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Gedenken an DDR-Volksaufstand - "Die halbe Macht der Diktatur ist die Angst"

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Nicht nur in Berlin, in der ganzen DDR wurde am 17. Juni 1953 gegen die SED-Diktatur protestiert. Vielerorts wird heute an die blutige Niederschlagung des Volksaufstands erinnert.

Der Volksaufstand am 17. Juni 1953 war der erste öffentliche Massenprotest im Machtbereich der Sowjetunion nach 1945. Die Demonstrationen und Kundgebungen an mehr als 700 Orten wurden schließlich zur Unterstützung von SED und Stasi von sowjetischen Panzern und Truppen aufgelöst. Mehr als 50 Menschen starben, Hunderte wurden verletzt, Tausende zu Haftstrafen verurteilt. 

Proteste von der Ostsee bis zum Thüringer Wald

Am Tag des DDR-Volksaufstands protestierten nicht nur in Berlin, sondern in vielen Orten von der Ostsee bis zum Thüringer Wald rund eine Million Menschen für bessere Lebensbedingungen, Demokratie, Freiheit und die deutsche Einheit. In Gera forderten Hunderte die Freilassung von Häftlingen. Sie waren vor die U-Haft-Anstalt der Stadt gezogen. Auch die Region rund um Mühlhausen war Schauplatz von Unruhen und Protesten der Landbevölkerung. Der Blick über Berlin hinaus in die Regionen lässt den 17. Juni 1953 viel differenzierter erscheinen.  

Beschäftigte des jenaer Schott-Werkes bei einer Kundgebung auf dem Firmengelände (SW-Fotoreproduktion) am 17.06.1953 in Jena
Beschäftigte des Schott-Werks protestieren auf Firmengelände.
Quelle: dpa

In Jena zogen Hunderte Arbeiter der Firmen Schott, Jenapharm und Zeiss zum Holzmarkt. Lautstark skandierte die Menge ihre Forderungen. Im Westberliner Sender Rias hörten sie auch in Jena gespannt die Berichte über die Streikaktionen der Berliner Arbeiter und vernahmen auch, dass in vielen anderen Städten der DDR gleichgerichtete Aktionen stattfanden.

Nicht einmal vier Jahre nach Gründung der DDR hatte sich enormer Unmut angestaut über die massiven Eingriffe der Sozialistischen Einheitspartei in das Leben der Menschen. Mit der Staatssicherheit wurde ein Überwachungs- und Unterdrückungsapparat errichtet. Anfang der 1950er Jahre gab es viele Verhaftungen und Enteignungen. Zahlreiche Menschen flohen vor der Repression in den Westen.

Demonstranten stürmen SED-Kreisleitung in Jena

In Jena drang am 17. Juni 1953 eine Arbeiterdelegation in die SED-Kreisleitung ein, um ihre Kritik dort direkt vorzutragen. Die Kreisleitung befand sich direkt am Holzmarkt im ehemaligen Hotel "Zum Deutschen Haus". Mit dabei war der 26-jährige Autoschlosser Alfred Diener. Als Teil einer dreiköpfigen Abordnung sollte er dem Ersten Sekretär der SED übermitteln, was die Arbeiter verlangten.

Die Delegation forderte den SED-Sekretär auf, ans Fenster zu treten, um vor den Massen persönlich Rechenschaft abzulegen. Als der sich weigerte, ging Alfred Diener ans Fenster. Später hieß es, er habe die Demonstranten aufgefordert, ins Gebäude zu kommen. Die SED-Kreisleitung wurde von den Demonstranten gestürmt.

Der emanzipative Geist der Bevölkerung brach sich Bahn - roh, chaotisch, ohne Führung.
Peter Wurschi, Thüringens Beauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Am 17. Juni entlud sich der Unmut, besonders bei vielen jungen Menschen. Peter Wurschi, der Beauftragte Thüringens zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, beschreibt die Situation so: "Der emanzipative Geist der Bevölkerung brach sich Bahn - roh, chaotisch, ohne Führung. Nur eben nicht mehr so weiter." Das "Nicht mehr so weiter" sei von vielen jungen Menschen mitgetragen worden, doch gerade in der jungen Generation habe die SED die Zukunft gesehen. "Von ihr erwarteten sie den Fortschritt, sie sollten den neuen sozialistischen Staat aufbauen", so Peter Wurschi. "Nur waren die jeweiligen Zukunftsideen eben nicht kompatibel."

Gedenken an Alfred Diener in DDR ein Tabu

Am Nachmittag kam es zur Konfrontation. Sowjetische Panzer und Soldaten erschienen in der Innenstadt von Jena. Acht Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs rollten wieder Panzer durch das Land. Die Soldaten feuerten Warnschüsse ab und trieben die Demonstranten auseinander. Zuerst wurde das Gebäude der SED-Kreisleitung geräumt. Die sowjetischen Soldaten nahmen acht Personen fest, darunter auch Alfred Diener.

Am nächsten Morgen wurde er ins Gerichtsgefängnis von Weimar zum sowjetischen Geheimdienst NKWD transportiert. Die sowjetischen Militärbehörden hatten den Befehl bekommen, sogenannte "Rädelsführer" standrechtlich zu erschießen und dies öffentlich zu machen. Alfred Diener wurde am Morgen des 18. Juni im Gebäude der sowjetischen Kommandantur hingerichtet. Daran zu erinnern, war in der DDR bis 1989 ein Tabu. Erst seit 1993 gibt es in Jena eine Alfred-Diener-Straße. 1995 erklärt der Generalstaatsanwalt der Russischen Föderation das Urteil für null und nichtig und Alfred Diener wird rehabilitiert.

Dunkler Schatten auf Leben in der DDR

Wolfgang Thierse im ZDF-Interview
Wolfgang Thierse
Quelle: ZDF

Die gewaltsame Niederschlagung des Aufstandes am 17. Juni 1953 warf einen langen dunklen Schatten auf das Leben in der DDR. "Die halbe Macht der Diktatur ist die Angst", sagt der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse im ZDF-Interview.

"Die Geschichte der DDR, der Menschen in den kommunistischen Ländern, war ja insgesamt auch eine Geschichte von bitteren Niederlagen", so Thierse. Die Niederschlagung der Aufstände in Polen und Ungarn 1956, der Mauerbau 1961, die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968, das Blutbad am Platz des Himmlischen Friedens in Peking - "das war wie eine eigene Niederlage".

Symbol des Aufbegehrens und der Repression

DDR-Bürgerrechtler Rainer Eppelmann im ZDF-Interview
Rainer Eppelmann
Quelle: ZDF

Der 17. Juni ist sowohl ein Symbol für das Aufbegehren als auch für die Repression in der Diktatur. In Thüringen ist er offizieller Gedenktag. 66 Jahre nach dem Aufstand verblassten die Erinnerungen, mahnt Peter Wurschi. Dabei war der demokratische Geist, der auch in der DDR nie erlosch, am 17. Juni in besonderer Weise zum Vorschein gekommen.

Der 17. Juni 1953 gilt als Zäsur in der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte, so wie sonst nur die "Friedliche Revolution" im Herbst 1989, wo wiederum Menschenmassen gemeinsam friedlich demonstrierten. Der DDR-Bürgerrechtler Rainer Eppelmann erinnert sich: "Unsere entscheidenden Worte waren auch im Herbst 1989 'keine Gewalt'. Wir dürfen ihnen keine Handhabe geben, dass die brutal gegen uns vorgehen können."

Wolfgang Thierse und Rainer Eppelmann im ZDF-Interview

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