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CRISPR/Cas - Gen-Schere erstmals an Embryonen in USA getestet

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Ein weiterer Schritt in Richtung Designer-Baby ist getan. Defekte Gene raus, heile Gene rein: Wissenschaftler haben an menschlichen Embryonen mit einer Art Hochpräzisions-Schere Gene ausgetauscht, die für eine Erbkrankheit verantwortlich sind. Die Methode "CRISPR/Cas" elektrisiert die Wissenschaft.

Eingriffe in das menschliche Erbgut sind umstritten. Nun erzielte die Forschung wieder einen Fortschritt: bei Embryonen konnte ein Gendefekt behoben werden, der zu einem Herzfehler führt.

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Es klingt wie aus einem Roman: Eine Gruppe von Wissenschaftlern, ein Labor und eine Technik, mit der Gene aus der menschlichen DNA herausgeschnitten werden können, um sie auszutauschen. Der Mensch als Schöpfer seiner selbst? Schriftsteller Marc Elsberg hatte erst im vergangenen Herbst in seinem Wissenschaftsthriller "Helix" einen Blick in diese Welt riskiert. Sein Szenario: Menschen werden mit Hilfe eines genetischen Baukastensystems zusammengebastelt. Die Technik dazu gibt es wirklich - und ihr Einsatz rückt näher.

Ein internationales Forscherteam hat erstmals auch in den USA an menschlichen Embryonen die Gen-Schere "CRISPR/Cas" angewendet und damit die Keimbahn verändert. Das berichtet die Zeitschrift "Nature".

Wissenschaftler korrigieren genetische Fehler

Die Embryonen waren eigens zu Forschungszwecken in vitro durch künstliche Befruchtung hergestellt worden. An ihnen sei der Nachweis erbracht worden, dass es möglich sei, einen genetischen Fehler einer dominanten Erbkrankheit schon zum Zeitpunkt der Befruchtung zu korrigieren, hieß es. Dabei ging es um eine erblich bedingte Herzmuskelschwäche.

Deutsche Wissenschaftler reagierten unterschiedlich auf den Bericht. Eingriffe in die Keimbahn gelten vielfach als Tabu. Denn dabei werden Gene verändert, die an alle Nachkommen vererbt werden. Bei den Experimenten der US-Forscher sei dies nicht der Fall gewesen, hieß es in der Zeitschrift, denn die verwendeten Embryonen durften nicht in eine Gebärmutter eingesetzt werden.

CRISPR/Cas-Experimente auch in China

Die Experimente wurden an der Universität in Portland durchgeführt. Zuvor hatte es ähnliche Experimente bereits in China gegeben. Bislang galten gezielte Eingriffe ins Erbgut als technisch schwer umsetzbar. Mit "CRISPR/Cas" aber können Gene mit Hilfe zelleigener Enzyme eingefügt, verändert oder ausgeschaltet werden. Weltweit arbeiten Forscher bereits daran, Nutzpflanzen ertragreicher zu machen. Brisanter sind Veränderungen menschlicher Gene: Wissenschaftler träumen von neuen Heilungsmöglichkeiten. Im Labor konnten sie bereits Chorea Huntington und Mukoviszidose heilen.

Am heikelsten aber sind gentechnische Veränderungen der menschlichen Keimbahn. Solche Eingriffe veränderten alle künftigen Generationen, warnt der evangelische Theologe Dabrock. Auch eine im März veröffentlichte Stellungnahme elf prominenter Wissenschaftler von der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina betont, dass jede gezielte Keimbahnveränderung "beim derzeitigen Stand der Forschung unterbleiben" sollte.

Wissenschaft: Freiwillige Selbstbeschränkung

Auch den Erfinderinnen der neuen Technik ist die Brisanz bewusst. Die Molekularbiologin Doudna organisierte 2015 einen Ethik-Gipfel in den USA. Ergebnis: eine freiwillige Selbstbeschränkung der Wissenschaft. Grundlagenforschung soll vorangetrieben, die Keimbahn-Therapie aber - zumindest für mehrere Jahre - geächtet werden.

Vor diesem Hintergrund löst die Veröffentlichung in "Nature" eine naturwissenschaftliche, aber auch eine ethische Debatte aus. So verwies der Berliner Stammzellenforscher Klaus Rajewsky darauf, dass zwar rund 72 Prozent der Versuche zu intakten Embryonen geführt hätten. "Dafür aber erkauft man sich in den verbleibenden fast 28 Prozent Reparatur-Defekte." James Adjaye, Düsseldorfer Stammzellforscher, begrüßte Erkenntnisse für die Grundlagenforschung. Unerwartet sei etwa, dass sich die Reparatur-Mechanismen im frühen Embryo offenkundig unterschieden von denen anderer Zellen.

Kritik auch aus der Wissenschaft

Manchen Wissenschaftlern klingt der Bericht in "Nature" allerdings wie ein Schritt in die falsche Richtung: Heftige Kritik äußerte die Vorsitzende des Europäischen Ethikrates (EGE), die Kölner Medizinerin Christiane Woopen. "Dies ist ein eindrucksvolles Beispiel für gesellschaftsvergessene Forschung", erklärte sie. Die Forscher blendeten komplett aus, dass es letztlich um eine Menschheitsfrage gehe, die intensiv diskutiert werden müsste.

Auch Dabrock warnte, es sei ethisch verwerflich, wie der Eindruck erweckt werde, "wir könnten, ja sollten, bald Keimbahn-Interventionen vornehmen". "Nur um die Ersten zu sein - diesmal nicht auf dem Mond, sondern bei der Keimbahn-Manipulation -, scheinen Labore nicht mehr nur in China, sondern auch in den USA oder in England keine Grenze mehr zu kennen", schreibt der Theologe, der damit seine Privatmeinung bekundete. "Sie scheinen bereit zu sein, schwerste Gesundheitsrisiken für spätere Menschen in Kauf zu nehmen."

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