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Galileo-Satelliten - EU-Bürokratie sorgt für langen Navi-Ausfall

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Eine Woche lang herrschte Funkstille im europäischen Satellitennavigationssystem. Die technische Ursache war banal. Aber die EU-Bürokratie verhinderte die rasche Wiederherstellung.

Satellit des europäischen Navigationssystems Galileo
Das europäische Satelliten-Navigationssystem Galileo ist wieder in Betrieb (Achivbild, Computersimulation)
Quelle: dpa

Ab dem 11. Juli 2019 ging nichts mehr im Galileo-Navigationssystem. Smartphones und Navigationssysteme in den Autos mussten auf das amerikanische GPS-System umschalten. In wenigen Fällen wichen die Geräte auch auf die Glonass-Navigation des russischen Verteidigungsministeriums aus.

Die Galileo-Satelliten sendeten einfach keine Daten mehr. Für den Betrieb des Galileo-Systems ist die in Prag ansässige European Global Navigation Satellite Systems Agency zuständig, kurz: GSA. Doch auch dort herrschte Funkstille. Die Anfragen besorgter Galileo-Nutzer blieben unbeantwortet.

Lediglich in einer kurzen Notiz auf der Website des Galileo-Service-Centers wurde lapidar mitgeteilt, dass es zu einem Ausfall des Systems gekommen sei. Zu Ursache und Länge des Ausfalls äußerten sich die Verantwortlichen zunächst nicht. Auch Anfragen bei der vorgesetzten EU-Dienststelle in Brüssel blieben unbeantwortet.

Galileo ist noch in einer Art Pilotphase

Eine Woche lang ging das so. Dann erst meldete das Service Center die Satelliten wieder als fehlerfrei einsatzbereit. Ziemlich rasch stellte sich heraus, dass die technische Störung relativ unbedeutend war, die hinter dem Totalausfall steckte, die administrativen Fehler dagegen enorm.

In der Bodenkontrollstation im italienischen Fucino war es nach ZDF-Informationen zu einer Störung des hochpräzisen Zeitsystems gekommen. Das kann mal passieren, sollte aber nicht zu einem Totalausfall des gesamten Galileo-Navigationssystems führen.

Mitglieder eines von der GSA eingesetzten "Review Boards" sollen klären, wie es zum Ausfall kam. Die zuständige EU-Agentur für Satellitennavigation betont, dass sich Galileo noch in der Phase der "Initial Services", also einer Art Pilotphase, befinde und man aus dem Vorfall für den Volllastbetrieb lernen wolle.

Koordinierungspanne der Stationen

Wenn ein Navigationssystem den Standort eines Nutzers bestimmen soll, wertet es die Signale von drei oder mehr Satelliten aus. Die Satelliten haben jeweils eine bestimmte Position im Weltall. Aus dieser Position, dem Sendezeitpunkt und den Signallaufzeiten kann dann der Standort des Nutzers auf der Erde bis auf wenige Meter genau berechnet werden.

Illustration eines Galileo-Satelliten.
Illustration eines Galileo-Satelliten (Archivbild)
Quelle: Pierre Carril/ESA/dpa

Dafür müssen die Uhren an Bord der Satelliten aber sehr genau gehen. Deshalb werden sie mit einem hochpräzisen Zeitmesssystem der Kontrollstation in Fucino synchronisiert. Das Zeitmesssystem in Fucino besteht aus einer Gruppe von Wasserstoff-Maser-Uhren und weiteren Atomuhren. Die messen die Zeit so genau, dass es erst nach neun Millionen Jahren zu einer Abweichung von einer Sekunde kommen könnte. Ein zweites baugleiches Zeitmesssystem steht im bayerischen Oberpfaffenhofen. Als die Ingenieure in Fucino bei Wartungsarbeiten eine Störung ihres Zeitmesssystems feststellten, wurde am Backup-System in Oberpfaffenhofen einem Insider zufolge Systemarbeiten durchgeführt. Das Service Center hatte demnach weder die Wartungsarbeiten in Fucino noch die Systemarbeiten in Oberpfaffenhofen ausreichend koordiniert.

Offiziell haben dazu weder die GSA Stellung genommen, noch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), das die Kontrollstation in Oberpfaffenhofen betreibt, noch die italienische Telespazio, die für den Betrieb des Kontrollzentrums in Fucino zuständig ist. "Kein Kommentar zum Ausfall von Galileo", hieß es aus den Pressestellen aller beteiligten Organisationen. Aber auch nach dieser Abstimmungspanne bei den Wartungs- und Softwarearbeiten, hätte es nicht zu einem Komplettausfall des Navigationssystems kommen müssen.

Komplettausfall wäre vermeidbar

Zwar verschlechtern sich die Navi-Signale für die Ortung, wenn die Atomuhren an Bord der Satelliten nicht mehr mit den Zeitmesssystemen der Kontrollstationen am Boden synchronisiert werden können. Die Ortungsgenauigkeit sinkt. Dennoch reicht die Signalqualität, um das Navigationssystem für einige Stunden ohne Zeitsynchronisierung in Betrieb zu halten. Doch dann hätte eines der Zeitmesssysteme in Fucino und Oberpfaffenhofen die Synchronisierungsarbeit rasch wieder aufnehmen müssen. Das aber unterblieb zu lange.

Mitarbeiter machen dafür die unnötig komplexen Strukturen und Geschäftsprozesse im Galileo-System verantwortlich. "Da gibt es ja nicht nur das DLR und Telespazio, die die Kontrollstationen betrieben, sondern neben dem Service Center in Prag eine Kopfstelle der GSA in Brüssel, und die muss sich wiederum mit dem Münchner Unternehmen Spaceopal als Generalunternehmer kurzschließen", beschreibt ein Galileo-Insider heute.de gegenüber die komplizierten Abläufe.

Streit über Notfallkompetenzen

"Außerdem haben sich dann auch noch die Europäische Weltraumagentur ESA und die zuständigen leitenden Mitarbeiter der EU-Kommission eingeschaltet", berichtet der für Telespazio tätige Experte. Die Situation wurde unübersichtlich, es gab demnach Streit über Notfallkompetenzen.

Im Ergebnis führte das dann zu einem einwöchigen Ausfall des Galileo-Navigationssystems. Experten urteilen, dass die Störungen am hochpräzisen Zeitmesssystem trotz der ersten Abstimmungspanne bei den Wartungs- und Systemarbeiten in weniger als sechs Stunden hätten behoben werden können.

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