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Gastkommentar zum 3.Oktober 2017 - Suche nach dem "Kompass unserer Werte"

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Respekt fordert er ein - und Werte. Roland Jahn, Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde, beschwört in seinem Gastkommentar die Gemeinsamkeiten von Ost und West. Und sucht Erklärungen für das Erstarken der AfD im Osten. "Wir haben den Kompass aus dem Blick verloren, der für unsere Gesellschaft die Richtung vorzeichnet."

Wieder ist es Zeit, sich an jenen Herbsttag zu erinnern, der fortan Tag der Deutschen Einheit heißen sollte. Der 3. Oktober 1990. Auch wenn es "nur" ein Tag war, an dem ein Vertrag in Kraft trat. Es war der Tag, an dem Deutschland wieder vereint wurde. 27 Jahre ist das nun her. Und doch scheinen wir jedes Jahr aufs Neue eher darüber nachdenken zu wollen, was uns noch trennt und nicht was wir gemeinsam angehen sollten. In diesem Jahr bietet der Ausgang der Bundestagwahl dazu den Stoff.

Beschwörung von Ost-West-Gegensätzen

Aber was will uns das Ergebnis der Wahl zum Zustand des vereinten Landes sagen? Ich bin mir nicht sicher, ob die Beschwörung von Ost-West-Gegensätzen nicht einfach auch nur eine eingeübte "Story"“ ist. Ich habe in den letzten Tagen zum Thema gegoogelt und bin mehrfach an Artikeln hängen geblieben, von denen ich erst im dritten oder vierten Absatz merkte, dass sie 1998 oder 2004 oder 2008 geschrieben waren.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Es ist unmöglich zu ignorieren, dass die größte Begeisterung für die populistische Bewegung von rechts gerade und ausgerechnet aus dem Osten des Landes kommt, aus den Regionen, die sich vor 28 Jahren endlich von einer Diktatur befreien konnten. Aber dazu darf man auch bemerken, dass in absoluten Zahlen gesehen der Westen bei der Wahl der AfD in den Bundesta

g die Nase vorn hat.

Gesonderte Betrachtung

Unzufriedenheit mit dem Status Quo, mit dem, was als "etabliert" bezeichnet wird, sie ist nicht nur eine Sache des Ostens, wenn auch dort proportional stärker. Was sich sonst noch in diesem Protest tummelt und was noch weiter rechts liegt, verlangt eine gesonderte Betrachtung.

Aber warum haben doch erstaunlich viele Mitbürger, denen man abnehmen darf, dass sie nicht alle Rechtsextremisten sind, eine Abneigung gegen das Geschaffene entwickelt? Für mich haben sie ein Stück weit den Kompass aus dem Blick verloren, der für unsere Gesellschaft die Richtung vorzeichnet. Und darüber müssen wir reden. Was sind unsere Werte?

Aus ideologischen Gründen zutiefst gestört

Das Verhältnis zwischen Staat und Bürger war in der DDR aus ideologischen Gründen zutiefst gestört. Die Zivilgesellschaft war mit viel Aufwand vertrieben worden, jede ihrer Regungen argwöhnisch verfolgt. Ein kleiner Rest von Kirche durfte bleiben. Die Partei verlangte Loyalität oder zumindest das Schauspiel derselben.

Die meisten passten sich dieser Zumutung an. Noch viel zu wenig haben wir uns diesem Alltag der Diktatur gestellt, zu wenig haben wir uns davon erzählt und uns offen darüber ausgetauscht. Auch darüber, wie die Menschen in der Bundesrepublik mit der SED-Diktatur umgegangen sind. Vor allem im letzten Jahrzehnt, so weiß ich aus eigenem Erleben, eher mit Gleichgültigkeit und Desinteresse.

Respekt vor den Biographien

Was hat die Beschneidung der Freiheit des Einzelnen, das Einknicken vor den Zumutungen der SED, die Bevormundung eines Staates für langfristige Folgen? Im Austausch darüber liegt eine Chance, den Respekt füreinander zu finden. Und auch den Respekt vor dem Geschaffenen und den Grundlagen des gemeinsamen Landes. In dem Respekt vor den Biographien liegt die Basis für unser Zusammenleben.

Denn eines ist auch gewiss: Es waren Bürger der DDR, die die Selbstbefreiung von der Diktatur als ein Geschenk an die gemeinsame Zukunft Deutschlands in die Vereinigung eingebracht haben. Dass so viele Menschen es geschafft haben, ihre Angst zu überwinden, das war die Grundlage für die Friedliche Revolution. Menschen im Osten Deutschlands haben mit ihrem Handeln den Mauerfall bewirkt und damit die Deutsche Einheit möglich gemacht. Im Herbst 1989 fanden die Menschen in der DDR den Mut, auf die Straße zu gehen. Ihr Ziel war Freiheit und Demokratie, Menschenrechte und Freizügigkeit. Sie waren es, die mit ihrem friedlichen Protest die Diktatur zu Fall brachten.

Leistung respektieren

Die Geschichte der deutschen Teilung und ihrer Überwindung war eine Entscheidung für Menschenrechte, für Werte, auf denen unsere gemeinsame Gesellschaft fußt. Sich davon inspirieren zu lassen, das sollte uns dieser Tag ins Gedächtnis rufen. Wir können uns am 3. Oktober der Werte vergewissern, die zur Einheit geführt haben. Er sollte uns eine Ermutigung sein, sich dafür einzusetzen, aber auch die Leistung der Menschen zu respektieren. Damals wie heute. In Nord und Süd, West und Ost.

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