Stunden später enden, drei Tage mit zweimal einer Stunde Schlaf. Dann zehn Stunden Pause und noch mal zwölf Stunden Dienst. 60 Kilometer werden sie in voller Uniform gerannt sein. Klein wird ein riesiges Hämatom an der Kniekehle haben, wo ihn ein Pflasterstein traf. "Uns war klar, dass wir wenig Schlaf bekommen", sagt Klein. "Uns war nicht klar, dass es so wenig wird."

Steine und Flaschen von rechts und von links

Klein steht mit seinen Kollegen gleich bei der ersten Demo, "Welcome-to-hell" von Aktivisten der Roten Flora, zwischen Wasserwerfern und dem schwarzen Block. Als Pyrotechnik fliegt, die Vermummten auf die Kaimauer flüchten und die Schaulustigen mitmischen, sind die Polizisten fast wie eingekesselt. "Es flogen Steine und Flaschen, von links und rechts, dazwischen der gelbe Rauch. Eine sehr hektische Situation." Die Beamten räumen die Straße, völlig egal, ob da noch ein friedlicher oder vermummter Demonstrant steht. "Man ist wie in einem Tunnel", sagt Klein.

Sie verfolgen die Vermummten, die in kleinen Gruppen in Richtung St. Pauli laufen. Ständig kommt über Funk, dass sich hier und dort Menschen zusammenschließen und die Polizei angreifen. Die mit bunten T-Shirts haben plötzlich schwarze an, die mit schwarzen sind plötzlich wieder bunt, es geht rasend schnell. "Wir sind nur noch von A nach B nach C gelaufen." Gute 25 Kilometer werden es an diesem heißen Sommertag gewesen sein, fast immer im Laufschritt. Das bekommt nicht jedem Beamten. Klein sieht die ersten Kollegen, die verletzt sind. Oder vor Erschöpfung zusammenbrechen, eine Infusion bekommen. "Das hat man in den letzten Jahren noch nie erlebt."

Dieser Hass: "Irgendwann nimmt man es persönlich"

Tobias Klein sagt oft man, wenn er ich meint. Als könne er so besser Abstand zu dem Erlebten halten, seine professionelle Distanz wahren. Am Ende des ersten Einsatztages, als der Vorgesetzte eine Stunde Schlaf ankündigt - "Ich dachte erst, das ist ein Scherz" - findet er kaum Ruhe. "Man war aufgewühlt." Die verletzten Kollegen und vor allem "diese Intensität des Hasses" beschäftigen ihn. "Ganz Hamburg hasst die Polizei", diesen Spruch hat er schon oft gehört, meist von Autonomen oder bei Fußballspielen. "Das geht da rein, da raus", sagt er und zeigt auf seine Ohren. Klein kennt die Hamburger linke Szene, die Ausschreitungen nach dem 1. Mai und dem Schanzenfest, er war auch in Gorleben im Einsatz.

Aber wenn der Hass so heftig ist und sich "die Bürgerlichen", wie er sie nennt, neben die Vermummten stellen? Scheinbar normale Leute, mit denen man sonst ein Bier trinken würde und für deren Schutz er einen Eid geschworen hat? "Irgendwann nimmt man das persönlich", sagt Klein. Bis heute fragt er sich, "warum so viele Menschen einen solchen Hass entwickeln und solch schwere Verletzungen in Kauf genommen haben". Eine Antwort findet er bis heute nicht.

"Wie im Krieg"

Hassgesänge und Steinbewurf, das wird sein Zug in diesen Gipfel-Tagen öfter erleben. 6 Uhr 54 fliegen die ersten Steine am zweiten Einsatztag, dem Freitag, "die Zeit hat sich mir eingebrannt". Die Demonstranten versuchen, die Straßen, die die Staats- und Regierungschefs von ihren Hotels zum Tagungsort nehmen müssen, zu blockieren. Das gelingt ihnen zum Teil auch. Klein und seine Kollegen laufen wieder von Kreuzung zu Kreuzung, um genau das zu verhindern oder die Straße zu räumen. Schlagstöcke und Pfefferspray kommen zum Einsatz. Dass andere Polizisten zur gleichen Zeit im Volkspark gewaltbereite G20-Gegner mit präparierten Feuerlöschern festsetzen, erfahren sie erst später. Auch dass es einigen gelingt, über Kleingärten nach Altona zu gelangen, wo sie wahllos Autos anzünden, Scheiben und Geschäfte zertrümmern. Die vielen Whatsapp-Nachrichten - "Geht es Dir gut?", "Was ist denn bei euch los?" - sieht Tobias Klein erst sehr viel später.

Er ahnt nicht, dass es an diesem Tag noch schlimmer kommen sollte. Klein und seine Kollegen werden am Abend zum Schanzenviertel beordert. "An der Stimme meines Chefs habe ich gehört, dass es nicht wie immer ist." Der Befehl lautet: Schanzenviertel abriegeln, aber nicht reingehen und in den Straßen vorrücken. Zu gefährlich für Polizisten. Zu gefährlich? Als Klein aus dem Mannschaftswagen steigt, muss er schlucken: "So habe ich die Schanze noch nie gesehen." Brennende Barrikaden, zwei, drei Meter hoch, die mit der Straße verschmolzen sind, herausgerissene Pflastersteine, die zu kleinen Mauern aufgetürmt sind. Überall Rauch, es riecht nach verbranntem Kunststoff. "Wie im Krieg", sagt Klein.

Lob, völlig ungewohnt

Gute drei Stunden kann der Mob sich austoben. Geschäfte werden zerstört und geplündert, Gullydeckel ausgehoben und Drahtseile gespannt, um den Polizisten Fallen zu stellen. "Einem Polizisten blutet das Herz, wenn rechtsfreier Raum entsteht", sagt Klein. Er hat Verständnis für die Wut der Anwohner, die um ihr Eigentum fürchteten und der Polizei ihr verzögertes Eingreifen vorwerfen. Zu warten, bis Spezialkräfte vor Ort sind, die vor allem die Dächer von Gewalttätern räumen, sei laut Klein "völlig richtig gewesen". Er könne nicht erkennen, dass die Polizeiführung etwas falsch gemacht habe. "Niemand ist zu Tode gekommen, niemand ist schwer verletzt worden, das muss man auch mal würdigen", sagt Klein.

Bis morgens um 6 Uhr wird er mit seinen Kollegen das Schanzenviertel räumen und Menschen aus den Bars rausholen, "Scheiß-Bullen"-Rufe inklusive. Zum ersten Mal erlebt er in der Schanze aber auch, dass Anwohner sich bei ihm bedanken, dass er und seine Kollegen wieder für Ruhe sorgen. Die Solidaritätswelle mit der Polizei tut gut. "Als Beamter in Uniform ist man immer Angriffsfläche, nach dem Motto: Jeder darf mal ran!" Jetzt bedanken sich Anwohner, schicken später Kuchen in die Unterkunft, spenden Freikarten für alles mögliche, die über die Deutschen Polizeigewerkschaft Hamburg, in der Klein Mitglied ist, verteilt werden. So ungewohnt ist das Lob, "dass ich gar nicht so richtig weiß, wie ich damit umgehen soll", sagt Klein. Nur die Einladung zu einem Werksbesuch bei Airbus mit zwei Kollegen hat er angenommen. "Damit ist es aber dann auch gut."

Endlich Urlaub

Nach dem Einsatz beim G20-Gipfel hat Klein erst einmal 14 Stunden durchgeschlafen. Alltag ist sechs Wochen danach wieder längst, unzählige Protokolle wurden geschrieben, Nachbesprechungen, Einsätze mit Vermummten beim DFB-Pokalspiel in Rostock gab es auch schon wieder. Es sind die Bilder, die bleiben. Die vom brennenden Hamburg, seinen verletzten Kollegen. "Das muss jeder irgendwie mit sich selbst ausmachen. Ich denke viel nach", sagt Klein. Heute macht er einen Betriebsausflug mit den Kollegen. Kanufahren, darauf freut er sich. Das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Hundertschaft sei seit dem Gipfel stärker, es habe sich bis heute gehalten. Am Freitag geht Klein in den Urlaub. Drei Wochen nach acht Monaten durcharbeiten. "Ich mache meinen Job einfach super gerne." Wie urlaubsreif er ist, merkt er erst jetzt.

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