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Krisentreffen in Berlin - Der Windkraft geht die Puste aus

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Der Ausbau der Windkraft stockt. Gründe sind Genehmigungsstau, hohe Auflagen und der Widerstand von Bürgern. Wenn das so bleibt, sieht es für die deutschen Klimaziele düster aus.

Der Ausbau der Windenergie ist ins Stocken geraten, und das gefährdet den Erfolg der Energiewende. Bundeswirtschaftsminister Altmaier hat zum Windgipfel geladen, um Probleme wie zu lange Genehmigungsverfahren mit Kommunen, Ländern und Branche zu klären.

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Wie bestellt und nicht abgeholt stehen acht Zement-Fundamente auf den Feldern zwischen Wargolshausen und Wülfershausen an der Saale. Von Kränen und Arbeitern keine Spur. Turmsegmente liegen abgezäunt daneben. Eigentlich sollte hier in Unterfranken längst ein Windpark mit 13 fast 200 Meter hohen Anlagen in die Höhe wachsen. Seit der Bayerische Verwaltungsgerichtshof im Frühjahr einen Baustopp verhängt hat, liegt das Projekt aber auf Eis. Schon wieder. Erst im November 2018 waren die Bauarbeiten nach langer Zwangspause wieder angelaufen.

Lahmender Ausbau

Baustopp: Das Fundament eines Windrads bei Wargolshausen in Unterfranken
Baustopp: Das Fundament eines Windrads bei Wargolshausen in Unterfranken
Quelle: Mark Hugo/ZDF

Der Windpark taugt dabei fast als Symbol für den lahmenden Ausbau der Windenergie an Land. Denn im ersten Halbjahr 2019 ist der im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 82 Prozent eingebrochen, so rechnet der Bundesverband Windenergie (BWE) vor. Bundesweit habe sich die Zahl der Windanlagen nur um 35 erhöht - der schlechteste Wert seit dem Jahr 2000. Deutschland sei von der Überholspur auf den Standstreifen gewechselt, beklagte vergangene Woche der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK).

Und das, obwohl Deutschland bis 2022 aus der Atomenergie aussteigen will, bis 2038 möglichst auch aus der Kohleverstromung. Bis dahin muss ausreichend Ersatz geschaffen sein, fordert die Industrie. "Versorgungssicherheit ist für alle Unternehmen entscheidend - vom Konzern bis zum Ein-Mann-Betrieb", so DIHK-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks. Eigentlich sind die Ziele der Bundesregierung eindeutig: Bis 2030 soll der erneuerbare Anteil am Stromverbrauch auf 65 Prozent steigen. 2018 lag er bei 37,8 Prozent.

Ohne einen deutlich stärkeren Windkraft-Ausbau sei das ebenso wenig zu erreichen wie die Klimaziele von Paris, meint Professor Volker Quaschning von der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin. "Wir haben in Deutschland derzeit etwa 14 Prozent des gesamten Energiebedarfs, der durch erneuerbare Energien gedeckt wird", sagt er und rechnet dabei neben Strom auch zum Beispiel den Verkehrssektor mit ein. Der Anteil der regenerativen Energien müsste nach seiner Überzeugung versiebenfacht werden.

Hohe Auflagen, sinkende Akzeptanz

Protest gegen Windkraft im unterfränkischen Wargolshausen
Protest gegen Windkraft im unterfränkischen Wargolshausen
Quelle: Mark Hugo/ZDF

Gründe für den lahmenden Ausbau gibt es mehrere: Ein neues Ausschreibungsverfahren sorgt dafür, dass kleinere Akteure nicht mehr mithalten können. Vor 2018 waren es oft von örtlichen Bürgern getragene Windparks, die den Ausbau vorangebracht hatten. Denen fehlen nun aber oft das Geld und die Ausdauer. Die Branche klagt außerdem über einen Genehmigungsstau. Darin stecken laut BWE derzeit 11.000 Megawatt Wind an Land fest. Behörden sind offenbar überfordert, oft verunsichert. Die Verfahren dauern monate-, manchmal jahrelang. Vielen Akteuren geht die Puste aus.

Dazu kommen Auflagen wie Höhenbegrenzungen und Abstandsregelungen. In Bayern etwa gilt grundsätzlich, dass die Windanlage zehnmal so weit von der nächsten Wohnbebauung entfernt sein muss, wie sie hoch ist. Bei einer Höhe von 200 Metern sind das zwei Kilometer. Das schränkt die Zahl der möglichen Standorte drastisch ein. In einem diese Woche veröffentlichten Zehn-Punkte-Plan fordern Branchen- und Umweltverbände – darunter der WWF und Greenpeace – Hemmnisse abzubauen und die Verfügbarkeit von Flächen zu erhöhen. Es brauche ein "klares Bekenntnis" von Bundesregierung, Bundestag und Ländern zum Ausbau.

Und dann ist da schließlich noch die sinkende Akzeptanz in der Bevölkerung. Mehr als 300 Windenenergieanlagen würden derzeit beklagt, hat die Fachagentur Windenergie im Juli bei einer Branchenumfrage herausgefunden - am häufigsten aus Artenschutzgründen. "Wir haben hier ein großes Vorkommen an vielen artengeschützten, gefährdeten Tierarten wie den Rotmilan, die Wiesenweihe, den Wespenbussard und man könnte Vieles mehr nennen", sagt auch Bert Kowalzik vom Verein für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern (VLAB). Die Gefahr, dass die Tiere mit den Rotoren der Windräder kollidieren, sei zwischen Wargolshausen und Wülfershausen besonders hoch.

Angst vor Einkesselung

Der Verein kämpft seit Jahren juristisch gegen den Windpark. 96 Seiten umfasst die Klage. Darin geht es um "artenschutzrechtlichen Versäumnisse", aber auch um viele andere mögliche Verstöße im Genehmigungsverfahren. Der jüngste Baustopp ist verhängt worden, weil nun geprüft wird, ob nach einem Wechsel des Windradherstellers die neue, strengere Abstandsregelung greift - anstatt der, die beim ersten Antrag galt. Kowalzik und der VLAB wollen vor allem eines: Den Bau des Windparks verhindern. Die "herrliche Kulturlandschaft" werde zerstört. "Und für die Menschen in Wargolshausen würde quasi eine Einkesselung und Umzingelung entstehen."

Professor Quaschning kennt solche Argumente, sieht das Problem Artenschutz aber aus einem anderen Blickwinkel: Durch den Klimawandel gebe es bereits ein massives Sterben, sagt er. "Wir können jetzt einzelne Brutpaare schützen, indem wir Windanlagen nicht bauen. Wir lösen aber damit aus, dass diese Arten wahrscheinlich komplett aussterben werden in den nächsten 100 Jahren." Nun müsse man sich eben überlegen, was wichtiger ist.

Mehr Akzeptanz vor Ort

Allerdings glaubt auch er, dass sich vor Ort etwas tun müsse, um den Ausbau in Schwung zu bringen. So sollte man die Bürger in die Entscheidung wieder mehr einbeziehen. Und auch mit den Anlagen verdientes Geld in den Gemeinden lassen. "Das hat in der Vergangenheit bei den Bürgerwindparks relativ gut funktioniert. Man hat aber diese Option im Prinzip zerstört." Eine ähnliche Forderung steht im Zehn-Punkte-Plan der Branchen- und Umweltverbände. Die Kommunen vor Ort sollten "bundesweit einheitlich und regelmäßig" finanziell beteiligt werden. Dann würde dort auch die Akzeptanz der Windräder wieder steigen.

AfD-Chef Meuthen diskutiert bei "dunja hayali" mit Bürgern über die Energiewende, Schulen und Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt.

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Mark Hugo ist Redakteur der ZDF-Umweltredaktion

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