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Diskutieren und positionieren - Wie man Rassismus im Alltag begegnet

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Eine fremdenfeindliche Beleidigung in der Tram. Ein rassistischer Spruch von einem Freund. Und die Frage: Wie verhalte ich mich in so einer Situation? Antworten von einem Experten.

Archiv: "Kein Platz für Rassismus!" steht auf einem Ballon, aufgenommen am 14.07.2018 in Berlin
"Kein Platz für Rassismus!" - was bei der Umsetzung dieser Botschaft hilft, erklärt Timm Köhler.
Quelle: dpa

heute.de: Herr Köhler, Sie helfen Menschen, die Rassismus unterbinden möchten. Was machen Sie persönlich, wenn Ihnen Fremdenfeindlichkeit im Alltag begegnet?  

Timm Köhler: Ich öffne dann in meinem Kopf mein Positions-Dreieck. Das heißt: Ich überlege, was Sinn ergibt. Zu diskutieren, Argumente auszutauschen? Sich zu positionieren? Oder wende ich mich erst einmal an Dritte und hole Hilfe? Das ist auch möglich, wenn die Situation für mich alleine erst einmal zu gefährlich ist.

heute.de: Ab wann sagen Sie denn: "Hier brauche ich Hilfe, das ist mir zu heikel"?

Köhler: Aggressives Auftreten, Pöbeln oder rechtsextreme Sprache weisen darauf hin, dass Diskussionen sinnlos sind - oder sich allein aus Sicherheitsgründen verbieten. In solchen Fällen empfehle ich, sich entweder zu positionieren oder um die Betroffenen zu kümmern.

heute.de: Wie sieht das konkret aus? Wenn Sie sich einmal folgende Situation vorstellen: Eine Familie aus dem Ausland wird in einer U-Bahn rassistisch beleidigt. Wie positionieren Sie sich da?

Köhler: Da gibt es zwei Möglichkeiten. Ich kann mich entweder mit der rassistischen Person auseinandersetzen. Oder ich solidarisiere mich mit den Betroffenen. Ich könnte mich zum Beispiel zu der Familie setzen und mit ihr über Gott und die Welt reden oder ob wir ein Stück zusammen fahren wollen. Ich kann aber auch direkt auf die beleidigende Person zugehen, und kurz und knapp - aber nicht aggressiv oder konfrontativ - sagen: "Bitte hören Sie auf. Ich möchte das nicht!" Beides ist sinnvoll. Wir sollten es nur nicht mischen, denn sonst ziehen wir die Betroffenen in die Auseinandersetzung hinein.

heute.de: Beides kann aber auch gefährlich sein. Gerade wenn die Beleidigungen aus einer Gruppe herauskommen.  

Köhler: Wenn die Situation in irgendeiner Weise bedrohlich ist, kann ich immer noch Mitreisende ansprechen: "Haben Sie das auch gehört? Können wir hier gemeinsam intervenieren?" Oder ich sage direkt: "Können Sie bitte die Polizei rufen und mir helfen, dieser Familie beizustehen?" Aber Gruppensituationen an sich sind schwierig.

heute.de: Inwiefern?

Köhler: Wenn ich zum Beispiel im Freundeskreis einer Gruppe gegenüber stehe, die sich sehr einig ist in ihrem Weltbild - etwa in der Ablehnung einzelner Gruppen unserer Gesellschaft -, dann ist es häufig sehr schwer, dagegen anzudiskutieren, weil die Gruppe sich immer gegenseitig bestärken wird. Da kann ich mich höchstens positionieren - oder Einzelne aus der Gruppe gezielt ansprechen, wenn ich das Gefühl habe, dass die vielleicht doch anderer Meinung sein könnten.

heute.de: Wie würden Sie so eine Diskussion beginnen?

Köhler: Grundsätzlich will ich herausfinden, worum es ihm oder ihr gerade geht. "Warum sagst du so etwas?" Das ist die Haltung. Auf der Ebene der Sprechtechniken würde ich dann vor allem mit Fragen arbeiten. Gerade wenn ich überrascht bin, kann ich erst einmal nachhorchen: "Wie bitte? Was hast du gesagt?" Ich kann mein Gegenüber bitten, das zu wiederholen, um mir selbst Zeit zu verschaffen - und subtil ein erstes Stoppzeichen zu setzen. Darauf kann ich anschließend aufbauen. "Warum sagst du das?" Bis hin zu: "Bist du selbst betroffen? Bist du wütend?"

Kurz: Ich will die Motivation hinter den fremdenfeindlichen Aussagen klären, Missverständnisse vermeiden und zum Kern der Sache vordringen. Fühlt sich mein Gegenüber im Leben selbst ungerecht behandelt und kriegt zu wenig Aufmerksamkeit, kann ich darüber sprechen. Und muss nicht über den Themenkomplex Flucht, Migration und Rassismus sprechen.

heute.de: Mal abgesehen von den Fragen: Mit welchen Argumenten kann ich denn punkten?

Köhler: Sachargumente wirken meist wenig. Den meisten geht es nicht um Fakten, sondern um Emotionen. Da ist für jemanden seit Jahrzehnten das deutsche Volk wichtiger als alles andere auf der Welt. Diese Werte kann ich nicht ohne Weiteres umstoßen. Grundsätzlich kann ich aber zwei Strategien verfolgen.

heute.de: Welche wären das?

Köhler: Einerseits können wir entdramatisieren, ohne zu verharmlosen. Da sagen wir zum Beispiel: Migration fand schon immer statt, findet statt und wird immer stattfinden. Migration war auch immer von Konflikten begleitet. Auch in Deutschland, als nach dem Zweiten Weltkrieg 13 Millionen Menschen auf der Flucht waren. Auch da gab es massive Ablehnung. Aber unsere Gesellschaft ist dadurch nicht untergegangen. Im Gegenteil: Sie ist offensichtlich damit klargekommen – und stärker geworden.

Außerdem kann ich immer die Perspektive von Migranten reinholen, die von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit betroffen sind. Da kann ich die Fluchtgründe erläutern, aber auch erklären, was es bei Migranten auslöst, wenn sie rassistisch beleidigt werden. Nämlich Angst – und das Gefühl, nicht dazuzugehören. Da wird nämlich der Rassist zum Integrationsverweigerer, dessen Prophezeiung sich selbst erfüllt. Weil Integration nicht gelingen kann, wenn Ablehnung und Hass in der Gesellschaft dominieren.

heute.de: Wie viele Menschen lassen denn auf so einer Ebene mit sich reden? Gerade überzeugte  Rassisten, die vielleicht sogar in der rechtsextremen Szene verwurzelt sind, haben schließlich eine verfestigte Ideologie.

Köhler: Diese Diskussionen, Haltung zu zeigen, das ist sehr wichtig. Das möchte ich hier einmal unterstreichen. Natürlich muss die Situation passen. Aber gerade bei Personen, die mir nahestehen, zu denen ich einen Zugang habe, habe ich eine echte Chance, eine große Wirkung zu erzielen. Zum einen, weil die Personen so Widerspruch erfahren. Das ist wichtig, damit sie nicht denken, sie verträten die Gesamt-Meinung in Deutschland. Zum anderen, weil ich mit der Zeit auch Widerhaken im Kopf setzen kann – die dann vielleicht langfristig zum Meinungswandel führen. Und drittens, weil ich so möglicherweise auch Zuhörende oder, im Internet, Mitlesende erreiche und sie zum Widerspruch gegen rechte Positionen ermutige.

Das Interview führte Kevin Schubert. Der Autor auf Twitter: @waskevinsagt.

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