Sie sind hier:

Trotz "ethischer Bedenken" - Trisomie-Bluttest bald Kassenleistung

Datum:

Die Krankenkassen wollen demnächst den Bluttest auf Trisomie ab der neunten Schwangerschaftswoche bezahlen. Aber: nicht für jede Frau. Die Grünen kritisieren die Entscheidung.

Der Gemeinsame Bundesauschuss hat entschieden: In bestimmten Fällen werden Bluttests für Schwangere zur Erkennung des Down-Syndroms von der Krankenkasse bezahlt.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

Viereinhalb Jahre hat sich der Gemeinsame Bundesausschuss Zeit genommen. Jetzt hat das höchste Gremium für mehr als 70 Millionen gesetzlich Versicherte entschieden: Schwangeren wird "in begründeten Einzelfällen" künftig der Bluttest auf die Chromosmenveränderung Trisomie 13, 18 und 21 ab der neunten Schwangerschaftswoche bezahlt. Bislang zahlt die Kassen nur die Fruchtwasseruntersuchung ab der 16. Woche, bei der die Gefahr einer Fehlgeburt besteht. Dieses Risiko, sagt der Vorsitzende des Bundesausschusses Josef Hecken, könne nun durch den Test für alle "auf Null reduziert" werden.

Allerdings habe man die Zulassung nur unter "großen ethischen Bedenken" genehmigt, so Hecken. Kritiker befürchten, dass nun die Zahl der Abtreibungen steigt. Es soll aber keine Reihenuntersuchung von Schwangeren geben, betont er. Vor Herbst 2020 ist nicht damit zu rechnen, dass die Kassen den Test übernehmen.

Beratung soll vorher und hinterher Pflicht werden

Denn eine Bedingung des Bundesausschusses ist, dass zuvor die sogenannte Versicherteninformation geändert wird. Das bedeutet: Wie schon jetzt bei der Schwangerenkonfliktberatung sollen werdende Eltern betreut werden. Der Bluttest muss, so Hecken, "mit intensiver Beratung und Aufklärung verbunden sein". Sowohl vor als auch nach dem Test. Falls der Verdacht auf Trisomie bestehen sollte, soll es "verpflichtend" weitere Beratungen geben, ebenso zur Absicherung eine Fruchtwasseruntersuchung. "Wir haben versucht, die Hürden so hoch zu legen, so dass man zu einer halbwegs verantwortbaren ethischen Entscheidung kommen kann", so Hecken. "Die Beratung ist das zentrale Element."

Diskussion um Bluttest für Schwangere

Beitragslänge:
8 min
Datum:

Neben des geringeren Risikos für das ungeborene Kind waren zwei weitere Punkte für die Entscheidung des Bundesausschusses ausschlaggebend: Der Test, der seit 2012 bereits auf den Markt ist, werde Hecken zufolge derzeit von den Schwangeren auf eigene Kosten und oft ohne jede Beratung genutzt. Das könnte sich nun mit der generellen Zulassung für Kassenpatienten ändern. Immerhin kostet der Bluttest derzeit zwischen 150 und 300 Euro. Nach Angaben des Bundesausschusses nutzten im vorigen Jahr 120.000 Frauen den Test. Fruchtwasseruntersuchungen gab es dagegen nur 13.000.

Zweitens: Da der Test bereits heute ab der neunten Schwangerschaftswoche legal ist, habe es laut Hecken keinen Sinn gehabt, hinter die magische zwölfte Schwangerschaftswoche zurückzugehen. Bis dahin ist eine straffreie Abtreibung möglich. "Es gab keine medizinischen und wissenschaftlichen Gründe, um von der bisherigen Zulassung abzuweichen", sagt Hecken. Bis Ende 2020, wenn die neue Regelung in Kraft treten könnte, könne der Bundestag aber noch selbst eingreifen und Richtlinien ändern. "Wir hoffen, dass der Bundestag die ethische Debatte fortführt." Der Bundestag hatte im April über diesen und andere Tests diskutiert.

Grüne: Entscheidung ist falsch

Der Beschluss muss nun vom Bundesgesundheitsministerium geprüft werden. Die Grünen im Bundestag kritisieren die Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses. "Ich halte die heutige Entscheidung des GBA inhaltlich für falsch", sagt Corinna Rüffer, behindertenpolitische Sprecherin der Fraktion. "Die Kassenübernahme des Tests suggeriert, er sei sinnvoll." Deshalb würden ihn Schwangere künftig vermehrt nutzen. "Wer ihn nicht machen möchte, wird sich eher rechtfertigen müssen", so Rüffer. Schwangeren zu suggerieren, es sei ein Risiko, ein Kind mit Trisomie zu bekommen, sei falsch.

Auch mehrere Verbände hatten in ihren Stellungnahmen darauf hingewiesen, dass der Begriff des Risikos näher definiert werden müsse. Andernfalls könne es doch zu Massenuntersuchungen kommen, weil eben allein das "gefühlte" Risiko für den Bluttest ausreichen könne. Außerdem müssten Familien mit behinderten Kindern besser unterstützt werden. Auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) bedauert die Entscheidung des Bundesausschusses. So werde einer immer weitergehenden Qualitätskontrolle hinsichtlich des ungeborenen Lebens der Weg gebahnt, sagt Präsident Thomas Sternberg. "Denn es dürfte nicht bei den derzeit verfügbaren Tests bleiben."

Auch der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Jürgen Dusel, mahnte: Familien mit behinderten und pflegebedürftigen Kindern müssten mehr Respekt, Anerkennung und staatliche Unterstützung erfahren. "Die modernen medizinisch-technischen Methoden können wir nicht aus der Welt schaffen, aber die Haltung zu Kindern mit Behinderungen, die Behinderung als Makel zu betrachten oder als Bürde für die Eltern, die müssen wir ändern." Ulla Schmidt, Vorsitzende der Lebenshilfe, begrüßte die Entscheidung. Es gehe um begründete Einzelfälle, bei denen mehr Faktoren für eine solche Untersuchung in Betracht gezogen würden als nur das Alter der werdenden Mutter, sagte die SPD-Politikerin im Deutschlandfunk. Sie habe Verständnis dafür, wenn Eltern wissen wollten, ob ihr Kind genetisch vorbelastet sei. Es dürfe aber nicht zu einer Debatte in Deutschland kommen, dass sich Eltern von behinderten Kindern fragen lassen müssten, ob sie das nicht hätten verhindern können.

Bluttest-Röhrchen in Labor

Entscheidung über Kassenleistung - Trisomie-Test mit Nebenaufgaben

Trisomie-Test für Risikoschwangere als Kassenleistung: Heute fällt die Entscheidung, ob er ab 2021 kommt. Große Zweifel daran gibt es nicht mehr, aber viele Fragen bleiben.

von Kristina Hofmann, Berlin
Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um Ihnen ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier können Sie mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.