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Berlin trägt Kippa - Für Selbstreflexion und Solidarität

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Die Prügelattacke auf einen Israeli in Berlin sorgt für Entsetzen. Antisemitismus ist wieder Thema in Deutschland. Jetzt sei Solidarität gefordert, betont Rechtsanwalt Lagodinsky.

Sergey Lagodinsky von der Jüdischen Gemeinde Berlin fordert Selbstreflexion.

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Dass nur eine Person bei dem jüngsten antisemitischen Übergriff in Prenzlauer Berg eingeschritten sei, sagt Sergey Lagodinsky von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin im ZDF, "ist ein Zeichen, dass irgendetwas bei uns nicht stimmt". Gerade in Metropolen komme es vermehrt zu Kontakt zwischen Juden und Migranten, und dieser entlade sich sehr häufig in gewalttätigen Angriffen.

"Problem bei der Wahrnehmung"

Im ZDF-Morgenmagazin machte er dennoch auf "ein Problem bei der Wahrnehmung" aufmerksam: Viele Menschen aus bestimmten Kulturkreisen – "gerade aus der Region" -  hätten ein anderes Verständnis von Auseinandersetzung. "Über die Art und Weise, wie man Konflikte miteinander löst. Wie man mit Gewalt umgeht, wie man über Juden und Israel spricht." Dies wurzelt aber nicht immer in der Religion, so Lagodinsky weiter, sondern vielmehr im politischen und kulturellen Kontext, in dem sie aufgewachsen sind.

Von der Gesellschaft fordert Lagodinsky mehr Selbstreflexion: "Wo reproduziere ich, gewollt oder ungewollt, vielleicht auch Vorurteile, ob gegen Juden, gegen Muslime, gegen Christen oder Roma?" Insbesondere forderte er auch Fortbildungen für Lehrerinnen und Lehrer, um schon in der Schule für das Thema zu sensibilisieren.

Schuster appelliert an Muslimverbände

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, mahnte ebenfalls ein breiteres Engagement gegen alle Formen von Antisemitismus an. "Es darf keine Toleranz für Intoleranz geben", sagte Schuster. "Neben Politik und Gesellschaft sehe ich auch die Religionsgemeinschaften in der Verantwortung. Gerade die muslimischen Verbände sollten klar und unmissverständlich gegen den Antisemitismus in den eigenen Reihen vorgehen", forderte er.

Jedoch könne jeder Bürger etwas tun. "Jeder und jede kann Einspruch erheben gegen Judenhass - ob am Arbeitsplatz, in der U-Bahn, auf dem Fußballfeld oder im Freundes- und Familienkreis", so Schuster. Der Zentralrat fordere alle Menschen in Deutschland auf, sich solidarisch mit der jüdischen Gemeinschaft zu zeigen und einzuschreiten, wenn Juden beleidigt, verhöhnt oder gar angegriffen werden.

Aus Solidarität eine Kippa

Außenminister Heiko Maas rief dazu auf, Opfer von Antisemitismus nicht alleine zu lassen. "Wir dürfen niemals zulassen, dass Antisemitismus in Deutschland wieder alltäglich wird", sagte der SPD-Politiker dem "Tagesspiegel". "Wenn junge Männer bei uns bedroht werden, nur weil sie eine Kippa tragen, müssen wir deutlich machen: Sie sind nicht allein." Jeder Angriff auf jüdisches Leben in Deutschland richte sich "gegen uns alle", erklärte der Außenminister. Grundsätzlich gelte: "Niemand darf bei uns wegen seiner Herkunft, seiner Hautfarbe oder seiner Religion diskriminiert werden."

Gut eine Woche nach einem Angriff auf einen jungen Israeli in Berlin sind am Mittwoch in mehreren deutschen Städten Aktionen gegen Antisemitismus geplant. In der Hauptstadt ruft die Jüdische Gemeinde für den Abend (18 Uhr) zu einer Kundgebung "Berlin trägt Kippa" auf. Die Teilnehmer werden gebeten, aus Solidarität eine Kippa zu tragen, die traditionelle religiöse Kopfbedeckung der Juden. Auch vor dem Kölner Dom, in Potsdam und in Erfurt wollen Menschen gegen Antisemitismus demonstrieren.

Zentralrat nimmt Gesellschaft in die Pflicht

"Ich wünsche mir, dass viele Menschen Flagge bekennen und rufe sie dazu auf, eine Solidaritätskundgebung in ihrer Stadt zu besuchen", sagte Schuster. "Denn es ist Aufgabe der gesamten Gesellschaft, sich gerade auch im Alltag gegen Antisemitismus zu engagieren."

Anlass für die Aktionen ist ein Vorfall im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg am 17. April, der bundesweit für Entsetzen sorgte. Ein 21-jähriger Israeli und sein Freund wurden von drei arabisch sprechenden Männern antisemitisch beschimpft. Einer der Männer schlug mit einem Gürtel auf den 21-Jährigen ein. Der mutmaßliche Täter sitzt mittlerweile in Untersuchungshaft. Es handelt sich um einen Palästinenser aus Syrien, der seit 2015 in Deutschland lebt.

Liberale Moschee unterstützt #WirsindauchJuden

Bei der Berliner Kundgebung vor dem Haus der Jüdischen Gemeinde in der Fasanenstraße im Stadtteil Charlottenburg wird neben Schuster auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) reden. Mehrere Parteien haben dazu aufgerufen, die Solidaritätsaktion zu unterstützen. Es gibt in Berlin auch andere Aufrufe, um Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen. So unterstützt die Gründerin einer liberalen Moschee, Seyran Ates, die Online-Aktion #WirsindauchJuden. Menschen posten dabei Bilder, auf denen sie Kippa tragen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte nach dem Vorfall in Berlin neue Formen des Antisemitismus' beklagt, der von Flüchtlingen oder Menschen arabischen Ursprungs nach Deutschland gebracht worden sei. Antisemitismus habe es aber auch schon zuvor in Deutschland gegeben.

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