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Gastgeberland vor dem WM-Start - Russland, der Fußball-Zwerg

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Trotz Heimvorteils geht die Gastgeberelf als großer Außenseiter in die WM. Dabei wäre der erhoffte Auftaktsieg gegen Saudi-Arabien auch wichtig für die Stimmung im Land.

WM 2018: Mannschaftstraining Russland
Stanislav Cherchessov beim Training der russischen Nationalmannschaft. Der seit rund zwei Jahren amtierende Trainer weiß, dass der geografische und auch politische Riese Russland als Fußball-Zwerg in die Heim-WM geht.
Quelle: epa

Die Ermahnung kam von höchster Stelle. Er erwarte, ließ Staatspräsident Vladimir Putin wissen, "dass das Team mit Würde spielt". Es war allerdings nur ein sanfter Druck, den Putin ausübte, als er die Mannschaft an ihre patriotische Pflicht erinnerte. Große Hoffnungen klangen dabei nicht an. Denn auch der Staatschef weiß, wie schwierig die WM-Mission für Russlands Elf geraten könnte.

An diesem Donnerstag eröffnet die Mannschaft des Gastgebers das Turnier gegen Saudi-Arabien, und zuweilen wird dabei auch an die knifflige Situation der deutschen Nationalmannschaft vor der WM 2006 erinnert, wenngleich dieser Vergleich ziemlich hinkt. Immerhin die Hoffnung, dass ein Auftaktsieg gegen Saudi-Arabien eine ähnliche Schubwirkung entfalten könnte wie Deutschlands 4:2 gegen Costa Rica vor zwölf Jahren in München, schwingt nun auch bei Russlands Mannschaft mit.

Russland muss gewinnen

Das ungleich größere Problem der Sbornaja wird allerdings erkennbar beim Blick auf die Ausgangslage, die sich für die deutsche Auswahl trotz einiger Defizite damals deutlich besser darstellte als nun für die russische. Diese startet als zweitschlechtester aller 32 Teilnehmer ins aktuelle Turnier. Nur der Auftaktgegner Saudi-Arabien rangiert noch weiter hinten in der Fifa-Weltrangliste, wenngleich diese umstritten ist. Gewinnt Russland nun nicht gegen die Saudis, könnten sich die düsteren Prognosen vieler Experten und Medien trotz des Heimvorteils bewahrheiten.

Nach zuletzt sieben sieglosen Testspielen bilanzierte der russische Sport Express bereits: "Alles ist schlecht." Das 1:1 bei der Generalprobe gegen die Türkei wertete die Zeitung als "Katastrophe, die in einem Albtraum enden könnte". Gemeint war ein Aus des Gastgebers nach der Gruppenphase, was in der Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaften bisher nur Südafrika 2010 unterlaufen war.

"Systematische Krise"

Es ist vor allem die Furcht vor einer sportlichen Blamage, die die Russen umtreibt, nach der Peinlichkeit, dass das flächendeckende Staatsdoping im Sport publik wurde. Trainer Stanislav Cherchesov hofft, nun nicht auch bei der vierten WM-Teilnahme Russlands seit dem Zerfall der Sowjetunion zum vierten Mal nach der Gruppenphase auszuscheiden. Auch bei den beiden jüngsten Europameisterschaften war jeweils nach drei Spielen Schluss. "Unser Fußball befindet sich in einer systematischen Krise", befand der frühere Nationaltrainer Valerij Gassajev. Als ein großes Problem wird dabei die mangelnde Nachwuchsförderung angeführt.

Nach dem klaren Aus bei der EM 2016 in Frankreich wendeten sich große Teile des russischen Publikums von der Mannschaft ab. Auch deshalb, weil zwei damalige Nationalspieler kurz darauf in Monaco eine wilde Partynacht feierten und dabei Champagner für 250.000 Euro bestellten. Einer davon war der zuletzt auch sportlich auffällige Alexandr Kokorin, der nun aber wegen eines Kreuzbandrisses ausfällt. Stattdessen sollen es junge Kräfte wie Spielmacher Alexandr Golovin, 21, und Aleksey Miranchuk, 22, richten. Von Letzterem steht auch Zwillingsbruder Anton im WM-Kader, in dem sich fast ausschließlich Spieler aus der russischen Liga befinden. Auch das erschwert die Bedingungen gegen die zumeist international erfahrene Konkurrenz. Für die Stimmung im Land wäre eine Enttäuschung gegen Saudi-Arabien oder ein frühes Aus kaum zuträglich.     

Cherchessov hat eine Vorahnung

Dabei schien die WM-Gruppe A nach der Auslosung einem Glücksfall für die Russen gleichzukommen. Neben Saudi-Arabien befinden sich noch Ägypten und Uruguay in der vermeintlich leichtesten Staffel. Das weiß auch Cherchesov, der einst als Torwart bei Dynamo Dresden zwischen den Pfosten stand und später beim FC Tirol unter dem heutigen Bundestrainer Joachim Löw spielte. Doch Russlands Nationalcoach ahnt, wie knifflig die Mission Heim-WM geraten könnte. Auf dem Papier sehe die Gruppe zwar machbar aus, befand er, "aber die Realität ist, dass du dann an diesem Tag und zu dieser Stunde bereit sein musst, den Gegner zu schlagen".

Genau daran bestehen Zweifel, wenngleich Cherchesov nach dem abschließenden 1:1 im Test gegen die Türkei beschwichtigte und Fortschritte in seiner Mannschaft erkannt haben wollte. Doch auch der seit rund zwei Jahren amtierende Trainer weiß, dass der geografische und auch politische Riese Russland als Fußball-Zwerg in die Heim-WM geht. Sollte Russland Turnierdritter werden, wie Deutschland 2006, wäre das eine Sensation. Der Einzug ins Achtelfinale ist das Ziel. Dieses zu erreichen, wäre schon ein Erfolg. Trotz des Heimvorteils und der Gruppe mit Saudi-Arabien, Ägypten und Uruguay.

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