Sie sind hier:

Gedenkstunde im Bundestag - "Sie sind ein starkes Bollwerk"

Datum:

Wenn das Unfassbare fassbar wird, ist es still im Bundestag. Der Historiker Friedländer erzählt bei der Holocaust-Gedenkfeier seine Geschichte. Der befürchtete Eklat bleibt aus.

In einer offiziellen Gedenkstunde im Bundestag hat der Historiker und Holocaust-Überlebende Saul Friedländer mit einer emotionalen Rede an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

Viel gefehlt hat nicht, dass die Eltern von Saul Friedländer den Holocaust überlebt hätten. Hätten sie bei ihrer Flucht in die Schweiz 1942 ihn, den damals neunjährigen Jungen, mitgenommen und ihn nicht vorher in einem französischen, katholischen Internat in Sicherheit gebracht, hätte die Schweizer Grenzpolizei die Familie vermutlich ins Land gelassen. Die Eltern wären nicht nach Auschwitz deportiert worden, wo die Nationalsozialisten sie nur wenige Wochen später ermordeten. Nur vier der 1.000 Menschen des gleichen Transportes in das Konzentrationslager erlebten das Kriegsende 1945.

Friedländer sieht weiter reale Gefahr für Juden

Wie auch Saul Friedländer. Der renommierte israelische Historiker, Kind deutscher Juden aus Prag und jetzt 86 Jahre alt, erzählte seine Geschichte heute im Bundestag bei der Gedenkstunde für die Opfer des Holocaust. Es war dieses Persönliche, was die Bundestagsabgeordneten sichtlich berührte. Und auch seine Zitate aus Briefen von damals. "Spätestens 1943", sagte Friedländer, "wussten Millionen Deutsche, dass Juden im Osten systematisch ermordet werden." Er sprach von der Unvorstellbarkeit der Juden selbst, die die Anzeichen des Holocaust nicht wahrhaben wollten. Von den rund 100.000 Menschen, die unter Lebensgefahr Juden halfen, versteckten, retteten. Von den anderen Opfern, den Behinderten, den Sinti und Roma und vielen anderen.

Es gehört zur Tradition des Bundestages, dass Zeitzeugen an diesem Tag im Bundestag sprechen und den Nachgeborenen von dieser Zeit berichten. Zur Mahnung. Und weil es die Aufgabe der heute politisch Verantwortlichen es ist, dass es nie wieder so weit kommt. Dass die Gefahr real besteht, machte Friedländer deutlich. "Der heutige Hass auf Juden ist ebenso irrational, wie er es schon immer war", sagte er im Bundestag. (Zu sehen in diesem Video:)

Beitragslänge:
25 min
Datum:

Schleichend würde der Antisemitismus von extrem Rechts und extrem Links eine Nation nach der anderen befallen. Und das führe dazu, dass das Existenzrecht Israels wieder in Frage gestellt werde. Ein Land, in das der Holocaust-Überlebende Friedländer 1948 auswanderte und das ihm "Heimat und ein Gefühl der Zugehörigkeit" gegeben hatte.  

"Selbstverständlich ist es legitim", so Friedländer, "die israelische Regierung zu kritisieren, aber die schiere Heftigkeit und das Ausmaß der Angriffe sind schlicht absurd." Deutschland, sagte er, sei heute "ein starkes Bollwerk" gegen die Gefahren, die die freiheitliche demokratische Grundordnung bedrohen. Die Juden, die Überlebenden des Holocaust hofften, "dass Sie die moralische Standfestigkeit besitzen, weiterhin für Toleranz und Inklusivität, Menschlichkeit und Freiheit, kurzum, für die wahre Demokratie zu kämpfen".

Schäuble: Nicht rütteln an der Erinnerungskultur

Wohl alle der anwesenden Bundestagsabgeordneten dürften den Appell Friedländers innerlich unterstrichen haben. Sie bedankten sich für seine Rede mit einem langen Applaus im Stehen. Dass seine Sorgen nicht unberechtigt sind und der Kampf gegen den Antisemitismus immer noch nötig ist, zeigen die Ereignisse der vergangenen Wochen, die nicht unbedingt alle miteinander etwas zu tun haben, die das Klima in diesem Land aber ändern könnten. Angriffe auf Juden, die im Vergleich zu den Vorjahren zunehmen. 40 Prozent der Jugendlichen, die mit Auschwitz und Holocaust nur noch wenig anfangen können, eine AfD-Fraktion in Thüringen, die bei einer Gedenkfeier im Konzentrationslager Buchenwald unerwünscht ist. Eine AfD-Fraktion im bayerischen Landtag, die eine Gedenkfeier empört verlässt. Und ein Thüringer AfD-Vorsitzender, der eine neue Erinnerungskultur will und das Holocaustmahnmal in Berlin als "Mahnmal der Schande" bezeichnet.

Um diese Fakten aus Deutschland 2018/2019 ging es Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, als er mahnte: Erinnerungskultur sei nicht allein Sache der Zivilgesellschaft. "Sie ist staatliche Aufgabe, wer daran rütteln wollte, legt Hand an den Grundfesten dieser Republik." Keine Nation könne sich ihre Geschichte aussuchen oder abstreifen. "Aus der deutschen Schuld erwächst unsere Verantwortung, nicht vergessen zu wollen", sagte Schäuble. Filme, wie die gerade wiederholte US-amerikanische Fernsehserie "Holocaust", dürften die Vermittlung der Fakten nicht überdecken. "Auch der emotionale Zugang zum Holocaust ist nicht zu trennen von Wissen." Beschämend sei es, dass aufgrund von Anfeindungen und Überfällen Juden heute wieder überlegten, Deutschland zu verlassen. "Scham allein aber reicht nicht", sagte Schäuble. Es brauche neben der "Härte der Gesetz vor allem im Alltag unsere Gegenwehr. Gegen Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung aller Art", mahnte er im Bundestag:

Beitragslänge:
22 min
Datum:

Eklat bleibt aus

Auch Schäuble bekam für seine Rede viel Applaus. Wer auf einen Eklat wie im Bayerischen Landtag wartete, dass etwa die AfD-Fraktion empört den Saal verlässt, wartete vergeblich. Die Abgeordneten reihten sich heute in das übliche Geschehen des Parlamentes ein. Auf ihrer Seite waren nicht weniger freie Plätze als bei den anderen. Sie hörten zu, auch Fraktionschef Alexander Gauland las und blätterte nicht in seinen Aktenbergen, die er wie sonst auch auf seinem Pult auftürmte. Man applaudierte, wenn die anderen applaudierten. Man stand auf, wenn die anderen aufstanden. So einfach ist es dann eben doch nicht.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um Ihnen ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier können Sie mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.