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Nervig oder notwendig?

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Gendersensible Sprache - Nervig oder notwendig?

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Die Stadt Lübeck verwendet seit Neujahr gendersensible Sprache. Die Verwaltung will bewusst alle Menschen ansprechen. Der Verein Deutsche Sprache lehnt das entschieden ab.

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Quelle: imago

"Liebe Lübecker:innen", so spricht Bürgermeister Jan Lindenau seine Mitmenschen in der Hansestadt zum Jahreswechsel online in einem Grußwort an. Er will bewusst alle Menschen ansprechen. "Frauen und Männer und jene, die sich nicht als Frau oder Mann beschreiben", heißt es in einem Leitfaden der Stadt dazu. Die gesamte Verwaltung soll in Formularen, E-Mails und Broschüren zukünftig in gendersensibler Sprache formulieren. Es sollen "diskriminierungsfreie Ansprachen" gefunden oder der Gender-Doppelpunkt benutzt werden.

Das Ziel: Mehr Gerechtigkeit für Frauen und Minderheiten, die sich auch in der Sprache ausdrückt. Auch andere Städte wie Hannover oder Universitäten haben bereits ähnliche Sprachregelungen eingeführt. Doch es gibt Gegner dieser Idee. Sabine Mertens vom Verein Deutsche Sprache (VDS) sieht keine Notwendigkeit für die Einführung gendergerechter Sprache und fürchtet um die Schönheit der Sprache. Die Argumente beider Seiten:

Was spricht dagegen?

  • Sabine Mertens

    ist gegen die Einführung gendersensibler Sprache in Verwaltungen.

"Ich bin empört", sagt Sabine Mertens. Sie hat Bürgermeister Lindenau eine Mail geschrieben und gefordert, den Leitfaden zurückzunehmen. Die Verwendung des Doppelpunkts sei eine Entstellung der Sprache, eine Verrenkung. Ihrer Meinung nach hat die deutsche Sprache bereits eine Form, alle Menschen anzusprechen - das generische Maskulinum.

Der Ingenieur ist der Ingenieur, ob Frau, Mann oder Hermaphrodit. Es ist vollkommen schnuppe, es sind alle gemeint.
Sabine Mertens, VDS

Eine Veränderung von "oben"

Sie verstehe, dass sich alle Menschen angesprochen fühlen wollen, auch solche, die sich nicht als Mann oder Frau identifizieren. Einen stattfindenden Kulturwandel erkennt sie an. "Aber der Kampf für soziale Gerechtigkeit findet woanders statt, im alltäglichen Leben", sagt sie. Es störe sie, dass die Verwaltung der Stadt Lübeck die Veränderung von "oben" vorgebe. Sowohl der Doppelpunkt, Verallgemeinerungen wie "Radfahrende" oder "Arbeitnehmende", als auch die Vermeidung von Stereotypen und Rollenklischees wie "Mutter-Kind-Parkplatz", wie sie im Leitfaden vorgeschlagen werden.

Diese und andere Bemühungen seien nervig, unpraktisch und nicht konsequent durchzusetzen, denn sie führten zu Konstruktionen wie "Einwohnerinnen- Einwohnermeldeamt". Sternchen oder der Doppelpunkt seien in der deutschen Rechtschreibung nicht vorgesehen und entstellten das Sprachbild. "Lächerlich", so heißt es in einem Aufruf des VDS gegen gendergerechte Sprache.

Für Sabine Mertens geht die Debatte um sprachliche Veränderungen am Alltag vorbei, sie werde vor allem an Universitäten und im Feuilleton geführt. "Es ist ein Elitenthema und verunsichert die Leute", sagt sie. Der "Ottonormalverbraucher" könne die Bestrebungen nicht nachvollziehen.

Der Verein geht bei dem Thema auf Konfrontation. In einer Presseerklärung bietet er Lübecker Stadtbediensteten Prozesskostenhilfe an, sollten sie Nachteile erleiden, weil sie dem Leitfaden nicht folgen.

Was spricht dafür?

  • Jens Lindenau

    hält den Einsatz von gendersensibler Sprache für notwenidig.

"Wir wollen als Verwaltung diskriminierungsfrei kommunizieren", sagt Jan Lindenau, Bürgermeister von Lübeck. Das heißt: "Betroffene Person", statt "der/die Betroffene" oder "Elternteil", statt "Mutter/Vater". Außerdem wird der Gender-Doppelpunkt als Möglichkeit empfohlen.

Diese Bemühungen zeigten Toleranz gegenüber dem Einzelnen, so Lindenau. Sprache spielt seiner Meinung nach bei der Herstellung von Geschlechtergerechtigkeit eine wichtige Rolle. Und so werde sprachlich auch auf Minderheiten in der Gesellschaft Rücksicht genommen.

Das generische Maskulinum tue dies nicht zu genüge. Es schließt grammatikalisch alle Geschlechter ein. Doch Studien zeigen: Wer von Physikern oder Balletttänzern liest, denkt mit hoher Wahrscheinlichkeit erst mal an eine Gruppe von Männern. Die Verwendung des generischen Maskulinum ruft weniger Assoziation mit anderen biologischen Geschlechtern hervor.

Es gibt ein drittes Geschlecht

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts 2017, das das Recht auf Anerkennung des dritten Geschlechts bestätigte, sei der Auslöser einer Debatte bezüglich geschlechtergerechter Sprache in Lübeck gewesen. Bei einer "Einwohner:innenversammlung" sei ein Antrag diesbezüglich einstimmig verabschiedet worden. Der nun geltende Leitfaden sei die daraus folgende praktische Umsetzung.

Ich glaube, eine Gesellschaft braucht diese Debatte, wenn sie eine offene und vielfältige Gesellschaft ist.
Jan Lindenau, Bürgermeister Lübeck

Im Alltag sei die Veränderung nicht gravierend, berichtet Lindenau. Dass seine Rede bei einem Neujahrsempfang geschlechtergerecht formuliert gewesen sei, hätte niemand bemerkt. "Wenn wir bewusster mit Sprache umgehen, stellen wir fest, dass es gar kein Problem gibt mit dieser Art der Ausdrucksweise."

Wertschätzung des Einzelnen

Dass Mitglieder der Verwaltung Sanktionen zu befürchten hätten, weil sie den Doppelpunkt oder anderen Empfehlungen nicht benutzen, sei nicht der Fall, so Lindenau. Man sei außerdem offen für andere geschlechtsumfassende Formulierungen. Zudem wird im Leitfaden angemerkt, dass die Veränderungen Zeit brauchen. Personen, die wie vorher zum Beispiel mit "Sehr geehrte Frau Mayer" angeschrieben werden wollen, statt nun "Sehr geehrte: Maria Mayer", können dies anmerken und man werde ihre Rückmeldung berücksichtigen.

Die Reaktion des Vereins Deutsche Sprache auf den Leitfaden und das Angebot Prozesshilfe zu leisten, kritisiert Lindenau scharf. "Das hat nichts mit Wertschätzung oder konstruktiver Auseinandersetzung zu tun."

Der Autorin auf Twitter folgen: @frauhou

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