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heute.de-Interview - "Gefahr durch Salafisten größer denn je"

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Die Islam-Expertin Schröter warnt vor einer Generation von Kindern, die in salafistischen Familien aufwachsen. Gegen radikale Ideologien könnten Sozialarbeiter kaum ankämpfen.

Archiv: Mit seiner Jacke verdeckt ein Mann sein Gesicht, aufgenommen am 31.01.2015 in Frankfurt
Jugendliche sind besonders anfällig für radikale Ideologien, sagt Susanne Schröter.
Quelle: dpa

heute.de: Der IS ist auf dem Rückzug, Assad scheint den Bürgerkrieg in Syrien zu gewinnen. Ist das Thema Salafismus damit erledigt?

Susanne Schröter: Nein, die Gefahr ist für uns in Deutschland größer denn je. Nach Angaben des Verfassungsschutzes hatten wir noch nie so viele Salafisten und Gefährder wie jetzt. Also Leute, denen man Anschläge zutraut. Was mir besonders Sorge macht: In Deutschland wächst eine Generation von Kindern mit extremistischen Werten heran.

heute.de: Von wie vielen salafistischen Kindern gehen Sie aus?

Prof. Schröter
Susanne Schröter ist Direktorin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam und Professorin am Institut für Ethnologie der Goethe-Universität Frankfurt/Main.
Quelle: Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam

Schröter: Es gibt keine verlässlichen Zahlen, aber die salafistische Ideologie zielt darauf ab, viele Kinder zu bekommen. Diese sollen in der salafistischen Ideologie erzogen werden. Im Internet kann man Stoffpuppen bestellen, die Männer in Kämpfermontur und vollverschleierte Frauen zeigen. Die Kinder sollen damit eine salafistische Familie nachspielen. Dass schon sehr junge Jugendliche Anschläge planen können, wissen wir von mehreren Fällen wie dem eines Zwölfjährigen in Ludwigshafen oder dem Attentat von Sechszehnjährigen auf ein Sikh-Heiligtum in Essen.

heute.de: Warum sind gerade Jugendliche für den Salafismus anfällig?

Schröter: Die Jugend ist das Alter, in dem man rebelliert, sehr risikobereit ist und die Welt auf den Kopf stellen will. Jugendliche sind grundsätzlich anfällig für radikale Ideologien – egal ob Rechts- oder Linksextremismus oder nationalistische Bewegungen. Jugendliche sind eben am leichtesten zu begeistern.

heute.de: Ob ich aber mit Che Guevara sympathisiere oder plötzlich eine Burka trage und in den Krieg ziehen will, macht aber einen Unterschied.

Schröter: Ja, es handelt sich um eine totalitäre Bewegung, die jede Art der Freiheit abschaffen und alle Menschen unter ein Regelsystem zwingen will, das den Menschenrechten und unserem Lebensstil fundamental widerspricht. Frauen sollen aus der Öffentlichkeit verschwinden, sich komplett verschleiern und müssen den Ehemann mit anderen Frauen teilen. Aber auch für junge Männer bedeutet der Salafismus Einschränkungen: kein Alkohol mehr, keine Partys mehr, fünf Mal am Tag beten.

heute.de: Und warum lassen sich Jugendliche darauf ein - obwohl der Salafismus Vieles verbietet, was Spaß macht?

Schröter: Das hat mit Anerkennung zu tun. Wenn junge Leute auf salafistische Gruppen stoßen, dann haben sie sofort Freunde, fühlen sich aufgehoben, haben eine Gruppe, die glaubt, besser zu sein als andere. Ein Mechanismus, den wir von Sekten kennen: Man fühlt sich als Teil einer neuen Elite und eines großen Projektes. Das verschafft Anerkennung.

heute.de: Das mit dem sich Wohlfühlen dürfte aber schnell vorbei sein.

Schröter: Zumindest, wenn man einen eigenen Kopf hat und von der vorherrschenden Meinung innerhalb der Gruppe abweicht. Eigenes Denken, das ist bei Salafisten nicht erwünscht. Sie sollen sich Regeln unterwerfen, die Gott angeblich erlassen hat und nichts hinterfragen. Aber trotzdem bleibt die Bewegung attraktiv, selbst für junge Frauen.

heute.de: Obwohl die Frau im Salafismus nichts zu melden hat, oder?

Schröter: Muslimische Mädchen leiden oft darunter, dass sie in der Familie benachteiligt werden. Ihre Brüder dürfen ausgehen, die Mädchen müssen zuhause bleiben. Wenn sie in einer salafistischen Gruppe sind und sich in der Moschee treffen, lassen die Eltern sie gehen. Sie erweitern ihren Freiraum. Außerdem erwerben sie religiöses Wissen und können damit auftrumpfen, sogar die Älteren belehren. Das ist ein enormer Machtzuwachs. Auch innerhalb der salafistischen Gruppen können Frauen eine geachtete Position erhalten, wenn sie die Ideologie beherrschen.

heute.de: Wie rekrutieren die Salafisten in Deutschland?

Schröter: Viel läuft übers Internet, aber auch über Freundeskreise oder radikale Predigten und so genannte Islam-Seminare, die Salafisten in Moscheen anbieten. Häufig werden religiöse Programme mit Freizeitangeboten vermischt. Es geht nicht nur ums Beten, sondern auch um Fußball, Fitness, Pizza essen.

heute.de: Was kann die Gesellschaft machen, um Salafisten zu bekämpfen?

Schröter: Das richtige Rezept haben wir noch nicht gefunden, denn obwohl es viele Präventionsprojekte gibt, steigt die Anzahl der Salafisten und auch die der Gefährder. Das Problem ist, dass man nur selten alle Ursachen des Problems in den Blick nimmt und die radikale Ideologie nicht zielgerichtet bekämpft. Viele Anbieter von Präventionsmaßnahmen tun so, als ob es mit sozialarbeiterischen Maßnahmen oder Anti-Rassismus-Kursen getan wäre.

heute.de: Wozu würden Sie Innenminister Seehofer raten?

Schröter: Offensichtlich hat die Integration vieler Muslime selbst bei denjenigen nicht geklappt, die hier geboren und aufgewachsen sind. Das muss sich ändern, denn Parallelgesellschaften sind der Nährboden für Extremismus. Es kann nicht sein, dass türkischstämmige Jugendliche in der dritten Generation in Deutschland ernsthaft der Ansicht sind, dass islamische Regeln wichtiger sind als deutsche Gesetze. Dass junge Muslime den Westen für unmoralisch und gottlos halten und sich abschotten. Die Fehler aus der Vergangenheit lassen sich nicht über Nacht korrigieren, aber man muss daran arbeiten. Außerdem müssen wir aufpassen, dass sich so etwas nicht wiederholt und sich beispielsweise die Falschen um die vielen Geflüchteten kümmern.

heute.de: Was meinen Sie mit "die Falschen"?

Schröter: Damit meine ich konservative islamische Vereine und Verbände, deren Mitglieder selbst schlecht integriert sind. Ihnen hat man vielerorts die Betreuung der Flüchtlinge mitverantwortet. Das halte ich für sehr problematisch. Der Staat sollte diese Aufgabe wieder selbst in die Hand nehmen.

heute.de: Wie gehen Sie mit dem Spagat um: einerseits Strömungen im Islam zu kritisieren, andererseits keine Ressentiments zu schüren?

Schröter: Es bringt nichts, wenn man Probleme schönredet oder stiefmütterlich behandelt. Wir müssen Klartext reden, aber auch in aller Deutlichkeit sagen: Es geht nicht um den Islam, sondern um religiös begründeten Extremismus. Und damit sind wir Seite an Seite mit all den Muslimen, die vorbehaltlos zum Grundgesetz und zu unserer Gesellschaft stehen.

Das Interview führte Raphael Rauch.

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