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Gesellschaftlich akzeptierte Folter - Die Hexen von Papua-Neuguinea

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Es sind Szenen wie vor 500 Jahren: Frauen werden als Hexen an den Pranger gestellt, gefoltert. Doch in Papua-Neuguinea ist das Realität - und der Aberglaube kaum auszutreiben.

Hexenverfolgung ist schon längst Geschichte? Nicht in Papua-Neuguinea. Dort werden vermeintliche Hexen noch immer Opfer des Aberglaubens. Dagegen kämpft die schweizer Ordensschwester Lorena Jenal.

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6 min
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Sie ist ein Häufchen Elend. Wie sie da liegt auf diesem einfachen Bett in einem kargen Krankenzimmer, bedeckt von einer Decke, nur Kopf und ihre zitternden Hände, die sie in die Höhe hält, gucken hervor. Josephine Abel ist schwer verletzt, ihre Fingerkuppen sind verbrannt und man sieht Fesselspuren an ihren Handgelenken. Ihre Tochter sitzt vor ihr auf dem Fußboden, ihr Ehemann auf einem Stuhl neben ihr, der mit einer Handbewegung die Fliegen verscheucht.

Mendi im Hochland von Papua-Neuguinea
Im Hochland von Papua-Neuguinea ist der Glaube an Hexen noch weit verbreitet.
Quelle: ZDF

Glaube an Hexerei weit verbreitet

Josephine ist gefoltert worden. Ihr Ehemann hat der Folter schweigend zugestimmt und schweigend zugeguckt. Warum? Eine Antwort auf diese Frage ist mit gesundem Menschenverstand nur schwer zu verstehen. Aber im Hochland von Papua-Neuguinea ist immer noch der Glaube an Hexen weit verbreitet - und nimmt seit ein paar Jahren sogar zu. Unzählige Frauen werden dort pro Jahr der Hexerei bezichtigt und auf Dorfplätzen öffentlich gefoltert. Auch Josephine war angeblich eine sogenannte Sanguma, eine Hexe.

Mendi im Hochland von Papua-Neuguinea ist eine Kleinstadt mit 17.000 Einwohnern auf knapp 1.700 Meter Höhe. Oberhalb des Flughafens, der seit Ausschreitungen im vergangenen Jahr nicht mehr angeflogen wird, liegt die katholische Diözese von Mendi. Dort arbeitet Schwester Lorena Jenal vom Orden der Baldegger Schwestern.

Schwester Lorena mit Christina und deren Sohn Jonathan
Schwester Lorena mit Christina und deren Sohn Jonathan.
Quelle: ZDF

Nonne hilft Opfern gegen Widerstände

Die Nonne aus der Schweiz ist Seelsorgerin und Frauenrechtlerin in einem. Sie kümmert sich um die Gefolterten, bietet ihnen Schutz und klärt unermüdlich die ländliche Bevölkerung auf. Wenn sie von Gewalt gegen Frauen erfährt, setzt sie sich in ihr Auto und fährt in die umliegenden Dörfer, versucht die Täter von ihrem Tun abzuhalten und kümmert sich um die Opfer.

Doch oft kommt sie zu spät - oder wird gar nicht erst zu den Schwerstverletzten vorgelassen. Schon oft wurde sie mit Messern und Gewehren bedroht. "Offiziell gibt es bei uns 200 Hexenfälle pro Jahr", sagt Schwester Lorena, "aber die Dunkelziffer ist wahrscheinlich doppelt so hoch". Die 69-Jährige sitzt in der Küche der Mission, ihr gegenüber Margret, Sally und Christina. Sie alle wurden als Hexen bezichtigt, gefoltert - und haben schwerstverletzt überlebt.

Schwester Lorena versucht, für Margret Schmerzensgeld von den Tätern zu bekommen. Sally, deren Ehemann der Folterung zugestimmt hatte, bekam mit Hilfe von Lorena eine neue Hütte im Dorf als Widergutmachung.

Szenen wie bei einer Kreuzigung

Und Christina? Sie kann nicht zurück. Und sie will auch nicht zurück. "Sie haben mich überall verbrannt, an den Armen, Beinen, meinen Brüsten. Sie stießen glühende Eisen in meine Vagina", sagt Christina.

Karte von Papua-Neuguinea mit Mendi
Karte von Papua-Neuguinea mit Mendi
Quelle: ZDF

2012 war das, an einem regnerischen Tag. Auf Bildern, die danach auf den Handys der Dorfbewohner kursieren, sieht man brennende Autoreifen, eine gaffende Menschenmenge und Christina, die nackt zwischen zwei Bäumen auf einem Tisch steht, die Füße und Arme gespreizt und mit Seilen an Ästen und Stämmen fixiert. Es sieht wie bei einer Kreuzigung aus. Christinas Augen sind mit einem blauen Tuch verbunden. Sie wird von Männern nicht nur mit glühenden Eisenstangen, sondern auch mit Buschmessern attackiert. Sie windet sich und schreit vor Schmerzen. Niemand greift ein.

Christina ist eine freundliche Frau mit kurzem schwarzem Haar, sie trägt ein gelbes Kleid und lächelt. Neben ihr sitzt ihr Sohn Jonathan, 13, der damals alles mit ansehen musste und traumatisiert ist. "Ich vergesse nicht", sagt sie. "Und ich vergebe nicht. Niemals." Mit einer List gelang es ihr damals, dass ihre Peiniger von ihr abließen. Schwester Lorena war es, die sie ins Krankenhaus nach Kundiawa brachte, fünf Autostunden von Mendi entfernt, und wo Christina heute in der Nähe lebt. "Ich träume von einem kleinen Kiosk und einem eigenen Haus", sagt Christina. Das Grundstück dazu hat sie bereits - Schwester Lorena hat es möglich gemacht.

Handys und Internet verbreiten Aberglauben schneller

Doch wieso kommt es immer wieder zu barbarischen Folterungen an Frauen im Hochland von Papua-Neuguinea? Der Aberglaube ist weit verbreitet und Jahrhunderte alt. Erkrankt oder stirbt jemand, mutmaßen viele Einheimische, dass ein Geist das Herz des Toten mitgenommen hat. "Oft sind es Frauen, die beschuldigt werden, von einem Geist besessen zu sein, also Hexen sind", sagt Schwester Lorena, "doch die tatsächlichen Gründe sind oft viel profaner. Da geht es um Geld, Neid und Habgier." Die Fälle häufen sich. "Viele sind von Gewaltphantasien fasziniert, Handys transportieren  Fotos und Nachrichten, Gerüchte und Geschichten verbreiten sich nun viel schneller", sagt die Ordensschwester.

Auch Christina wurde bezichtigt, für den Tod eines anderen Menschen verantwortlich zu sein. "Ich bin unschuldig", sagt sie. Von dem Hügel, auf dem die Mission liegt, kann sie fast bis zu ihrem ehemaligen Dorf Wa gucken. Doch hinfahren will sie nicht, zu schmerzvoll sind die Erinnerungen, zu groß der Hass auf die Täter.

Täter rechtfertigen ihre Taten

Schwester Lorena begleitet mich als ZDF-Reporter nach Wa. Auf dem Dorfplatz empfangen uns Steven und Roger, zwei der Täter. Sie gehen zu einem schwarzen Brandfleck im Gras; es ist die Stelle, an der sie vor sieben Jahren Christina schwer verletzt haben. Empfinden sie Scham? "Wir haben sie ja nicht einfach so gefoltert", sagt Steven. "Wir verbrennen niemanden ohne Grund oder hängen sie einfach so auf. Wir befragen sie. Wir sagen: Sei ehrlich, sag die Wahrheit. Dann stehen wir auf deiner Seite. Du musst nur gestehen. Je länger sie das nicht tun, umso größer wird natürlich unser Frust."

Und Roger, der Lehrer im Dorf ist, ergänzt:  "Wir glauben daran. Wir glauben an Hexerei. Wenn jemand krank ist und stirbt, muss ein anderer verantwortlich sein. Wir suchen den Schuldigen, der mit seiner bösen Hexerei Besitz vom Körper des Verstorbenen genommen hat."  Schwester Lorena hört schweigend zu. "Ich verurteile nicht, ich versuche nur, zu verstehen", sagt sie.

Der Dorfplatz von Wa, Schauplatz der Folterung von Christina
Der Dorfplatz von Wa, Schauplatz der Folterung von Christina
Quelle: ZDF

Polizei schaut untätig zu

Von der Polizei haben die Täter nichts zu befürchten, manchmal schaut sie bei der Folter sogar zu. Leo Kaukau ist der Polizeichef von Mendi. In seiner Freizeit wirkt er als Priester. Während des Gesprächs wird nicht ganz klar, ob auch er an Hexerei glaubt, jedenfalls sagt er: "Wir würden der Gewalt ein Ende bereiten, wenn wir denn könnten. Aber es gibt kein Gesetz gegen Hexerei mehr. Das wurde 2013 auf Eis gelegt."

Für Schwester Lorena geht der Kampf gegen den Hexenwahn weiter. Sie glaubt, dass sie es Christina, Margret, Sally und all den anderen Frauen schuldig ist. Die Nonne sitzt auf einem Stuhl am Bettrand von Josephine und sagt:  "Ihr muss ich Hoffnung machen. Sie hat eine Familie. Sie hat die Kleine. Und für diese Kleine müssen wir sorgen, dass das aufhört." Sie guckt zu ihr, schweigt. Dann sagt sie in die Stille hinein: "Ich fühle mich gerade hilflos, fast ohnmächtig."

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